
09.01.2012, 11:16 Uhr | Sebastian Fischer und Marc Pitzke, Spiegel Online
Ex-Gouverneur Jon Huntsman ist im schrillen Vorwahlkampf der US-Republikaner die einsame Stimme der Vernunft - das macht ihn zum Außenseiter. Jetzt setzt er alles auf New Hampshire.
Jon Huntsman verzichtet auf einen Chauffeur. Während andere Kandidaten in Luxusbussen durch New Hampshire kutschieren, schwingt er sich hinters Steuer eines Miet-SUV. Der schwarze, schlammverkrustete Chevy hat mittlerweile so viele Meilen heruntergerissen, dass die Stoßdämpfer ihren Geist aufgeben.
"Entweder du sitzt in so einem protzigen Bus, mit deinem Bild auf die Seite geklatscht", sagt Huntsman, der republikanische Ex-Gouverneur von Utah, und zieht eine Grimasse, "oder du fährst selber." Also: Er fährt lieber selber.
Plymouth, ein typisches Neuengland-Dorf im Norden New Hampshires: Huntsman, Gattin Mary Kaye auf dem Beifahrersitz, rollt an der Main Street Station vor. Der zum Coffeeshop mutierte Bahnwaggon gegenüber vom Rathaus ist die nächste Etappe auf seiner einsamen Wahlkampftournee durch den Staat. Seine Vorhut fand, dass das pittoreske Restaurant ideal wäre im Nahkampf um die Basisstimmen.
In der Tat sind drinnen alle Tische besetzt, die Gäste hocken vor Rühreiern, Country Fried Steaks und öligem Kaffee in Klotzbechern. "Gutes Essen, frischer Service", steht über der Theke, und: "Fünf Dollar Strafe fürs Nörgeln." "Hallo, wie geht's euch allen?", ruft Huntsman jovial, als er in knallroter Skijacke durch die Tür tritt. Sein tiefgebräuntes Gesicht morpht zum Grinsen. "Mein Name ist Jon Huntsman, und ich kandidiere fürs Amt des Präsidenten!"
Huntsman, 51, ist der coolste der Republikaner, die noch im US-Vorwahlrennen verblieben sind. Und zugleich der vernünftigste, gescheiteste, aufgeschlossenste und zurechnungsfähigste. Er hat gute Ideen zur Klimakrise, er ist weltgewandt, er kennt sich bestens aus in der Außenpolitik - und er polemisiert nicht im Namen des Herrn. Und genau deshalb hat er hier wenig Chancen.
Es ist verflixt. Da hat die Partei endlich mal einen, der es intellektuell mit US-Präsident Barack Obama aufnehmen könnte. Stattdessen beherrschen Clowns, Klone und Comic-Figuren die Schlagzeilen: ein gelackter Roboter (Mitt Romney), ein "Jesus-Kandidat" ( Rick Santorum), ein Verschwörungstheoretiker (Ron Paul), ein unberechenbarer Demagoge (Newt Gingrich) und ein Texas-Cowboy ( Rick Perry).
Huntsman - neben Romney der zweite Mormone im Feld - bleibt der unsichtbare Underdog. Seit Wochen dümpelt er im einstelligen Umfragekeller. Nur eine einzige Erhebung sieht ihn am Samstag, drei Tage vor der Vorwahl, mit 17 Prozent auf Platz zwei, weit hinter Romney (40 Prozent). Alle anderen stempeln Huntsman bereits als Verlierer ab.
Im Tollhaus geht ein kühler Kopf eben leicht unter. Das zeigt sich auch am Samstagabend, als das Sextett in Manchester, der größten Stadt New Hampshires, zur TV-Debatte zusammenkommt: Statt Maß und Mitte dominiert wieder schrilles Rechtsaußen.
Huntsman ist sich des Kontrasts völlig bewusst. Er versucht sogar, sich daran zu profilieren. "Gefällt Ihnen dieser Zirkus der dummen Versprechen, dieses politische Theater?", hat er die Leute in den vergangenen Wochen immer wieder gefragt. "Oder geht es Ihnen um den Präsidenten der Vereinigten Staaten?"
Um sich als die präsidialere Alternative zu empfehlen, tingelt er also schon seit Mitte Dezember ununterbrochen durch New Hampshire. Mehr als 160 Auftritte hat er in dem Bundesstaat absolviert. Iowa ignorierte er, setzt nun stattdessen alles auf den "Granitstaat", um von hier aus gestärkt weiterziehen und sich am Ende als letzter Rivale Romneys halten zu können.
"New Hampshire", hofft er, "liebt Underdogs." Doch Iowa machte erst mal einen anderen Underdog zum Medien-Darling: Rick Santorum. Auf den stürzen sich die Reporter in New Hampshire im Rudel - derweil nur ein paar die Huntsman-Visite in Plymouth wahrnehmen.
