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"Gefoltert wurde von sieben bis elf"
30.03.2009, 18:05 Uhr | Von Christiane Oelrich, dpa
Kaing Guek Eav alias Duch ist für den Tod von mehr 12.000 Menschen verantwortlich (Quelle: dpa)
Der Mann hat mindestens 12.380 Menschen auf dem Gewissen. Kaing Guek Eav alias Duch war unter der Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha zwischen 1975 und 1979 für die "Vernichtung der Feinde der Revolution" zuständig. Der frühere Mathematiklehrer leitete das Folterzentrum Toul Sleng, genannt S21. Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mordes und Folter muss sich der 66-Jährige vor einem Sondertribunal in Phnom Penh verantworten. Das Gericht hat jetzt die Anklageschrift verlesen.
Duch ist der erste, der 30 Jahre nach dem Ende der Schreckensherrschaft der Roten Khmer zur Rechenschaft gezogen wird. Der Fall gegen ihn ist ziemlich klar. Obwohl nur eine Handvoll Gefangener die Folter- und Hinrichtungsmaschinerie von S21 überlebt hat, gibt es genügend Aussagen einstiger Wachen, die den grauhaarigen Mann schwer belasten.
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"Keiner konnte entkommen"
"Zeuge Y hat gesehen, wie Duch die Folter persönlich überwachte", lässt das Gericht aus der Anklageschrift vorlesen. "Duch hat eingeräumt, dass es Autopsien an Lebenden gab, Ausbluten von Gefangenen und Medikamententests", heißt es an anderer Stelle. "Duch sagte: Keiner, der verhört wurde, konnte der Folter entkommen."
Opfer sollen zu Wort kommen
Der Angeklagte hat seine Schuld längst eingestanden und sich mit einer lebenslangen Haftstrafe abgefunden. Dennoch bestehen vor allem die Opfer darauf, in dem Prozess auch zu Wort zu kommen. "Unser Hauptziel ist eine möglichst umfassende Darstellung der Einzelschicksale", sagt die Berliner Anwältin Silke Studzinsky, die 18 Opfer vertritt. "Wir wollen, dass alle Facetten dessen, was unter Duchs Befehlsgewalt passiert ist, auch bekannt gemacht werden."
Vergangenheitsbewältigung findet kaum statt
Auf dem Völkermord-Tribunal lasten viele Erwartungen. Neben der juristischen Aufarbeitung der Grausamkeiten erhoffen sich viele Beobachter auch einen Auftakt für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Das hat bislang nicht stattgefunden. In den Schulgeschichtsbüchern kommt die Rote-Khmer-Zeit nicht vor. Entsprechend wissen die jüngeren Generationen wenig über die Vergangenheit. Gleichzeitig leben in vielen Dörfern Opfer und Täter heute wieder Tür an Tür. "Die Opfer wollen endlich erfahren, was damals wirklich passierte", sagt Studzinsky.
Eindrücke aus dem Schreckens-Alltag
Zum Prozessauftakt gab es einen Eindruck aus dem Elendsalltag in S21. "Gefoltert wurde von sieben Uhr morgens bis elf, von zwei bis fünf, und von sieben bis elf Uhr abends", zitiert das Tribunal in seiner Anklageschrift aus Duchs Anweisungen. Über endlose Verhöre berichtet das Gericht, von Gefangenen, die bis kurz vor dem Ersticken Plastiktüten über den Kopf gezogen bekamen. Über die Todestransporte der Abgefertigten zu den Hinrichtungsstätten vor der Stadt.
Kinder aus dem dritten Stock geworfen
"Sie wurden mit Eisenstangen auf den Hinterkopf geschlagen, in eine Grube gestoßen, dann schlitzte ihnen einer den Hals oder den Bauch auf", las das Gericht vor. "Kinder wurden aus dem dritten Stock auf den Boden geworfen, um ihnen das Genick zu brechen." Duch hatte den Ermittlungsrichtern gesagt, dass die Politik der Vernichtung der Feinde auch die Familie und Kindern umfasste.
Schicksal in die Hand Gottes gelegt
Im Januar 1979 bereiteten die Vietnamesen dem Terrorregime ein Ende. Duch tauchte unter, blieb den versprengten Rote-Khmer-Truppen, die im Dschungel aber noch jahrelang im Widerstand blieben, bis in die 90er Jahre aber verbunden. 1995 ließ er sich taufen und legte sein Schicksal in Gottes Hand.
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