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Der Polit-Offizier hörte täglich "Deutsche Welle"
14.10.2009, 11:31 Uhr
Fischtrawler im Rostocker Fischereihafen (Archivbild aus dem Jahr 2000: dpa)
Vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer - ein historisches Ereignis, dass das Ende der DDR und der Teilung Deutschlands besiegelte. t-online.de bat seine Leser, ihre persönliche Geschichte zum 9. November 1989 einzusenden. Von joesch.ro erhielten wir folgenden Beitrag:
"Im Sommer 1989 war mein Ingenieurstudium an der Seefahrtsschule fast geschafft. Das Ingenieur-Praktikum stand an. Für mich hieß das, auf einem Schiff der Hochseefischerei als Funkoffizier (ja, den Beruf gab es damals noch) ein oder zwei “Reisen” mitzumachen. Seit Anfang Juli waren alle Prüfungen erledigt, das Stundentenwohnheim musste für FDGB-Urlauber geräumt werden, und so genoss ich die freien Tage zu Hause und war auf Abruf. Man hörte hier und da was von besetzten Botschaften, aber eigentlich war es zu dieser Zeit noch ruhig.
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Auftrag: Makrelenfang
Ein Telegramm forderte mich auf, dass ich mich an einem bestimmten Tag Mitte August auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld einzufinden habe. Mit einer alten IL-18 ging es direkt nach Glasgow und von dort weiter per Bus nach Aberdeen, hoch im Norden Schottlands. Das erste Mal westliches Ausland für mich. Im Hafen von Aberdeen lag unser Kahn, ein Supertrawler. Wir lösten die Mannschaft ab und ein paar Stunden später, bei Sonnenaufgang, ging es los Richtung Norden zu den Färöer-Inseln. Auftrag: Makrelenfang.
Erste Infos sickerten durch
Die ersten Informationen zu dem, was zu Hause los ist, tröpfelten durch andere Besatzungen durch, welche auf dem Fangplatz kamen (es waren mehrere DDR-Schiffe dort). Gerade wir Funker konnten uns untereinander unterhalten, ohne dass die Stasi offiziell mithörte. Das war bei Telefonaten nach Hause nicht so, ich wusste aus meiner Tätigkeit als Funker bei Rostock-Radio, dass alles mitgehört wurde, was erreichbar war.
Botschaften mitgeschnitten
Als Nächstes haben wir uns dann darum gekümmert, dass wir die Nachrichten des Botschaftsdienstes bekamen. Das Außenministerium hat jeden Tag Nachrichten an alle Botschaften per Funk-Telex gesendet, die haben wir mitgeschnitten, später dann auch für jeden lesbar ausgehängt.
Polit-Offizier hörte "Deutsche Welle"
Der Polit-Offizier hörte täglich „Deutsche Welle“. Er war immer sauer, wenn wir diese Nachrichten mit unseren Fangmeldungen störten. Wir mussten jeden Tag an die örtlichen Behörden die Fangergebnisse melden, und wenn der Sender an Bord in Betrieb ging, war alles andere herum funkmäßig tot. Trotzdem war genau er die Informationsquelle für die West-Nachrichten.
Gewerkschaft versuchte, die Wogen zu glätten
Hohe Wellen schlugen die Nachrichten über das luxuriöse Jagdhaus von Harry Tisch. Um hier noch was zu retten, tingelte die Gewerkschaft unseres Betriebes über die Fangplätze und versuchte die Wogen zu glätten - aber das war sinnlos. Dabei hörten wir auch von den ersten Demonstrationen.
Stasi hörte bei Privatgesprächen mit
Ich telefonierte immer am Wochenende mit meiner Frau. Das war damals echt schwierig. Alles ging über Rügen-Radio, man musste Gespräche dort anmelden und lange warten. Meiner Frau hatte ich eingeschärft, immer daran zu denken, dass die Stasi bei solchen Gesprächen zuhörte. Deshalb hielt sie sich bei Infos, was zu Hause los ist, immer sehr bedeckt.
