23.03.2011, 09:04 Uhr
Japan: Elf Tage nach Erbeben und Tsunami ist die Katastrophenregion noch immer gezeichnet; die Rettungsarbeiten am AKW Fukushima sind mühsam (Fotos: Reuters)
Neue heftige Erdstöße haben die Umgebung des japanischen Unglückskraftwerks Fukushima I erschüttert. Dort meldet der Betreiber Fortschritte bei den Versuchen, den Kontrollraum des besonders gefährlichen Reaktorblocks 3 instand zu setzen - dagegen mussten die Arbeiter von Block 2 wegen hoher Radioaktivität vorübergehend abgezogen werden. Die Gefahr radioaktiv belasteter Lebensmitteln wird derweil immer größer, in Tokio dürfen Kleinkinder kein Trinkwasser mehr zu sich nehmen.
Mehrere starke Nachbeben haben am Mittwoch die unmittelbare Umgebung des havarierten Atomkraftwerks erschüttert. Der staatliche Wetterdienst Japans registrierte am Mittwoch um 7.12 Uhr Ortszeit (23.12 Uhr in Mitteleuropa) ein besonders heftiges Beben mit einer Stärke von 6,0, dem 24 Minuten später ein weiterer Erdstoß folgte. In der US-amerikanischen Erdbebenwarte wurde die Stärke 5,7 gemessen. Das Epizentrum lag 72 Kilometer südsüdöstlich der Stadt Fukushima und 180 Kilometer nordnordöstlich von Tokio. Das Beben war in Fukushima deutlich zu spüren, im Rathaus bebte der Boden 20 bis 30 Sekunden, und Fensterscheiben klirrten.
In der Anlage des Atomkraftwerks seien aber keine weiteren Schäden verursacht worden, teilte die Reaktorsicherheitsbehörde NISA mit. Die laufenden Rettungsarbeiten seien auch nicht gestört worden. Der Betreibergesellschaft Tepco gelang es derweil, den Kontrollraum des teilweise zerstörten Reaktorblocks 3 wieder mit Strom zu versorgen. Es sei gelungen, die Beleuchtung zu reparieren, sagte ein Sprecher. Als nächstes sollen Kontrollinstrumente wieder in Gang gebracht werden. Davon erhoffen sich die Krisenmanager genaue Daten zu Temperatur und Druck im Inneren des Reaktorbehälters. In einem nächsten Schritt könnte dann die reguläre Kühlung des Reaktors in Gang gebracht werden, die am Tag des Erdbebens und Tsunamis vom 11. März zusammengebrochen ist.
Insgesamt aber kommen die Arbeiten, die den Super-GAU in Fukushima I verhindern sollen, nur mühsam voran: Hohe Strahlung und Hitze behinderen die Rettungskräfte. Die Arbeiten zur Instandsetzung der Reaktortechnik im Block 2 mussten am Mittwoch vorübergehend unterbrochen werden, weil nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo eine Radioaktivität von 500 Millisievert pro Stunde gemessen wurde (die natürliche Hintergrundstrahlung liegt bei etwa 2 Millisievert pro Jahr). In Block 2 wird befürchtet, dass der innere Reaktorbehälter bei einer Explosion in der vergangenen Woche beschädigt wurde. Techniker wollen dort wie schon im Reaktorblock 3 zunächst die Beleuchtung im Kontrollraum wiederherstellen und Messinstrumente mit Strom versorgen.
Atomkatastrophe in Japan: Aus zwei Reaktoren in Fukushima ist weißer und grauer Qualm aufgestiegen. zum Video
Weil im Block 1 der Anlage die Temperatur auf 400 Grad Celsius geklettert war, wurde dieser Reaktor von außen wieder mit Wasser gekühlt, erklärte ein Sprecher der Atomsicherheitsbehörde NISA. Danach sei die Temperatur auf 360 Grad gesunken, berichtete der Fernsehsender NHK. Der Reaktor sei allerdings nur auf eine Temperatur von 300 Grad ausgelegt. Auch Reaktorblock 4 wurde zeitweise wieder von außen mit Wasser besprüht. Dort ist es das Ziel, das Abklingbecken für abgebrannte Brennstäbe zu kühlen.
