21.03.2011, 08:37 Uhr
Anhaltender starker Regen hat am Montag die Rettungsarbeiten in Japan erschwert und Ängste vor radioaktivem Niederschlag geschürt. Regierungschef Naoto Kan sagte wegen des Wetters einen für Montag geplanten Besuch in der Katastrophenregion im Nordosten Japans ab. In einem Dorf nahe der havarierten Atomanlage Fukushima I wurde eine stark erhöhte Radioaktivität im Trinkwasser gemessen.
"Wir können bei diesem Regen nicht mit Helikoptern fliegen", sagte ein Vertreter der Präfektur Miyagi, die am stärksten von dem verheerenden Erdbeben und dem anschließenden Tsunami getroffen worden war. Die für Montag in den Küstengebieten geplanten Bergungsarbeiten würden daher verschoben. Wegen des Wetters sagte auch Kan kurzfristig seinen Besuch in der Region ab. Er wollte ursprünglich per Hubschrauber zunächst in die Stadt Ishinomaki in Miyagi reisen. Danach wollte er nahe der Anlage Fukushima I Einsatzkräfte treffen, die seit Tagen versuchen, eine nukleare Katastrophe zu verhindern.
Die Zahl der Toten und Vermissten nach dem Beben und der Tsunami-Welle lag offiziellen Angaben zufolge bei mehr als 21.500. Die Polizei bestätigte 8649 Todesopfer. Die Weltbank schätzte die Höhe der Schäden infolge der Naturkatastrophen auf umgerechnet rund 165 Milliarden Euro.
Zehn Tage nach Erdbeben und Tsunami harren noch 350.000 Menschen in Notunterkünften aus. Zehntausende verbrachten eine weitere Nacht in bitterer Kälte und Regen. "Wie lange wird das bloß noch andauern", sagte ein alter Mann dem japanischen TV-Sender NHK. Er verbrachte die Nacht zum Montag mit seiner Frau im Auto. "Was ich mir wünsche, ist eine Behelfsbehausung. Und ein Bad." Zwar treffen allmählich Hilfsgüter ein und die Reparaturarbeiten unter anderem an den Gas- und Wasserleitungen sind im Gange, doch vielerorts mangelt es an Heizöl und Öfen.
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In dem havarierten Werk Fukushima I setzten Soldaten und Feuerwehrleute am Montag ihre Versuche fort, mit Wasser die überhitzten Reaktorblöcke zu kühlen. Den Technikern war es am Wochenende gelungen, den besonders bedrohten Reaktor 2 wieder an das Stromnetz anzuschließen. Die Kühlsysteme waren aber noch nicht wieder in Betrieb. Nach Angaben der Atombehörde des Landes könnte der Kontrollraum in Reaktor 2 jedoch noch am Montag zumindest teilweise wieder funktionieren.
In dem Dorf Iitatemura, rund 40 Kilometer von der havarierten Atomanlage entfernt, wurde zudem ein Grad an radioaktivem Jod im Trinkwasser gemessen, der dreimal so hoch wie der von der Regierung festgesetzte Grenzwert war. Es gebe "keine direkten Auswirkungen auf die Gesundheit, wenn das Wasser zeitweise getrunken wird", erklärte ein Sprecher des japanischen Gesundheitsministeriums am Sonntag. "Trotzdem raten wir als Vorsichtsmaßnahme den Dorfbewohnern dazu, das Wasser nicht zu trinken." Medienberichten zufolge sollen die Einwohner nun mit Wasserflaschen versorgt werden.
Bei Hitachi, 100 Kilometer südlich des Kraftwerks, wies Spinat einen Jod-131-Wert von 54.000 Becquerel und einen Cäsium-Wert von 1931 Becquerel je Kilogramm auf. Die Grenzwerte liegen in Japan bei 2000 Becquerel für Jod und bei 500 Becquerel für Cäsium. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt allerdings einen generellen Grenzwert von nur 100 Becquerel pro Kilo. Auch bei Milch aus der Umgebung von Fukushima wurde eine überhöhte Strahlenbelastung festgestellt. In der Präfektur Tokio und in weiteren Regionen wurde eine geringe Belastung des Trinkwassers mit radioaktivem Jod festgestellt.
Die Bauern sollen freiwillig darauf verzichten, verstrahlte Lebensmittel in den Handel zu bringen. Der Gouverneur der Präfektur Ibaraki, Masaru Hashimoto, sagte nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo, es bestehe zwar kein Gesundheitsrisiko. Er werde aber jede Kommune bitten, keinen Spinat auf die Märkte zu bringen. Die Regierung der Präfektur Fukushima forderte Molkereien auf, keine belastete Milch auszuliefern.
Die japanische Küstenwache hat dieses Video der beiden Riesenwellen veröffentlicht. Die Besatzung des Schiffs kam mit dem Schrecken davon. zum Video
Bereits am Wochenende war im Trinkwasser in der Hauptstadt Tokio sowie in mehreren zentraljapanischen Präfekturen eine ungewöhnlich hohe Konzentration von radioaktivem Jod gefunden worden. Die Werte wurden aber als unbedenklich eingestuft. In den Präfekturen Fukushima und Ibaraki nahe der Atomanlage wurden in Milch und Spinat erhöhte Radioaktivitätswerte gemessen.
Der Strahlenbiologe Edmund Lengfelder äußerte die Befürchtung, dass viele der in Fukushima seit Tagen arbeitenden Techniker einen akuten Strahlentod sterben könnten. "Zuerst wird es den Menschen übel und schwindlig", sagte er der "Frankfurter Rundschau". Dann würden "lebenswichtige Funktionen" zusammenbrechen. Lengfelder warnte zudem vor einer Verstrahlung im Pazifik.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt den möglichen Niederschlag, der Radioaktivität auf das Festland oder ins Meer tragen könnte, rund um Fukushima. zum Video
Unterdessen befürchtet ein Experte, dass die Entsorgung der Reaktoren von Fukushima I bis zu zehn Jahre dauern könnte. Das berichtete die Zeitung "Asahi Shimbun" in ihrem Facebook-Profil und berief sich auf einen Informanten des AKW-Betreibers Tepco. Wegen radioaktiver Strahlung sei es sehr wahrscheinlich, dass die beschädigten Brennelemente in den Reaktordruckbehältern der Blöcke 1,2 und 3 nicht abmontiert werden könnten, sagte der Informant der Zeitung. Die Blöcke 5 und 6 hätten dagegen keinen großen Schaden davongetragen. Theoretisch könnten sie deswegen wieder in Betrieb genommen werden. "Mit Blick auf die Gefühle der Anwohner wäre es allerdings schwierig, den Betrieb wieder aufzunehmen. Die Entsorgung aller sechs Reaktoren ist daher unvermeidlich", wird der Tepco-Mitarbeiter zitiert.
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Quelle: dpa , AFP
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