15.02.2012, 15:02 Uhr | Von Christian Kreutzer
"Ob wir den Iran erfolgreich angreifen können?", fragt Giora Eiland. Der israelische Ex-General lacht leise: "Da können Sie sicher sein."
Wenn westliche und asiatische Regierungschefs, Minister und Experten am Wochenende in München zur Sicherheitskonferenz zusammenkommen, dürfte der Iran das wichtigste Gesprächsthema sein, das nicht auf der offiziellen Tagesordnung steht.
Denn was Israels früheren nationalen Sicherheitschef Eiland so selbstbewusst stimmt, lässt den Machthabern in Teheran zurzeit den Schweiß auf die Stirn treten: Von allen Seiten ist das riesige Land am Persischen Golf belagert. Vor allem Israels Premier Benjamin Netanjahu lässt seit Monaten mobil machen und droht offen mit einem militärischen Alleingang gegen den Iran – notfalls auch gegen den Willen der USA.
Die würden zwar einen neuen Waffengang gerne vermeiden. US-Verteidigungsminister Leon Panetta geht aber schon davon aus, dass Israel im Frühjahr einen Angriff auf die iranischen Atomanlagen startet. Das berichtet neben der "Washington Post" auch der Nachrichtensender CNN. Dafür bestehe eine "starke Wahrscheinlichkeit" zitiert das Blatt Panetta. Netanjahu wolle dadurch verhindern, "dass das Schicksal Israels von Amerika abhängt".
Doch auch in Washington drohen Obamas Minister mit Krieg, um das Land zu stoppen, das mutmaßlich auf dem Weg zur Atommacht ist. Außenministerin Hillary Clinton dachte gar laut darüber nach, ob die iranische Opposition vielleicht eine ähnliche Unterstützung gebrauchen könnte, wie die libyschen Rebellen, die beim Sturz Gaddhafis Luftunterstützung von der NATO erhalten hatten.
Panetta entsandte Ende Januar einen zweiten amerikanischen Flugzeugträger in den Golf. Zuvor hatte er die Bestellung schwerer bunkerbrechender Waffen angekündigt. Sie sollen selbst die 70 Meter dicke Granitschicht über der iranischen Uran-Anreicherungsanlage Fordo nahe der heiligen Stadt Ghom durchdringen können.
Der kleine Satellit soll nach offizieller Darstellung unter anderem Wetterdaten sammeln. zum Video
Präsident Barack Obama selbst betont zwar seinen Friedenswillen, nimmt aber angesichts der Wahlen im November keine "Option" vom Tisch.
Helfer in der Region gäbe es genug: Auch das radikal-sunnitische Saudi-Arabien und die angrenzenden Golf-Emirate würden das schiitische Regime in Teheran gerne untergehen sehen. Sie sind es leid, dass sich der Iran als vermeintlicher Helfer der unterdrückten schiitischen Minderheiten in den arabischen Golfstaaten einmischt. Längst haben Beobachter neben dem "großen Kalten Krieg" Irans mit den USA und Israel einen "kleinen Kalten Krieg" zwischen Riad und Teheran ausgemacht.
Und jetzt noch das angekündigte Öl-Embargo der EU - ein Sanktionsbündel das selbst die Israelis beeindruckt: Je nach Schätzung kaufen die Europäer 20 bis 30 Prozent des iranischen Öls. Darauf sollen die Iraner ab Juli sitzen bleiben. "Noch vor Kurzem hätte ich nicht an solche harten Sanktionen geglaubt", bekennt Eiland.
Selbst China sucht jetzt, wenn auch nur unter dem Druck der Europäer, auf der arabischen Seite des Persischen Golfs nach einem Ersatz für das iranische Öl – das lässt in Teheran die Alarmglocken schrillen.
Als die Atomkontrollbehörde IAEA am vergangenen Wochenende in einer Art Last-Minute-Initiative Inspektoren in den Iran schickte, um "offene Fragen zu klären", ergriff Außenminister Ali Akbar Salehi dankbar den rettenden Strohhalm: "Sie dürfen jede Atomanlage besuchen, die sie uns nennen", so Salehi.
Über das ganze riesige Land verteilt: Irans Atomanlagen (Quelle: Grafik: dpa)Der Westen glaubt, dass der Iran unter dem Deckmantel seines zivilen Atomprogramms intensiv den Bau von Atombomben vorbereitet. Im Gespräch mit t-online.de behauptet der frühere Regime-Insider Hossein Mousavian mit dem Brustton der Überzeugung: "Der Iran war nie hinter Atomwaffen her".
