Startseite Jetzt online bestellen und 10% Rabatt sichern

Sie sind hier: Home > Nachrichten > Specials > Rechter Terror in Deutschland >

Kampf gegen Rechts: Das Dorf hinter Dresden

...

"Bürschelchen, Du wirst hier nicht feiern"

25.11.2011, 12:16 Uhr | Von Jochen Brenner

Ein Idyll wie aus dem Bilderbuch scheinen viele kleine Dörfer in Sachsen zu sein. Doch mitunter ist der braune Sumpf dort sehr tief und schwer trockenzulegen (Quelle: imago)

Ein Idyll wie aus dem Bilderbuch scheinen viele kleine Dörfer in Sachsen zu sein. Doch mitunter ist der braune Sumpf dort sehr tief und schwer trockenzulegen (Quelle: imago)

Als Karin Berndt gewählt wurde, bestimmte die "Kameradschaft Oberlausitz" das Leben in Seifhennersdorf, einem Ort am südöstlichsten Zipfel Ostdeutschlands. Zehn Jahre später blickt die Bürgermeisterin auf einen Kampf gegen rechts zurück, der ihr alles abverlangte. Jetzt geht ihr auch das Geld dafür aus.

Kampf gegen Rechts: Bürgermeisterin Karin Berndt in Seifhennersdorf (Quelle: Spiegel Online) Drei Seifhennersdorfer im Kampf gegen Rechts ... bitte klicken! (Quelle: Spiegel Online)Sie kämpft, aber sie lügt nicht. Sie sagt: "Bürschelchen, Du wirst hier nicht feiern." Und genehmigt den Termin im Kulturzentrum nicht. Die Rechtsextremen in der Stadt wollen dort ihre Weihnachtsfeier veranstalten, getarnt ist das Fest als Geburtstag.

Karin Berndt kann das, eine Genehmigung verweigern, sie ist die Bürgermeisterin von Seifhennersdorf. Aber darf sie es auch? Die Juristen im Rathaus geben ihr den Tipp zu lavieren: Der Abend im Kulturhaus sei belegt, kein anderer Termin mehr frei. Karin Berndt aber sagt: "Ich erfinde doch nichts für die."

2010 die letzte Überschwemmung

Sie ist jetzt 54, seit knapp zehn Jahren als Bürgermeisterin im Amt - und "davor habe ich beruflich etwas Ähnliches gemacht", sagt Berndt. "Ich war Kindererzieherin in einer Krippe. Dort wurde auch jeden Tag gekämpft."

Seifhennersdorf liegt an der tschechischen Grenze, auch Polen ist nicht weit, und immer mal wieder tritt die Mandau über die Ufer und überschwemmt das Städtchen, 2010 das letzte Mal, ein Drittel der Häuser lief voll.

Interaktive Karte
Der Atlas des Rechtsextremismus
Wo ist Deutschland wie rechtsextrem? (Quelle: stepmap.de)

In welchen Bundesländern sind Rechtsextreme wie organisiert? Wo sind die Hochburgen der NPD? Die Antworten gibt der Atlas des Rechtsextremismus

"4071 Seifhennersdorfer gibt es noch", sagt Karin Berndt, gerade hat sie die aktuellen Zahlen bekommen. 8000 Menschen haben hier vor der Wende mal gelebt, bis sie zu Wirtschaftsvertriebenen wurden. Die Bürgermeisterin nennt sie so, die jungen Männer und Frauen, die in der Region keine Jobs mehr finden und deswegen abwandern. 20 Prozent sind im Schnitt ohne Arbeit, unter den Jungen ist die Zahl viel höher.

Die Rechten wird sie nicht los

Berndt setzt sich nun mit denen auseinander, die geblieben sind. Für die Alten, Kranken und Schwachen versucht sie, Seifhennersdorf zu einem lebenswerten Städtchen zu machen. Die anderen wird sie nicht los. "Ich habe von meinem Vorgänger nicht nur ein Amt übernommen, sondern auch eine Kameradschaft", sagt Berndt. "Die denkt nicht daran, von alleine zu verschwinden."

