17.10.2011, 10:07 Uhr
Im Austausch sollen 1027 palästinensische Gefangene aus der Haft entlassen werden.
Rätselraten um den von der radikalislamischen Hamas verschleppten israelischen Soldaten Gilad Schalit: Angeblich soll er sich schon in Ägypten befinden. Das behauptet zumindest ein hochrangiger ägyptischer Beamter auf der Sinai-Halbinsel. Aus Sicherheitskreisen in Kairo wurde das jedoch dementiert. Auch die radikale Palästinenserorganisation Volksbefreiungskomitee (PRC) widersprach dem Bericht. Schalit soll gegen gefangene Palästinenser ausgetauscht werden.
Der Beamte, der sich in der Sinai-Stadt Al-Arisch aufhielt, erklärte, die Ägypter hätten am Dienstagabend am Grenzübergang Rafah ein Auto mit getönten Scheiben über die Grenze in den palästinensischen Gazasstreifen geschickt. Dieses sei kurz darauf mit Schalit nach Ägypten zurückgekehrt. Der Mann sei anschließend nach Kairo gebracht worden. Keiner hätte das Fahrzeug bemerkt, da zu diesem Zeitpunkt fast ganz Ägypten vor dem Fernseher saß, um das Finalspiel der ersten ägyptischen Fußball-Liga anzusehen.
Ein Sprecher der Hamas, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen wollte, geht sogar davon aus, dass "der israelische Gefangene binnen drei Tagen wieder bei seiner Familie sein wird". Hamas-Funktionär Talal Nassar hingegen erklärte, es sei noch zu früh, für derartige Ankündigungen. Der Gefangenenaustausch, bei dem für den seit 2006 gefangenen Israeli 1027 Palästinenser freigelassen werden sollen, werde spätestens am 1. November abgeschlossen sein. Zu Berichten, wonach Schalit bereits am Dienstagabend nach Ägypten gebracht worden sein soll, erklärte Nassar: "Ich kann dies weder bestätigen noch dementieren."
Die radikale Palästinenserorganisation Volksbefreiungskomitee (PRC) schließt sogar aus, dass Schalit bereits nach Ägypten überstellt worden ist. "Er hat den Gazastreifen nicht verlassen und befindet sich weiter in der Hand der Widerstandsgruppen" sagte der PRC-Sprecher Abu Attaya.
Die PRC hatte zusammen mit dem bewaffneten Arm von Hamas, den Al-Kassam-Brigaden, und der Armee des Islam den Israeli vor mehr als fünf Jahren in das Gebiet am Mittelmeer verschleppt. Festgehalten wurde Schalit von der Hamas, die als stärkste palästinensische Gruppe im Gazastreifen dort 2007 die Macht übernahm.
Nach der Ankunft Schalits in Ägypten sollen zunächst 450 Palästinenser und 27 Palästinenserinnen aus israelischen Gefängnissen freikommen. In einem zweiten Schritt sollen dann weitere 550 militante Palästinenser freigelassen werden - erst danach soll der 2006 verschleppte Soldat von Kairo nach Tel Aviv fliegen dürfen. Der Gefangenenaustausch ist das Ergebnis langwieriger Vermittlungsbemühungen von Deutschland und Ägypten.
Die israelische Regierung hatte in der Nacht zum Mittwoch den umstrittenen Gefangenaustausch mit großer Mehrheit genehmigt. Nach stundenlangen Debatten stimmten 26 der Minister für die Vereinbarung und drei dagegen berichteten israelische Medien.
"Es ist das beste Abkommen, das wir in diesen stürmischen Zeiten im Nahen Osten erzielen konnten", sagte Netanjahu. Die Einzelheiten seien zuletzt in Kairo unter ägyptischer Vermittlung vereinbart worden. "Ich übermittle meinen besonderen Dank an die ägyptische Regierung und ihren Geheimdienst, die sehr geholfen haben."
Netanjahu dankte ausdrücklich auch dem deutschen Unterhändler sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihre Unterstützung. Deutschland hatte in den letzten Jahren immer wieder zwischen beiden Seiten vermittelt.
Israelische Medien berichteten, Netanjahu habe sich am Dienstagmittag mit Noam Schalit, dem Vater des entführten Soldaten, getroffen. Bei dem sehr emotionalen Gespräch habe er Schalit über den geplanten Tauschhandel informiert.
Unterdessen regt sich in der palästinensischen Regierung im Westjordanland Kritik an dem von der rivalisierenden Hamas ausgehandelten Austausch von Häftlingen gegen Schalit: "Die Hamas hätte einen besseren Handel vereinbaren können", sagte der Minister für die Belange palästinensischer Häftlinge, Issa Karaki.
Die auf einen friedlichen Ausgleich mit Israel setzende Regierung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in Ramallah ist mit der im Gazastreifen regierenden radikalislamischen Hamas zerstritten. Die Hamas spricht Israel das Existenzrecht ab und fordert die Fortsetzung des bewaffneten Kampfes. Den Handel zur Freilassung palästinensischer Häftlinge könnte sie als Erfolg dieser harten Linie verbuchen.
Gilad Schalit war am 25. Juni 2006 von militanten Palästinensern in den Gazastreifen verschleppt worden. Während seiner Gefangenschaft durfte er nur drei Briefe, eine Audio- und eine Videobotschaft an seine Familie übermitteln. Seit Anfang Oktober 2009 fehlte jedes Lebenszeichen.
Der Aufenthaltsort Schalits war bis zuletzt unbekannt. Die Hamas verweigerte selbst Vertretern des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) den Zugang. Sie befürchtete, dass Israel mit Hilfe der IKRK-Mitarbeiter den Aufenthaltsort Schalits ermitteln und ihn dann befreien könnte.
Quelle: dpa
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