Der 55-Jährige sollte es eigentlich wissen: Nach seiner Zeit als iranischer Botschafter in Deutschland war Mousavian zwischen 2003 und 2005 Sprecher des Expertenteams das mit der IAEA über Irans Atomprogramm verhandelte. 2007 fiel er bei Präsident Ahmadinedschad in Ungnade und wurde der Spionage angeklagt. Schließlich floh der Diplomat in die USA und ist heute Gastforscher an der Eliteuniversität Princeton.
Die angeblich ehrlichen Absichten des Regimes verteidigt Mousavian nach wie vor: "Seit 2003 haben wir hundert mal gesagt, dass wir nur die Erlaubnis zur Anreicherung für unsere Kraftwerke und zu medizinischen Zwecken wollen". Mögliche Zweifel daran habe Teheran aus dem gleichen Grund bestehen lassen, aus dem Israel und die USA auf ihrer "militärischen Option" bestünden: Zur Sicherheit.
"Ich glaube, wir wissen es besser", sagt dagegen Andy Terrill, Dozent am War College, einer Washingtoner Kaderschmiede für die amerikanische Offizierselite. "Natürlich ist der Iran ganz generell an ziviler Atomkraft interessiert", sagt Terrill. "Das verbirgt aber nicht die Tatsache, dass die Führung dermaßen viel Geld investiert und alles so gut bewachen und verbergen lässt – teils weit unter der Erde – dass man nur von einem Waffenprogramm ausgehen kann." Das sei auch logisch, erinnert Terrill an die Lektion Nordkoreas: Wer Atomwaffen habe, mache sich unangreifbar.
Lügt Mousavian also? "Vermutlich glaubt er, was er da sagt", meint der Iran-Experte Giorgio Franceschini von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Es sei typisch für das iranische Regime selbst hohe Diplomaten und Experten nicht einzuweihen. Sie würden womöglich auf den Weg geschickt und bekämen gesagt, was sie sagen müssten, ohne selbst Bescheid zu wissen.
"Wirklich Bescheid weiß nur die Staatsspitze und das ist nicht Präsident Ahmadinedschad", sagt Franceschini. Der Präsident sei in Wahrheit abgemeldet, weil er sich wegen seiner radikalen Sprüche mit dem wirklich starken Mann überworfen habe: Religionsführer Ali Khamenei.
"Khamenei entscheidet, wo es lang geht", erklärt Franceschini. Der 72-jährige Gelehrte, der kulturell noch im 19. Jahrhundert lebe und nicht einmal eine Armbanduhr trage, entscheide alles mit seinem Expertenrat aus Religionsgelehrten – auch die Außenpolitik. Nur er und ein paar wenige Eingeweihte wüssten über das Atomprogramm vermutlich wirklich Bescheid.
"Als sicher gilt: Der Iran hat die Bombe nicht und will sie derzeit auch nicht bauen. Aber sie haben sich konsequent die notwendigen Techniken beschafft und wenn das Regime endgültig mit dem Rücken zur Wand steht, kann es den Bau jederzeit in Auftrag geben", so Francesschini.
Experten gehen davon aus, dass der Bau einer iranischen Atombombe und deren notwendige Verkleinerung, um damit eine Mittelstreckenrakete vom Typ Shahab 3 zu bestücken, sechs bis 18 Monate dauern dürfte.
Niemand erwartet indes, dass der Iran dann auch wirklich losschlägt. Für das iranische Regime geht es ums nackte Überleben: "Der Iran", sagt der Frankfurter Experte, "das ist nicht Deutschland 1938, wie Netanjahu sagt, sondern eher die Sowjetunion in den 80er Jahren kurz vor dem Fall."
Khamenei und seine Vertrauten seien eine Gruppe "alter Männer ohne Hoffnung, ohne Visionen", deren Revolution gescheitert sei, die umgeben von Feinden seien, mit einer am Boden liegenden Wirtschaft und einer horrenden Arbeitslosigkeit". "Gibt es eine Normalisierung mit dem Westen sind sie am Ende." Nur durch die Öleinnahmen und Wohltaten an die arme Bevölkerung halte sich das Regime überhaupt am Leben.
Derweil tobt am Golf seit Jahren ein geheimer Agentenkrieg wie in den heißesten Zeiten des Ost-West-Konflikts: Alle paar Monate fallen iranische Atomexperten Anschlägen zum Opfer, explodieren Anlagen oder stürzen Flugzeuge ab. Spektakulär war der Einsatz des Computerwurms Stuxnet, der tausende Uranzentrifugen lahmgelegt haben soll. Die Täter: mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Agenten von Mossad und CIA.