Foto-Serie: Letze Bilder der Neonazis?
6 Bilder von 8

Der sächsische Verfassungsschutz behält die "Kameradschaft Oberlausitz" seit Jahren im Auge, ihre Mitglieder gelten als gewalttätig und gut vernetzt. Während einer Razzia im Jahr 2006 fanden Ermittler bei Mitgliedern Hakenkreuzfahnen, Schreckschusspistolen, rechte Musik und Sturmhauben.

Als Karin Berndt ihr Amt antritt, sind die Neonazis fester Teil der Seifhennersdorfer Gesellschaft, die Kameradschaft ist im Vereinsregister eingetragen, mit allen Privilegien des Bürgerlichen Gesetzes ausgestattet. "Arrangieren oder Widerstand, das waren meine Alternativen", sagt Karin Berndt.

74 Mandate in 62 Städten für die NPD

Sie führt seit zehn Jahren einen Kampf, der wohl nie entschieden wird und dessen Erfolge sich einer Messung entziehen, das macht ihn so ermüdend. Auf die Frage, ob "zu viele Ausländer in Deutschland leben", antworteten in einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gerade 65,4 Prozent der Sachsen mit "Ja". Der Aussage "Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss" stimmten landesweit 18 Prozent zu. Beides sind bestürzend hohe Werte. Bei der Kommunalwahl 2009 erhielt die NPD 74 Mandate in 62 Städten und Gemeinden: Ohne den Kampf vieler Menschen in Sachsen gegen rechts wären es möglicherweise noch mehr.

Menschen wie Sven Kaseler. Er koordiniert seit zehn Jahren die Arbeit des Vereins "Augen Auf". Er holt Zeitzeugen des Nazi-Terrors in die Oberlausitz, er vermittelt Sozialpädagogen an Schulen in der Region, die mit den Kindern über den braunen Terror sprechen. "In zehn Jahren sollte es uns nicht mehr geben müssen", sagt Kaseler. "Aber das ist wohl nur ein Traum."

Menschen wie Dorothea Schneider. Sie engagiert sich gegen rechts. Bei einer Party im Zittauer Volkshaus wollte sie den Hitlergruß einiger Gäste nicht länger tolerieren und bat den Sicherheitsdienst um Hilfe. Der Mann gab den Neonazis Zigaretten aus und sagte zu Schneider, "es war doch nicht so gemeint". Sein Chef hatte Angst um den Umsatz.

"Die Sauerstoffzufuhr abschneiden"

Menschen wie der Unternehmer Christoph Hess. Er spendet seit sechs Jahren für den Kampf gegen rechts, für "Augen Auf". Seine Firma stammt eigentlich aus dem Schwarzwald, 110 Leute fertigen jetzt in einem Werk in der Oberlausitz Außenlampen für Philadelphia, Dresden oder Katar. "Ausländische Gäste müssen ohne Angst durch die Stadt gehen können", sagt sein Chefeinkäufer in Sachsen. "So kann es doch nicht weitergehen."

Es ist ein Satz, mit dem viele in der Region ein Gespräch starten. Karin Berndt blickte kurz nach ihrem Amtsantritt in die Straßen ihres Städtchens und sagte: "Erziehen werd' ich die Rechten nicht mehr. Aber ich kann ihnen die Sauerstoffzufuhr abschneiden."

Das macht sie seither, sie nimmt den Nazis ihren Nachwuchs. Karin Berndt gründet in Seifhennersdorf einen Schul- und einen Jugendclub. Wer dort ist, kommt nicht auf andere Gedanken, das ist die Idee. Sie unterstützt Vereine, die sich um den Nachwuchs kümmern, sie lässt eine Skater-Halle einrichten. "Das haben wir dann alles aus dem eigenen Haushalt bezahlt", sagt sie, obwohl doch eigentlich der Kreis dafür aufkommen müsste. Helfer rekrutiert sie auf dem Zweiten Arbeitsmarkt: Meist Langzeitarbeitslose, die wieder in einen Job finden sollen. "Für sie läuft die Förderung im Februar aus. Dann kann ich hier zumachen."

