
08.05.2011, 14:17 Uhr
In Kairo kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und der christlichen Minderheit der Kopten (Foto: dpa)
Bei gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Muslimen und koptischen Christen sind am späten Samstagabend in der ägyptischen Hauptstadt Kairo mindestens zwölf Menschen getötet worden, mehr als 200 weitere wurden verletzt. Das berichtete das staatliche Fernsehen. Nach Angaben von Augenzeugen waren hunderte fundamentalistische Muslime im Kairoer Armenviertel Imbaba vor eine Kirche gezogen, weil sie vermuteten, dass dort eine erst kürzlich vom Christentum zum Islam konvertierte junge Frau festgehalten werde.
Bei der Auseinandersetzung fielen Augenzeugen zufolge Schüsse, auch von Hausdächern aus sei geschossen worden. Islamisten warfen Brandbomben auf die Kirche, deren Fassade in Brand geriet. Die Gewalt griff auch auf umliegende Straßen über, Wohnhäuser in der Nähe der Kirche gerieten laut Augenzeugen ebenfalls in Brand. Die Menge rief Parolen wie "Mit unseren Seelen und unserem Blut verteidigen wir dich, Islam".
Bei einem Streit zwischen Christen und Muslimen kamen mehrere Menschen ums Leben. Eine Kirche ging in Flammen auf. zum Video
Sicherheitskräfte nahmen rund 190 Menschen fest. Alle würden vor das Oberste Militärgericht gebracht, teilte die Armee mit. Das Militär, das nach dem Sturz von Machthaber Husni Mabarak vor rund drei Monaten die Führung des Landes übernommen hat, will nach eigenen Angaben entschlossen gegen die Verantwortlichen der Ausschreitungen vorgehen.
Ministerpräsident Essam Scharaf berief für heute eine Sondersitzung seines Kabinetts ein und sagte einen am selben Tag in Bahrain geplanten Besuch ab. Kurz nach dem Zwischenfall in Imbaba zogen koptische Christen vor die US-Botschaft in Kairo. Sie kündigten an, solange dort ausharren zu wollen, bis der US-Botschafter mit ihnen über die "Ungerechtigkeiten gegen die christliche Minderheit" spreche.
Die Frau, die angeblich in der Kirche festgehalten wurde, sei zum Islam konvertiert, um einen muslimischen Mann heiraten zu können, hieß es. Liebesbeziehungen gemischt-religiöser Paare sind in Ägypten immer wieder Auslöser von Gewalt. Frauen beider Religionen wird es zumeist nicht erlaubt, Männer anderen Glaubens zu heiraten. Nicht-muslimische Männer, die eine muslimische Frau heiraten wollen, müssen zum Islam konvertieren.
Die Christen können dagegen eine umgekehrte Regelung für die "Einheirat" nicht-christlicher Männer nicht durchsetzen. Eine Konvertierung vom Islam zum Christentum ist schlicht nicht möglich und wird von den Muslimen als "Häresie" betrachtet. Christinnen brauchen wiederum bei der Ehelichung eines muslimischen Mannes nicht zu konvertieren. Bei derartigen Konflikten in Ägypten stehen aber oft schon verheiratete Christinnen im Mittelpunkt, die eine neue Ehe mit einem muslimischen Mann eingehen wollen. Da bei den orthodoxen und äußerst konservativen Kopten eine Scheidung praktisch nicht möglich ist, konvertieren sie zum Islam.
Zuletzt waren Anfang März in Kairo bei Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Kopten 13 Menschen getötet und rund 100 weitere verletzt worden. Auslöser der Gewalt im Vorort Mokattam waren Proteste gegen die Zerstörung einer Kirche südlich der ägyptischen Hauptstadt. In der Silvesternacht kostete ein Bombenanschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria mehr als 20 Menschen das Leben. Koptische Christen bilden in dem überwiegend von Muslimen bewohnten Ägypten einen Bevölkerungsanteil von schätzungsweise zehn bis 15 Prozent.
Quelle: dpa , AFP , dapd
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