30.11.2010, 16:30 Uhr
Ein "unerschütterliches Selbstvertrauen" und ein "konfrontativer Stil" prägen den neuen Verteidiger von Jörg Kachelmann, schreibt der Schweizer "Tagesanzeiger". Johann Schwenn heißt der Anwalt, der schon Radprofi Jan Ullrich oder DDR-Chefspion Markus Wolf vertreten hat und nun den bekannten Wettermoderator im Vergewaltigungsprozess verteidigen soll.
Zuvor war bekannt geworden, dass die bisherigen Anwälte Reinhard Birkenstock und Klaus Schroth nicht mehr in Kachelmanns Team arbeiten. Welche Motive hinter der überraschenden Wende stecken, ist bislang unklar. Fest steht nur, dass das Verfahren vor dem Mannheimer Landgericht planmäßig fortgesetzt werde, wie Kachelmanns Medienanwalt Ralf Höcker erklärte: Der neue Verteidiger Schwenn und die seit Prozessbeginn anwesende Pflichtverteidigern Andrea Combé "werden sehr gut vorbereitet sein". Doch wer ist der neue Chef-Jurist in Kachelmanns Team?
Der Strafverteidiger Johann Schwenn gilt als einer der renommiertesten Strafrechtler Deutschlands. Wettermoderator Jörg Kachelmann sicherte sich nicht zufällig die Dienste des wortgewaltigen und streitbaren Hamburgers. Schwenn kämpft für das Recht seiner Mandanten mit harten Bandagen und provokanten Fragen. Der nicht selten rüde Angriff ist für den selbstbewussten Star-Anwalt die beste Verteidigung.
Seine Mandantenliste strotzt nur so vor bekannten Namen: Liedermacher Wolf Biermann, Politiker Gregor Gysi, Entführungsopfer Jan Philipp Reemtsma, Schauspielerin Barbara Wussow oder VW-Vorstandsmitglied Klaus Volkert sind darunter zu finden. Er verteidigte auch den ehemaligen RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock und übernahm Mandate im VW-Sex- und Korruptionsskandal, der Reemtsma-Entführung oder bei der Wiederaufnahme des Prozesses gegen Monika Böttcher, die wegen Doppelmordes an ihren beiden Töchtern angeklagt worden war.
Dem Strafrechtler eilt ein "Ruf wie ein Donnerhall" voraus, so die "Süddeutsche Zeitung". "Welt Online" beschreibt ihn als "äußerst scharfsinnig und brillanter Rhetoriker". Und die "Zeit" konstatierte über den Anwalt: "Da, wo Schwenn gerade steht, ist das Recht." Schwenn erzielte in Vergewaltigungsprozessen und Wiederaufnahmeverfahren spektakuläre Erfolge. Mehrfach boxte er dabei Verurteilte nach jahrelanger Haft wieder frei.
Der Promianwalt packt Staatsanwaltschaft und Gerichte hart an. Er rügte an Vergewaltigungsverfahren bereits "unglaubliche Unprofessionalität" und "eine dunkle Seite des Opferschutzes, indem man dem vermeintlichen Opfer bedenkenlos glaubt". Gehe es um den Vorwurf der Vergewaltigung, sei die Unschuldsvermutung quasi außer Kraft gesetzt. "Wer behauptet, Opfer eines Sexualdelikts geworden zu sein, wird von Anfang an so behandelt, als sei das so."
Der elegant auftretende Strafverteidiger ist aus juristischem Elternhaus und wollte Medienberichten zufolge eigentlich Gefängnisaufseher werden. Verteidiger wurde er, nachdem er in den 70er Jahren in einer psychiatrischen Anstalt ein Praktikum machte. Seine Kanzlei macht keine persönlichen Angaben zu Schwenn. Auch zu seinem Alter nicht.
Oft ist Schwenn provokativ: Im Doping-Prozess gegen den Leichtathletik-Trainer Thomas Springstein scheute Schwenn im Januar 2006 vor dem Amtsgericht in Magdeburg nicht davor zurück, die damalige Vorsitzende Richterin Astrid Raue mit schneidigen Formulierungen zu belehren. Süffisant bot er ihr sogar an, den Begriff "fair hearing" zu übersetzen.
Die Schöffen herrschte er an: "Machen Sie von Ihrer richterlichen Unabhängigkeit Gebrauch." Sogar das Publikum im Gerichtssaal brachte er gegen sich auf, als er provokativ meinte, ein bestimmtes Gesetz gelte doch wohl auch im Osten. Und den Fotografen rief er zu, sie mögen ihre "Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen unterlassen", ihn in jeder Verhandlungspause zu fotografieren.
Kachelmanns neuer Hauptverteidiger hat sich vorab bereits im Magazin "Cicero" zum Fall Kachelmann geäußert. Darin wirft er den Behörden fehlende Sachkenntnis in einem Vergewaltigungsprozess vor: „Wer mit der Zeit geht, hält den sexuellen Missbrauch für die Pest unserer Tage. Da mögen die fallenden Zahlen der Kriminalstatistik sagen, was sie wollen: Gegen den Glauben an den Missbrauch scheint kein Kraut gewachsen. Dass dieser Glaube inzwischen auch jene erfasst hat, die es von Amts wegen besser wissen sollten, ist im Verfahren gegen Jörg Kachelmann zu besichtigen.“
Kachelmanns Reputation sei durch das "bloßstellende und dilettantische Herumermitteln" der Staatsanwaltschaft Mannheim schon jetzt beschädigt worden. Noch vor einem Urteil stehe schon jetzt fest: "Für das mit der Festnahme Kachelmanns verbundene Aufsehen und das öffentliche Breittreten seiner sexuellen Vorlieben ist vor allem diese Behörde verantwortlich."
Das Landgericht Mannheim setzt den Prozess am Mittwoch nach zweiwöchiger Unterbrechung fort. Die Staatsanwaltschaft Mannheim wirft Kachelmann vor, seine langjährige Freundin am 9. Februar 2010 nach einem Beziehungsstreit in ihrer Wohnung vergewaltigt zu haben. Kachelmann bestreitet die Tat. Der Prozess dauert voraussichtlich noch bis März 2011.
Quelle: dpa
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