Kaum noch Springerstiefel und Glatzen

Ihre Arbeit ist eigentlich dringender denn je. Der Feind hat sich verändert in Seifhennersdorf, "die Zeit der krassen Rechten ist vorbei". Springerstiefel tragen sie nur noch selten, Glatzen vielleicht noch einzelne. "Die neuen Nazis geben sich als brave, fleißige, ordentliche Deutsche."

Im Frühjahr stellen Seifhennersdorfer Rechtsextreme den Maibaum auf, "morgens um halb sechs", sagt die Bürgermeisterin, "und um sechs Uhr haben die den Platz schon wieder gefegt. Das schaffen meine Leute vom Bauhof nicht so schnell." Wer mitten in der Stadt etwas für die Gemeinschaft tut - kann der so schlecht sein? "Viele verharmlosen die Rechten auch, weil sie sie zu kennen glauben", sagt Karin Berndt. "Das ist doch unsere Dorfjugend, was ist schon dabei."

Die Lebensfreude und Geselligkeit seien in den vergangenen Jahren verloren gegangen, sagt sie. "Früher war das nicht so."

"Hinter Dresden ist auch noch Deutschland"

Früher hatte Seifhennersdorf einen großen Bahnhof aus dem Jahr 1874, ein stolzes Gebäude, das dem Städtchen in der Oberlausitz Wohlstand versprach. Heute halten die Züge an einem Behelfshalt, der Bahnhof ist privatisiert. "Wir sind hier abgehängt in der Oberlausitz", sagt Karin Berndt, "aber hinter Dresden ist auch noch Deutschland."


Quelle: Spiegel Online

Inhalt versenden Versenden
Leserbrief An die Redaktion
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus.
Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Diese Mail an
mailing-ifrarr
Artikel versenden
Empfänger
Absender
Name
Name
E-Mail
E-Mail
Nachricht
 

"Kampf gegen Rechts: Das Dorf hinter Dresden" verlinken

Verlinken Sie uns, wenn Ihnen der Artikel "Kampf gegen Rechts: Das Dorf hinter Dresden" gefallen hat.

 
schließen

Kommentare (57)

zum Forum

Thema: "Kampf gegen Rechts: Das Dorf hinter Dresden"

ich schrieb: am 24. November 2011 um 20:52:51
(103) (89) "Kampf gegen Rechts: Das Dorf hinter Dresden"
Pflanzt Bäume,wir werde ihre Äste brauchen!!

Kommentar melden

geron 1 schrieb: am 24. November 2011 um 20:28:36
(82) (225) sachsen
Danke LOT ! Kann man nur noch sagen rechtsradikales Sachsenpack Pfuteufel !

Kommentar melden

LOT schrieb: am 24. November 2011 um 20:12:33
(99) (193) CDU-FDP als NPD-Unterstützer?
Eine mutige Frau aber was kann sie tun wenn unter den MP von sachsen verboten wird gegen Nazis zu
demonstrieren oder Gegen demonstrierer gegen rechts ermittelt wird. Der Landtag hat mit Schwarz - Gelb sogar die Inhimunität eines Linken Abgeordneten der gegen rechts demonstriert aufgehoben also unterstützt die sächsische CDU-FDP den braunen Pöbel. Eine Schande für sachsen. Von FDP hat man nichts gutes zu erwarten aber das CDU Abgeordnete gegen Demos gegen rechts sind unfassbar
mehr Kommentar melden

alle Kommentare
Seite:

Kommentar schreiben

Name
Betreff
Kommentar: (Maximal 500 Zeichen)

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Haken

Vielen Dank. Ihr Kommentar wurde versendet!

