Ultraschalluntersuchung bei einer Schwangeren (Foto: dpa)
Das im vergangenen Jahr in Erlangen geborene Kind einer Wachkoma-Patientin entwickelt sich gut. Es gebe keinen Hinweis auf gesundheitliche Probleme. Der heute etwa ein Jahr und fünf Monate alte Junge lebe in der Obhut des Jugendamtes, erklärte Matthias Beckmann, Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Erlangen. Der leibliche Vater könne sich nicht um seinen Sohn kümmern, weil er beruflich viel im Ausland unterwegs sei.
Die damals 40-jährige Mutter des Jungen hatte in der 13. Schwangerschaftswoche einen Herz-Kreislauf-Stillstand infolge eines Herzinfarktes erlitten und war ins Wachkoma gefallen. Die Ärzte hielten die Schwangerschaft bis in den neunten Monat aufrecht und entbanden in der 35. Schwangerschaftswoche im Frühjahr 2008 schließlich ein gesundes Kind per Kaiserschnitt. Die Geburt trotz Koma war erst vergangene Woche bekanntgeworden.
Mutter hat starke Hirnschäden
Die Mutter liegt seit der Entbindung vor eineinhalb Jahren in einem Pflegeheim. "Sie lebt noch, aber es geht ihr nicht so gut", sagte Beckmann. Sie habe schwere Hirnschäden. Nur der Hirnstamm funktioniere noch. 70 Prozent des restlichen Gehirns seien dagegen für immer verloren. Die damals 40-Jährige hatte am 24. Dezember 2007 bei einem Besuch von Freunden in einer ländlichen Region einen Herzinfarkt mit Kreislaufstillstand erlitten. Bis der Notarzt eintraf, vergingen 30 Minuten. Obwohl ihre Bekannten sie während dieser Zeit zu reanimieren versuchten, erlitt die Frau irreparable Hirnschäden. Außerdem arbeitete ihr Herz seit dem Infarkt nur noch zu 25 Prozent. Sie wurde bewusstlos ins Erlanger Klinikum eingeliefert.
Junge "war völlig in Ordnung"
"Uns war klar: Wenn das Kind gesund und lebensfähig ist, entscheiden wir uns für das Kind", erklärte der Klinikchef. Untersuchungen des Fötus hätten gezeigt, dass der Junge trotz der langen Wiederbelebungszeit seiner Mutter keine gesundheitlichen Schäden abbekommen hatte. "Er war völlig in Ordnung. Das war die Grundlage für uns zu sagen: Wir machen alles, um ein gesundes Baby auf die Welt zu bringen.""Es war nicht nur Medizin, sondern auch Glück", sagte Beckmann. "Wir sind sehr stolz darauf, dass wir das geschafft haben." Die Frau sei mit über 100 Kilogramm nicht nur deutlich zu schwer gewesen, sondern darüber hinaus auch eine starke Raucherin und Diabetikerin.
Mediziner mussten Neuland betreten
Dabei habe die Klinik Neuland betreten. So habe niemand genau gewusst, wie viel Nahrung ein Fötus eigentlich brauche, um sich normal zu entwickeln. "Aber das Kind ist immer schön gewachsen", schildert Beckmann. Nach Angaben von Beckmann hat die Klinik sämtliche therapeutischen Maßnahmen und auch die Frage der Ernährung mit dem Klinischen Ethikkomitee abgestimmt. Auch wurde die Nahrung, die die Frau über eine Sonde bekam, in Abhängigkeit von regelmäßigen Labortests speziell zusammengestellt, um auch das Kind optimal mit Folsäure und Vitaminen zu versorgen. Die beiden älteren Kinder der Frau, deren Vormundschaft das Jugendamt übernommen hatte, hatten ihre Mutter den Angaben zufolge regelmäßig in der Klinik besucht.
"Außergewöhnliches" Ereignis
Weltweit seien seit den 1970er Jahren rund 25 Fälle von Schwangeren mit Hirntod oder Koma veröffentlicht worden, erklärte Beckmann. Die meisten Schwangerschaften endeten allerdings mit Misserfolgen, Frühgeburten oder in manchen Fällen mit ernsten Schädigungen des Kindes. Der Fall in Erlangen sei "im Hinblick auf das Alter der Mutter, die nahezu adäquat lange Schwangerschaftsdauer und den völlig normalen Gesundheitszustand des Kindes in der Wissenschaftswelt außergewöhnlich und sehr erfreulich", betonte der Mediziner.