Jede Familie in Onna hat nach dem Erdbeben Opfer zu beklagen (Foto: Reuters)
Eine kleine zerbrochene Gitarre, der Spiel-Kinderwagen eines Mädchens und eine blutbefleckte Matratze ragen aus dem Trümmerhaufen, der bis Montagnacht noch ein Haus war. In dem Abruzzen-Dorf Onna steht nach dem Erdbeben fast nichts mehr, 40 der 300 Einwohner sind ums Leben gekommen. Insgesamt starben bei dem Erdbeben über 270 Menschen.
"Es sieht so aus, als ob alle jungen Menschen hier getötet wurden", sagt die 34 Jahre alte Maria Rita Colaianni. Sie hält eine goldbesetzte Vase umklammert, die sie in den Trümmern ihres Hauses gefunden hat. Ihre Eltern und ein Bruder überleben. Im Nachbarhaus starben alle, darunter zwei sechs und acht Jahre alte Kinder.
Mit Kränen, Bulldozern und bloßen Händen suchten Rettungskräfte in dem Dorf rund 130 Kilometer nordöstlich von Rom nach Überlebenden. Doch gebe es nur wenig Hoffnung, in den gewaltigen Haufen aus zerbrochenem Beton und verbogenen Stahl noch irgendjemanden lebend zu entdecken, sagt Cristina Di Tommaso vom italienischen Zivilschutz. "90 Prozent von Onna sind eingestürzt."
Schüler kehren von Klassenfahrt als Waisen zurück
Die Feuerwehr erklärt später, man konzentriere sich nicht mehr auf die Suche nach Opfern, sondern auf das Abstützen von Gebäuden und das Wegräumen von Trümmern. Wie viele Menschen in Onna lebten, ist nicht klar, da sich zum Zeitpunkt der Katastrophe nach Behördenangaben auch illegal Eingewanderte dort aufhielten. Dorfbewohner wiederum berichten, dass viele Kinder und Jugendliche von Onna auf einer Klassenfahrt nach Frankreich seien. Einige kehren als Waisen zurück.
"Es ist so schwer, weil wir alle hier kennen. Und wir wissen, dass jede Familie mindestens zwei Mitglieder verloren hat, einen Bruder oder einen Cousin", sagt die 16-jährige Martina Chiaravalle. Sie sucht in Zeltunterkünften, die auf einem Feld aufgeschlagen wurden, nach Klassenkameraden. An der Straße nach L'Aquila bereiten sich am Dienstag obdachlos gewordene Dorfbewohner auf eine weitere kalte Nacht in ihren Autos vor. Einige haben seit zwei Tagen keine Kleidung mehr gewechselt. Andere errichten Zelte, weil sie sich aus Angst vor Nachbeben nicht mehr in ihre Häuser trauen.
"Ort erinnert an den Tod, nicht das Leben"
Onnas Kirche liegt in Trümmern, die Zukunft des Dorfes ist unsicher. Der 70 Jahre alte Virgilio Colajanni kämpft mit den Tränen. "Wir haben 15 Familienmitglieder verloren. Babys und Kinder sind gestorben." Er erzählt, wie in der Nacht des Bebens der Strom ausfiel, wie er sich durch die Wohnungstür ins Freie hinaustasten musste. Er habe immer gern in Onna gelebt, sagt Colajanni: "Aber ab jetzt erinnert mich dieser Ort für immer an den Tod, nicht an das Leben."