Szene aus dem Film "ostPUNK! too much future" (Foto: Neue Visionen Filmverleih)
„Ostrock“ – das ist der Stempel, der das Bild von der Rockmusik in der DDR prägt. Verbunden mit den Namen Puhdys, Karat, City oder Silly. Doch im Wendejahr 1989 hatte sich ein großer Teil des Publikums längst von diesen Bands abgewandt. Musikalisch konnten sie der Stimmung im Land kaum einen Ausdruck geben. Kritik versteckten sie zwischen den Zeilen. So war ihre "Resolution von Rockmusikern und Liedermachern zur inneren Situation und zum Aufruf des Neuen Forums" vom September 1989 ein letzter Versuch, nicht in der Bedeutungslosigkeit zu landen. Den Soundtrack zum Untergang der DDR spielen aber andere: Die so genannten „anderen bands“.
Denn am Vorabend der Wende brodelt es im musikalischen Untergrund der DDR. Punk, Ska, Dark Wave – seit Mitte der 1980er Jahre ist in der Subkultur eine blühende Musikszene entstanden. "Die Musik, die wir gerne hören wollten, gab es nicht. Also haben wir unsere eigene Musik gemacht", erinnert sich Makarios, der als 24-Jähriger 1984 in Leipzig die Punkband Die Zucht gründet.
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Der Staat wartet ab
Der Staat beobachtet diese Untergrundkultur zwar argwöhnisch, lässt sie aber zunehmend gewähren, weil er den Unmut der Jugendlichen dämpfen will. "Die Funktionäre konnten die Augen vor diesen Bands nicht länger verschließen", so Makarios. Doch Schikanen sind an der Tagesordnung. So gibt man den jungen Musikern von Die Zucht zu verstehen, dass sie doch bitte ihren Bandnamen ändern mögen, wenn sie nicht auf einer schwarzen Liste landen möchten.
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Die Art mit Sänger Makarios (li.) (Foto: T. Bartsch)
Die Stasi ist ständiger Konzertgast
Also wird aus Die Zucht Die Art, doch die Gängeleien bleiben. Ohne offizielle Auftrittsverbote werden Konzerte unter fadenscheinigen Gründen abgesagt. Auch ist die Stasi ständiger Gast bei Die-Art-Konzerten. Deren Mitarbeiter von den richtigen Fans zu unterscheiden, lernt die Band schnell. Es sind jene, die immer fotografieren: "Wir haben schon gemerkt, dass man uns auf dem Kieker hat. Obwohl wir keine politische Band waren", erzählt der Art-Sänger. "Aber wir haben einfach immer weiter gemacht."
Der Punk kommt ins Radio
Das Durchhaltevermögen zahlt sich aus. Im März 1986 bekommen „die anderen bands" wie Die Art, Feeling B oder Sandow im staatlichen Jugendradiosender „DT64" in der Sendung „Parocktikum“ ihre Plattform. Für die einen ein Versuch staatlicher Vereinnahmung, für die anderen ein Forum für unangepasste Musik aus der DDR und dem Rest der Welt. Auf jeden Fall aber so ein Publikumsmagnet, dass das staatliche Plattenlabel „Amiga“ 1988 einen LP-Sampler unter dem Titel „die anderen bands" veröffentlicht. Derweil organisiert die Jugendorganisation FDJ in Ostberlin Konzerte mit West-Stars wie Depeche Mode oder Bruce Springsteen, zu denen Tausende pilgern.
"Born in the GDR": Sandow aus Cottbus (Foto: Sandow)
"Born in the GDR"
Springsteens Hit „Born in the USA“, bei dessen Konzert von 160.000 Besuchern lauthals mitgesungen, bildet dann auch die Vorlage für die Wendehymne „Born in the GDR“ der Cottbusser Punkband Sandow. Ironisch nimmt die Band die Zustände im Osten darin aufs Korn, inklusive Eislaufprinzessin Katharina Witt, die bei Springsteens Auftritt als Ansagerin agierte und vom Publikum ausgepfiffen wurde. Ans Verklausulieren kritischer Inhalte denkt dabei keine dieser Bands. Sie produzieren ihre Songs selbst und veröffentlichen sie auf Kassette, was zu einer schnellen Verbreitung und steigenden Popularität der „anderen bands“ führt. Außerdem treffen ihre Texte und ihre Musik den Nerv vieler Jugendlicher. Die Musiker, selbst erst Anfang 20, teilen das Lebensgefühl ihrer Fans einfach besser, als die doppelt so alten "etablierten Säcke", wie Makarios die Rockgrößen der DDR nennt.
