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"Wir haben eine Jungskrise"
23.03.2009, 09:10 Uhr
Von Ruth Preywisch
Jugendgewalt ist vor allem ein Problem von Jungs (Foto: dpa)
Überraschend viele Jugendliche in Deutschland sind ausländerfeindlich. Auch viele jugendliche Gewalttäter kommen aus dem rechtsextremen Lager - oder sie haben einen Migrationshintergrund. Die beiden auf den ersten Blick so ungleichen Gruppen „sind wie Zwillingsbrüder“, fasst Christian Pfeiffer, Direktor des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), das Ergebnis einer Studie seines Instituts zusammen.
Rund 53.000 Jugendliche haben die Forscher befragt, mit zum Teil erschreckenden Ergebnissen. So ist etwa jeder siebte Jugendliche sehr ausländerfeindlich. 4,9 Prozent der Jungen gab sogar an, Mitglied einer rechtsextremen Organisation zu sein. Auf ganz Deutschland bezogen wären das über 100.000 Jungen. „Das muss uns aufrütteln, dass ein hoher Anteil der Jungen ins Fahrwasser der Rechten geraten ist“, sagt Pfeiffer.
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Kein Ostdeutsches Problem
Das Problem ist dabei kein Ostdeutsches. Die Studie zeigt, dass es sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland Gebiete mit hohem Aufkommen rechtsextremer Kameradschaften gibt. Ebenso gibt es überall Gebiete, in denen rechte Gruppierungen überhaupt nicht vertreten sind. Woran das liegt, wissen die Forscher noch nicht. Es könnte allerdings ein Zusammenhang mit erstmal unpolitischen Freizeitangeboten, wie zum Beispiel Konzerten rechter Bands bestehen. „Das müssen wir unbedingt untersuchen“, sagt Pfeiffer.
Ursachen sind gleich
Doch nicht nur Rechtsextreme sondern auch Jugendliche mit Migrationshintergrund zeigten hohe Gewaltbereitschaft. Auffallend ist, dass es sich um ein vorwiegend männliches Problem handelt. „Wir haben eine Jungskrise“, konstatiert der Forscher. Die Probleme der Gruppen seien dabei die gleichen: Familiäre Gewalt, mangelnde Bildung, Alkohol, Drogen, der Konsum von gewalthaltigen Medien und Freundschaften mit ähnlich vorbelasteten Kumpanen hat die Studie als Ursachen für die Gewaltbereitschaft ausgemacht.
Mädchen haben die Jungen abgehängt
„Cliquen von jungen Machos sind das Problem“, bringt Pfeiffer es auf den Punkt. Vor allem an den Hauptschulen sammelten sich viele der problembelasteten Jungen. Ihre Geschlechtsgenossinnen haben sie längst abgehängt, die Jungs dominieren die Gruppen der Sitzenbleiber und Schulabbrecher, sie machen weit seltener Abitur oder einen Realschulabschluss als die Mädchen. Auch bei Computerspielen fallen die Jungen negativ auf: 9 von 10 Jugendlichen mit Computerspielsucht sind männlich, ergab eine andere Studie des Instituts.
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"Lust am Leben wecken"
Den Forschern zufolge fehlt in Deutschland vor allem eine auf Jungen angepasste Betreuung. „Der Nachmittag der Jungs muss gerettet werden“, sagt er. Die Zahl der Ganztagsschulen sollte weiter erhöht werden, gleichzeitig sollten diese aber nicht als reine Verwahranstalten aufgefasst werden. „Wir brauchen Schulen, die die Lust am Leben wecken, die Nachmittags auch Abenteuer bieten, in denen sich die Jungs austoben können“, fordert Pfeiffer.
"Mustafa muss mit Max und Moritz spielen"
Ebenso wichtig sei aber die Integration, und zwar nicht nur die der Jungen mit Migrationshintergrund. „Wenn Mehmet nur mit Mustafa und Max nur mit Moritz spielt, ist das nicht gut“, sagt Pfeiffer. Die Zahlen geben ihm recht: Je gemischter die Gruppe an einer Schule ist, desto geringer ist die Ausländerfeindlichkeit der Deutschen und desto besser sind die Sprachkenntnisse und Bildungschancen derer mit Migrationshintergrund. „Wir müssen dafür sorgen, dass Mustafa mit Max und Moritz spielt“, sagt Pfeiffer.
Bemühungen zahlen sich aus
Die Studie hat indes auch Positives ans Licht gebracht. So sei die Jugendgewalt seit 1998 nicht angestiegen Schulpolitische Bemühungen scheinen sich bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund auszuzahlen. „Wir haben große Fortschritte im Bereich der Bildung gemacht“, betont Pfeiffer. So gingen zum Beispiel 70 Prozent der türkischen Jugendlichen in Hannover mittlerweile auf Realschulen oder Gymnasien. Auch im Bereich der familiären Gewalt scheinen Präventionsmaßnahmen zu greifen. Da die Ursachen der Gewaltbereitschaft bei rechtsextremen Jugendlichen dieselben seien wie bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, „können und müssen wir diese Erfahrungen jetzt nutzen“, fordert Pfeiffer.
Quelle: t-online.de