Nachricht vom Mauerfall über das Radio
Dass die Mauer offen ist, habe ich durch einen Funk-Kollegen gehört, welcher die Nachrichten der örtlichen Radiosender mithörte. Die Bestätigung kam von einem Kollegen von Rügen-Radio, als ich mal wieder ein Telefongespräch herstellen musste.
Ausweise lagen im Betrieb
So langsam wurden dann die Infos breiter, man merkte, dass die Stasi unterging. Die Telefonate waren offen (wir waren ja - man muss auch sagen leider - Zeugen aller Telefongespräche; das war schon technisch bedingt). Und so bekamen wir auch langsam mit, was so alles gelaufen ist. Wir erhielten dann die Nachricht, dass in unseren Personalausweisen die Stempel mit den Ausreisegenehmigungen “hinterlegt” wurden. Die Ausweise lagen im Betrieb, wir hatten ja die Seefahrtsbücher, was wie ein Pass ist.
Der erste Arbeitslose war der Polit-Offizier
Die Stamm-Mannschaft musste dann zur Labradorsee, ein anderes Schiff ablösen. Ich verblieb auf dem Trawler und musste warten, bis ich mit einem Kühl- und Transport-Schiff nach Rostock zurück konnte. Unsere Fracht wurde auf hoher See auf solche Schiffe umgeladen. In der Zeit funkte mich von Neufundland der Polit-Offizier der Stammbesatzung an, dass ich seine Kammer beräumen sollte; er war nicht mehr Polit-Offizier. Der erste Arbeitslose, den ich persönlich erlebte, aber kein Problem für ihn, er hatte das Kapitäns-Patent und bekam auch gleich ein Schiff.
Rückkehr nicht an den Ausgangspunkt
Jedenfalls kam ich dann kurz vor Weihnachten auf Rostock-Reede an und fuhr mit einem Lotsenboot nach Marienehe, wo ich dann nach über 100 Tagen wieder Land unter den Füßen hatte. Niemand interessierte sich für mich, kein Zoll, keine Polizei, Passkontrolle oder so. Schnell die Formalitäten erledigt und ab zum Zug. Gestrandet bin ich in Bitterfeld, wie immer Verspätung und Anschlusszug weg. Ein Schwarz-Taxi konnte ich gegen 50 Mark der DDR zu einer Fahrt nach Hause überreden. Dafür ließ er sogar einen armen Soldaten stehen, der auch nur nach langer Zeit nach Hause wollte. Der Fahrer schimpfte die ganze Fahrt nur auf die SED, Gewerkschaft, Bonzen, Stasi und was noch alles. Da merkte ich das erste Mal so richtig, dass ich nicht dorthin zurückkam, von wo ich vor über vier Monaten weggefahren bin.
"Das haben wir hier jetzt auch"
Mitgebracht hatte ich Matchbox-Sammelpackungen und guten Wein. Der Kommentar meiner Frau: Das haben wir hier jetzt auch. Ernüchternd, aber trotzdem irgendwie schön. Gleich am nächsten Tag haben wir das Begrüßungsgeld abgeholt, das lohnte sich schon bei zwei Kindern. Zwei Tage später sind wir in eine größere Wohnung umgezogen (wir hatten 24 qm – zu Viert!). Die neue Wohnung war eine von Ausgereisten – eine der letzten, welche einen Ausreiseantrag gewährt bekamen, kurz vor dem Mauerfall. Aber das habe ich alles erst später erfahren. Auch die vielen Fernsehbilder von der Prager Botschaft, vom Mauerfall selber. Diese Bilder sah ich erst sehr viel später zum ersten Mal.
Arbeitslos mit Diplom
Ich machte mein Diplom, fing bei der Hochseefischerei mit Kurzarbeit an und war drei Monate später arbeitslos.
Weitere persönliche Berichte im Mauerfall-Blog
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