Kommentar schreiben



Zu diesem Artikel/Thema können keine weiteren Kommentare mehr abgegeben werden.

Kommentar melden

Sie sind der Meinung, dass dieser Kommentar anstößige Inhalte enthält.

 

Haken

Vielen Dank! Ihr Hinweis wurde von der Redaktion entgegengenommen.
mailing-ifrarr
Downloads & Shops

Minus 29%: CutOut PRO
CutOut PRO (Quelle: Softwareload)

Der Meister für feinste Freistellungen und präzise Montagen. mehr

Historische Traktoren
Agrar Simulator: Historische Landmaschinen (Quelle: Koch Media)

Landmaschinen der 50er bis 70er Jahre fahren. Spiel jetzt kaufen

Badeurlaub in Kroatien ab 572,- €/P.
Last Minute bei t-online.de Reisen (Quelle: t-online.de)

1 Woche im 4-Sterne- Hotel mit AI und Flug.

Klima & Umwelt
Der globale Klimawandel
CO2-Emmissionen der Industrie tragen zur Erderwärmung bei. (Quelle: Reuters)

Die Folgen der Erderwärmung für Mensch und Tier. Klima-Special


Shopping

Einkaufswelt
14,95 €-Gutschein sichern
Gutschein-Aktion bei KLiNGEL.de

Damenmode in den schönsten Sommerfarben - online bestellen und sparen. bei KLiNGEL.de

Einkaufswelt
Passform-Mode für Damen
Premium-Mode mit perfekter Passform - von RAPHAELA by BRAX

Modische Multitalente für Business und Freizeit - für Frauen mit jedem Figur-Typ. zum XXL-Special

Einkaufswelt
Exklusiver Herren-Sale
Exklusiver Daniel Hechter-SALE

Höchste Qualität zum sagenhaft günstigen Preis: Hemden, Jacken u.v.m. von Daniel Hechter. mehr



Aus anderen Bereichen

Unsere DFB-Jungs blamieren sich
Die DFB-Elf verliert den EM-Test gegen die Schweiz. (Quelle: dapd)

Fünf Gegentore gegen die Schweiz. mehr

Schumi holt bitterste Bestzeit seiner Karriere
Michael Schumacher auf dem Circuit des Monaco. (Quelle: dpa)

Formel-1-Star wird strafversetzt. mehr

Gruseliger Schönheitswahn
Aus der Fotoserie "A new kind of beauty" von Phillip Toledano (Quelle: Phillip Toledano)

Das Ende der Natürlichkeit. mehr


Anzeigen

Anzeige
Anzeige
Einkaufswelt
Die neuen Kurzarmhemden
Die neuen Kurzarmhemden von Esprit

Lässige Frühjahrshemden im zeitlosen Karo-Muster. mehr

Special
Die neuen Kriege
US-Soldaten beim Einsatz in Afghanistan (Quelle: Reuters)

Moderne Kriegsführung und moderne Waffen. mehr

Special
Islamische Welt in Aufruhr
Massenproteste im Maghreb: Die arabische Welt ist in Aufruhr (Foto: Reuters)

Aktuelles, Hintergründe, Analysen aus den Krisengebieten. mehr

Augenblicke
Fotos des Tages
Ein verletzter Bulle rächt sich an einem mexikanischen Matador und wirft ihn in die Luft. (Quelle: Reuters\Olivier Anrigo )

Tierische Rache an einem Matador. mehr

Regionale Nachrichten
News aus Ihrer Region
Nachrichten aus Ihrer Region (Foto: imago)

Aktuelle Meldungen aus den Bundesländern. mehr

Aus dem All
Satellitenbild der Woche

Wie Außerirdische die Erde sehen würden. zur Foto-Serie

Quiz
Rätseln Sie sich schlau!
(Montage: t-online.de)

Quiz bei t-online.de: Testen Sie Ihr Wissen. zur Quiz-Seite

Anzeige

Zur breiten Ansicht
© Deutsche Telekom AG 2012

Anzeige