Plattenvertrag für eine Punkband
Das Berliner Trio Feeling B darf 1989 sogar als erste ostdeutsche Punkband bei "Amiga" eine LP aufnehmen. Auch Die Art erhält so ein Angebot. Doch den "Amiga"-Bossen ist deren Lied „Wide Wide World“ ein Dorn im Auge. Weil der Text angeblich zur Republikflucht aufrufe, soll er nicht auf die Platte. Die Musiker verzichten darauf auf den Plattenvertrag.
Der Untergang wird besungen
Eine andere Hymne der Wendezeit schreibt die Gruppe Herbst in Peking mit „Bakschischrepublik“. Noch im Juli 1989 mit einem Auftrittsverbot belegt, weil sie mit einer Schweigeminute den Opfern des Massakers auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking gedachten, singen sie im November nun vom Einsturz des Systems: "Schwarzrotgold ist das System, morgen wird es untergehn". Im Dezember steht der Song, als erste Veröffentlichung eines bandeigenen Labels, in den DDR-Plattenläden.
Aufbruch in die neue Zeit
1990 erscheinen dann die Debütalben vieler „anderer bands“. Die Skeptiker, Die Vision und AG Geige sind nur einige von ihnen. Auch Die Art sind mit ihrem Album "Fear" und dem Titel „Wide Wide World“ dabei und starteten richtig durch, wie Makarios berichtet: "Diese Zeit war ein Segen für uns. Wir hatten keine Probleme im Kapitalismus Fuß zu fassen." Aber viele der "anderen bands" zerbrechen bald. Sich im gesamtdeutschen Konkurrenzkampf der musikalischen Marktwirtschaft zu behaupten, gelingt nicht allen. Auch persönliche Gründe führen bei vielen Bands zum Aus, weiß der Sänger. Und mit der Abschaltung des Jugendsenders „DT64“ 1992 verlieren sie ihre letzte Nische.
Lieder verkörpern besondere Stimmung
Doch allen Schwierigkeiten zum Trotz: Nach personellen Umbesetzungen oder zwischenzeitlichen Trennungen sind 20 Jahre nach der Wende die meisten der „anderen Bands“ wieder aktiv. Anders als die in der DDR etablierten Gruppen, die heute auf der Ostalgiewelle schwimmen, haben sie sich eigene Inseln für ihre Kunst geschaffen, produzieren neue Songs, statt sich auf den alten Hits auszuruhen. Rückblickend sagt Makarios heute: "Unsere Lieder von damals stehen für ein ganz spezielles Aufbruchsgefühl. Sie haben diese ganz besondere Stimmung der Wendezeit verkörpert. Nicht umsonst habe ich "Wide Wide World" geschrieben." Ein bisschen Nostalgie sei aber auch dabei, gibt er zu.
Anerkennung als Wendehymnen
Dass ihre Lieder wichtige Zeitzeugnisse sind und Bestand haben, hat man im vereinten Deutschland längst erkannt. So kam Sandows „Born in the GDR“ auf die Compilation „Pop 2000 - 50 Jahre Popmusik“ und Herbst in Pekings „Bakschischrepublik“ auf die CD „Sound of Revolution“. Diese, anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegebene CD, enthält 20 Songs, die den Soundtrack der friedlichen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa bilden.
Wulle schrieb:am 16. August 2010 um 17:07:58 (0) (0)Sind ja noch ein paar Tage Zeit, wegen Ex-DDR zu jubilieren! Heute ist Elvis-Gedächnistag - dazu sagt hier keiner was! Und Elvis hat (undtut immer noch) mehr für die ganze Welt getan, als manche der sich selbst beweihräuchernden Selbstdarsteller, die sich mit freundlichen Grüßen und viel Trara für Gutmenschen halten! mehrKommentar melden