Immerhin, die Gäste in der Main Street Station sind wohlgesonnen. "Sie sind der einzige Republikaner, für den Wissenschaft kein Schimpfwort ist", lobt ein Herr im Holzfällerhemd. "Ich bewundere Ihren Pragmatismus", sagt ein anderer. Ein dritter fragt nach seiner Meinung zur Erderwärmung. Huntsman geht von Tisch zu Tisch, setzt sich dazu, antwortet, erklärt - ohne Sprechblasen.
Leider ist es verlorene Liebesmüh. Denn viele in dem Coffeeshop kommen gar nicht aus New Hampshire: Sie sind Urlauber aus Vermont, Massachusetts, Connecticut. "Wir werden im Herbst für Sie stimmen", versprechen sie. Da kann Huntsman nur gequält lachen: "Erst mal müssen wir's durch New Hampshire schaffen."
Der Herr, der nach der Erderwärmung fragt, kommt sogar von noch weiter her: Es ist Dan Jørgensen, ein Sozialdemokrat aus Dänemark und Top-Mitglied des Europaparlaments. Gemeinsam mit drei Kollegen reist der Linke den rechten US-Kandidaten hinterher, um "sich mal anzugucken, wie man Wahlkampf macht".
Huntsman dürfte das falsche Vorbild sein. Der bemerkt nicht mal an Jørgensens britischem Schulenglisch, dass er minutenlang um die Stimme eines Europäers buhlt. "Wählen Sie mich am Dienstag!", ruft er der dänischen Gesandtschaft zum Abschied ahnungslos zu.
Das passiert, wenn man kein Geld hat, um solche Auftritte aufwendig vorzubereiten. Huntsmans Vater, der Chemie-Magnat Jon Huntsman Sr., ist zwar Multimilliardär. Doch die zwei haben, wie die "New York Times" formuliert, "eine komplizierte Dynamik", und der Senior unterstützt den Junior nur indirekt.
Selbst wenn Huntsman am Dienstag gut abschneidet, folgen sündteure Stationen - South Carolina, Florida, Nevada. Die Debatte am Samstag ist für ihn die wichtigste: Hier kämpft er ebenso um Stimmen wie Spenden.
Doch er hat einen schweren Stand. Denn im Saint Anselm College geht es gleich wieder schräg zur Sache. Santorum behauptet, es gebe niemanden, der so viel Erfahrung mit Iran habe wie er. Paul nennt Santorum einen korrupten Washington-Insider. Gingrich sinniert über die Bedrohung der Christen durch die Medien. Perry möchte die US-Truppen wieder zurück in den Irak schicken, damit Iran das Land nicht übernehme. Und Romney graust es, weil Barack Obama Amerika zum europäischen Wohlfahrtsstaat wandeln wolle.
Huntsmans nüchterne Stimme der Vernunft geht in dem Getöse oft verloren. Er wirkt sogar etwas langatmig. "Ich bin der Einzige hier, der in Übersee gelebt hat", grenzt er sich ab - und reibt sich dabei immer wieder vor allem an Romney. Denn beide kämpfen sie um die Mitte.
Das weiß aber auch Romney. Der stürzt sich schließlich darauf, dass Huntsman zuletzt US-Botschafter in China war - für den Erzfeind, den Demokraten Barack Obama. "Du hast die Politik dieser Regierung in China umgesetzt", bellt er ihn an. "Wir anderen hier haben dafür gekämpft, dass Schluss ist mit dieser Politik."
Huntsmans Vasallen lassen sich von so was nicht entmutigen. "Ich habe ein gutes Gefühl", sagt Bill Chambers, ein Steuerberater aus New York, der nach New Hampshire gekommen ist, um für Huntsman Klinken zu putzen. "Immer mehr Leute wollen, dass er im Rennen bleibt."
Die Partei, beharrt Chambers, habe Platz für einen Moderaten. Gerade in New Hampshire: Das rühmt sich seiner Unabhängigkeit (Landesmotto: "Live Free or Die"), und die Vorwahlen sind offen für alle, nicht nur für Parteimitglieder. Auch darauf setzt Huntsman.
Der spricht seinen Getreuen kurz vor der Debatte noch Mut zu, bei einem Besuch in seiner Wahlkampfzentrale in Manchester. Er bringt Hühnchenschenkel mit, die Mary Kaye vorher in einem Schnellrestaurant geholt hat.
"Das Rennen ist so im Fluss", sagt Huntsmans Sprecher Tim Miller. "Alles ist möglich." Huntsman hebt die Arme, die Hände zu Fäusten geballt, bis die Helfer jubeln. An der Wand der Bürosuite hängt ein optimistischer Countdown: "Tage bis New Hampshire: 3. Tage bis South Carolina: 14. Tage bis Florida: 24."
Quelle: Spiegel Online
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