Als nächstes wollen die Betreiber versuchen, die regulären Kühlsysteme der Reaktorblöcke endlich wieder in Gang zu bringen, die nach dem Erdbeben und dem Tsunami vom 11. März ausgefallen sind. Dazu müssen zunächst die zugehörigen Pumpen getestet und wenn nötig ausgetauscht werden.
Auch die Hauptstadt Tokio spürt inzwischen immer stärker die Folgen der Katastrophe am Atomkraftwerk Fukushima I. Babys und Kleinkinder sollen in der 34-Millionen-Metropole kein Leitungswasser mehr trinken. Dort seien erhöhte Werte von 210 Becquerel pro Liter an radioaktivem Jod-131 festgestellt worden, sagte ein Sprecher der Stadtregierung am Mittwochnachmittag (Ortszeit) auf einer Pressekonferenz. Die Werte übertreffen nach seinen Angaben den Grenzwert von 100 Becquerel pro Kilogramm, die das Gesundheitsministerium für Kleinkinder festgesetzt hat.
Die Warnung gelte für alle 23 zentralen Bezirke in Tokio und für das westlich gelegene Tama-Gebiet. Die erhöhten Werte an radioaktivem Jod 131 seien am Dienstagmorgen in einer Wasseraufbereitungsanlage in Tokio festgestellt worden. Bei radioaktivem Cäsium-137 seien keine überhöhten Werte registriert worden. Die Warnung sei eine Vorsichtsmaßnahme, da sich das radioaktive Jod über die Zeit in der Schilddrüse ablagern könne. Für ältere Kinder und Erwachsene liegen die Grenzwerte des Gesundheitsministeriums bei 300 Becquerel pro Liter, berichtete der Fernsehsender NHK.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt den möglichen Niederschlag, der Radioaktivität auf das Festland oder ins Meer tragen könnte, rund um Fukushima. zum Video
Auch die Strahlungsbelastung in der Luft ist in Tokio gestiegen: Laut "Spiegel Online" wurden im Bezirk Shinjuku im Zentrum 5300 Becquerel durch Cäsium-137 und 32.000 Becquerel durch Jod-131 gemessen. Das sei zehnmal so viel wie am Vortag, hieß es.
Das japanische Gesundheitsministerium veröffentlichte am Mittwoch eine Liste mit elf Gemüsearten, bei denen nach dem Unglück im AKW Fukushima eine teilweise drastisch erhöhte Radioaktivität festgestellt wurde. Darunter sind Spinat, Broccoli, Kohl und das japanische Blattgemüse Komatsuna, wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldete. Das Ministerium rief die Verbraucher auf, dieses in der Präfektur Fukushima erzeugte Gemüse nicht zu verzehren.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt, wie sich radioaktive Partikel - sofern vorhanden - über den Wind verteilen könnten. zum Video
Bei Proben fand das Gesundheitsministerium erhöhte Strahlung in Gemüse aus mehreren Gemeinden der Präfektur Fukushima. Beim Blattgemüse Kukitachina wurden in einer Probe aus Motomiya 82.000 Becquerel an radioaktivem Cäsium und 15.000 Becquerel an radioaktivem Jod festgestellt - dies übersteigt die zulässigen Grenzwerte um den Faktor 164 beziehungsweise sieben. Die Handelsorganisation JA Zen-Noh (Nationale Vereinigung von landwirtschaftlichen Kooperativen) teilte mit, dass seit Montag kein Gemüse aus der Präfektur Fukushima mehr ausgeliefert werde. In der Präfektur Ibaraki wurde auch radioaktiv belastete Milch gefunden.
Bei dem Erdbeben am 11. März, das die Stärke 9,0 und den verheerenden Tsunami ausgelöst hatte, kamen nach neusten offiziellen Angaben 9300 Menschen ums Leben. Fast 14.000 werden noch vermisst. Die Kosten von Erdbeben und Tsunami könnten nach neuesten Schätzungen der japanischen Regierung bis zu 218 Milliarden Euro erreichen.
Quelle: dpa
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