19.12.2011, 11:02 Uhr
"Geliebter Führer" - so ließ sich Kim Jong Il, der letzte stalinistische Diktator auf Erden, offiziell nennen. Zuweilen erschien er auch als "Sonne der Menschheit", "Unser Vater" oder "immerwährender Himmel". Wer war dieser Herrscher, dessen Untertanen zum Teil unter kärglichsten Umständen ihr Dasein fristen? Vieles aus der Biographie des Despoten liegt im Dunklen.
Nach offizieller Version stand die Wiege des "Führers aus Stahl" in einem Partisanenlager seines Vaters am höchsten Berg Nordkoreas, dem Paektu. Die Geburt im Februar 1942, so wird berichtet, soll von einem doppelten Regenbogen und einem hellen Stern am Firmament begleitet worden sein.
In Wahrheit kam Kim Jong Il wohl 1941 in Sibirien zur Welt. Hier, in Stalins Sowjetunion, harrte sein Vater Kim Il Sung im Exil aus, um später die Revolution auf die koreanische Halbinsel zu tragen.
Ähnlich bizarr wie die mystische Verklärung seiner Geburt gestaltet sich der Personenkult, den Kim Jong Il von seinem Vater übernommen hat. Allerorten - ob in öffentlichen Gebäuden oder Wohnstuben - blickt der "Geliebte Führer" wohlwollend auf seine Untertanen herab, stets in enger Nachbarschaft zum Bilde seines Vaters, dem "Präsidenten auf ewige Zeit". Zu dessen Ehren gibt es dutzende Denkmale und Museen.
Es dauerte lange, bis der Sohn aus dem Schatten des Vaters hervortreten durfte. Offiziell wurde Kim Jong Il 1991 zum Parteichef gewählt und übernahm dann nach und nach das politische Tagesgeschäft von seinem Vater, der drei Jahre später starb. Kim Jong Il tritt kaum in der Öffentlichkeit auf. Berichte über ihn stammen meist aus südkoreanischern Quellen, die nicht unbedingt Gewähr für einen hohen Wahrheitsgehalt bieten. Gerne hatte man im südlichen Teil der Halbinsel kolportiert, der Thronfolger in der kommunistischen Dynastie des Nordens habe eine Vorliebe für die Cognac-Marke "Hennessy Paradis". Vorzugsweise umgebe sich der eitle, zuweilen auch cholerische Playboy mit - manchmal sogar aus Japan entführten - hübschen Mädchen und sei auch sonst für jede Art von Luxus offen, während das Volk Hunger leiden muss.
Unter Kim sollen Schätzungen zufolge zwischen 1996 und 1999 rund eine Millionen Nordkoreaner verhungert sein.
In jenes Bild passen auch die Berichte eines früheren Leibkochs des Diktators. Dieser beschrieb in einem Buch nach seiner Flucht aus Nordkorea das Leben am Hofe der Kims: Trinkgelage, Speisen nur vom Feinsten und die ständige Angst der Höflinge, in Ungnade zu fallen - denn das endete, so der Koch, mit Arbeitslager oder Hinrichtung.
Als Geheimdienstchef soll Kim Jong Il auch für blutige Anschläge im Ausland verantwortlich gewesen sein. So kamen bei einem Attentat auf ein südkoreanisches Passagierflugzeug 115 Menschen ums Leben. In Birmas Metropole Rangun starben mehrere Minister Südkoreas bei einem Anschlag.
Mit dem Besuch des südkoreanischen Staatschefs Kim Dae Jung in Pjöngjang änderte sich im Juni 2000 allerdings das Bild des Despoten schlagartig. Beim ersten koreanisch-koreanischen Gipfel traf Kim Dae Jung einen gastfreundlichen, zuweilen sogar charmanten Diktator. Bei einem gemeinsamen Abendessen sang man alte Volkslieder. Kim Jong Il verfüge über einen "gesunden Menschenverstand", berichtete der Südkoreaner. Auch Madeleine Albright versicherte damals: "Er ist nicht verrückt." Die Außenministerin des früheren US-Präsidenten Bill Clinton konferierte im Oktober 2000 zwölf Stunden mit Kim Jong Il.
Das diplomatische Tauwetter währte allerdings nur kurze Zeit. Kim Dae Jung musste später sogar zugeben, sich den Besuch beim Nachbarn mit mehreren 100 Millionen Dollar erkauft zu haben. Seit US-Präsident George W. Bush Nordkorea der "Achse des Bösen" zurechnete, gab Kim Jong Il nach außen wieder den Revolutionär, der sein Land vor den imperialistischen Umtrieben der Vereinigten Staaten beschützen müsse.
Seit mehreren Jahren bereits war es mit Kims Gesundheit bergab gegangen. Im Jahr 2008 erlitt er einen Schlaganfall, in dessen Folge seine linke Körperhälfte beeinträchtigt war. Außerdem hatte er berichten zufolge Nierenprobleme, Diabetes und Bluthochdruck. Genaues wusste kaum jemand: Kims Gesundheitszustand wurde wie ein Staatsgeheimnis behandelt.
Beobachtern fiel jedoch auf, dass Kims Entscheidungen immer irrationaler erschienen, etwa der Angriff auf ein südkoreanisches Marineschiff im März 2010 im Grenzgebiet zu Südkorea, bei dem 46 Soldaten starben. Nordkorea wies jegliche Verantwortung von sich. Laut CIA-Chef Leon Panetta wollte Kim Jong Il mit solchen riskanten Aktionen die Glaubwürdigkeit seines Sohnes Kim Jong Un in militärischen Belangen unter Beweis stellen. Denn Kim baute seinen jungen Sohn, der 1983 oder 1984 geboren wurde, als Nachfolger auf.
Quelle: t-online.de , AFP
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