Vermutlich sollen die Attacken junge Wissenschaftler abschrecken. Kriegsentscheidend sind sie nicht: Iran kann auf hunderte Experten zurückgreifen. Einen Oppenheimer, von dem alles abhängt, gibt es hier nicht.
Auch der Erfolg eines echten Krieges ist zweifelhaft: Die ganze Region, vor allem die waffenstarrende Hisbollah werde sich gegen Israel erheben, Netanjahu sei verrückt, wenn er in den Krieg ziehe, tobt der frühere Mossad-Chef Meir Dagan seit Monaten, wann immer er öffentlich spricht. Außerdem habe Israel gar nicht die Kapazitäten, die Anlagen zu treffen, die weit über den riesigen Iran verstreut und tief eingegraben seien.
Klar, sagt dagegen Ex-Militär Eiland: Israel könne nicht mit ein paar Luftschlägen das gesamte iranische Nuklearprogramm auslöschen. Das könnten jetzt nicht einmal mehr die Amerikaner. Das Programm sei mittlerweile zu gut geschützt und enthalte zu viele Unbekannte.
"Aber wer sagt denn, dass wir das Programm komplett vernichten müssen?", fragt Eiland. "Wir können es teilweise zerstören und ansonsten greifen wir einfach Irans Infrastruktur an, zum Beispiel seine Ölanlagen." Dann werde sich der Iran schon überlegen, ob er noch mehr davon riskieren wolle.
Emily Landau vom Institut für Sicherheitsfragen in Tel Aviv warnt vor einem Krieg gegen Iran, aber auch vor der iranischen Verhandlungsmasche: "Die Iraner werden wie immer versuchen zu tricksen und die Sanktionen zu umgehen und währenddessen ihr Programm auszubauen. Sie sind Weltmeister im Zeitschinden." Die Europäer dürften sich keinesfalls wie schon so oft von ihnen über den Tisch ziehen lassen.
Doch das Teheraner Alt-Herren-Regime kämpft um den Machterhalt. Eine neue Runde des Hinhaltens ist da wahrscheinlicher als echte Verhandlungen mit offenem Visier. Dabei entstehen viele Möglichkeiten für potenziell tödliche Missverständnisse, fürchten Experten.
Die andere Möglichkeit: Die Welt findet sich mit der iranischen Bombe ab. Viele Geheimdienstler glauben jetzt schon, dass "der Zug abgefahren ist". Auch mit der Sowjetunion habe man sich schließlich arrangiert. Den Einsatz der Bombe könnte sich der Iran sowieso nicht leisten - der Gegenschlag wäre tödlich. Doch die Machtverhältnisse im Nahen Osten könnten sich dramatisch verschieben - "ein unerträgliches Signal", sagt Landau.
Irgendwann, sorgt sich der Berliner Verteidigungspolitiker Rainer Arnold (SPD), werde Israel womöglich doch die Geduld verlieren und entnervt losschlagen. Zwar wollen auch Netanjahu und sein Verteidigungsminister Ehud Barak erst einmal die Wirkung der Sanktionen abwarten. Um sich alle Optionen offenzuhalten, hat der Premier aber bereits gefordert, auf die EU-Sanktionen müssten noch schärfere Maßnahmen folgen. Das Warten auf den großen Schlag geht weiter.
Von Christian Kreutzer
Immanuel Kant schrieb:
am 3. Februar 2012 um 21:50:27
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Belle Epoque
Die politisch Bekloppten Sind manigfalltiger Natur, einfälltig und ergeben - deshalb kommen die ans Ruder, die sie eigentlich
nicht wollen. Die Knechte des Geistes erliegen ihrer Bringschuld. Sie sind inkompetent und verführbar. Aber wandelfähig wenn der Wind ihnen merklich, richtsweisend entgegenweht oder wie hieißt es doch so schon religierend - um die Ohren pfeift. Wir kennen solche lauteren Charaktäre, Fußnoten des Geschichte.
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Esaufraktion schrieb:
am 3. Februar 2012 um 21:48:06
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Es ist alles schon durchgerechnet.
Es ist alles schon lange durchrechnet und sogar versteckt veröffentlicht. Wenn Israel einen
überraschenden Erstschlag gegen seine Feinde mit Atomwaffen führt, gewinnt es. Auf Seiten der Araber gäbe es 60 Millionen Tote. Israel hätte 800.000 Tote. Pervers nicht war mit was sich Menschen heutzutage beschäftigen.
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Summa summarum schrieb:
am 3. Februar 2012 um 21:40:59
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Intellektuelle Fallhöhe
Der Freigeist stand schon immer dem Kadavergehorsam diamentral gegenüber. Und das hat bekanntlicherweise mit Intelligenz zu tun!
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