29.06.2009, 14:54 Uhr | Von Ulrike Putz, Spiegel Online
Schockierende Amateuraufnahme: Ein junge Iranerin stirbt auf der Straße (Foto: AP)
Dramatische Videobilder aus dem Iran: Eine iranische Demonstrantin wird wohl von Scharfschützen erschossen. Der Tod der jungen Frau wird zur Synonym für den brutalen Umgang des iranischen Regimes mit Andersdenkenden.
Sie sinkt von einer Kugel getroffen zu Boden, wenige Minuten später ist sie tot: Ein im Internet kursierendes Video soll zeigen, wie eine iranische Demonstrantin Opfer eines Scharfschützen wird. Über Nacht ist die junge Frau namens Neda zum Symbol des Aufstands geworden.
"Bleib bei mir, Neda!"
Es sind wackelige, verstörende Bilder: Eine junge Frau sinkt rückwärts auf den Asphalt einer Straße, die dunkle Blutlache unter ihrem Körper wird größer und größer. Männer knien neben der Frau, drücken auf ihren Brustkorb, schreien. Die Handy-Kamera, mit der das Video aufgenommen zu sein scheint, zoomt auf das Gesicht der Frau. Ihre Augäpfel rollen zur Seite, dann strömt Blut aus Mund und Nase. "Hab keine Angst Neda! Bleib bei mir, Neda, bleib bei mir!" schreit ein Mann, ein anderer ruft, "Such jemanden, der sie im Auto mitnimmt!" - dann reißt das Bild ab.
Ob der am Samstag ins Internet gestellte, nur knapp 40 Sekunden lange Film tatsächlich wie behauptet den Tod einer jungen iranischen Demonstrantin zeigt, ist nicht festzustellen. Wie bei fasst allem Video- und Foto-Material, das in diesen Tagen aus Iran ins Netz gestellt wird, kann die Authentizität des Films nicht überprüft werden.
Ikone der Opposition
Doch auch wenn vielleicht nie klar sein wird, ob die Bilder tatsächlich den Tod eines Mädchens namens Neda zeigen, so ist sie trotzdem schon jetzt zur Ikone, zur Märtyrerin der Opposition in Iran geworden: Neda hat der Brutalität des Regimes ein blutüberströmtes Gesicht, einen Namen gegeben. "Ich bin Neda" ist über Nacht zum Slogan der Protestbewegung geworden.
YouTube will Video verhindern
Der Film tauchte am Samstag zuerst über die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter im Internet auf. Sofort wurde er massiv weiterverbreitet. User-Gruppen machten es sich zur Aufgabe, YouTubes Versuche, den immens brutalen Film zu blockieren, auszuhebeln. Sie posteten den Clip immer und immer wieder, YouTubes Netzpolizei kam nicht mehr hinterher.
Augenzeuge schildert Details
Die ersten Postings waren mit einem Kommentar versehen. Ein angeblicher Augenzeuge schildert darin, was sich zugetragen haben soll. Er gibt Details an, vermutlich, um seine Glaubwürdigkeit zu unterstreichen: Der Vorfall habe sich um 19.05 Uhr Ortszeit am Karekar-Boulevard, Ecke Khosravi-Straße und Salehi-Straße in Teheran ereignet.
Kugel im Brustkorb explodiert
Eine junge Frau, die zusammen mit ihrem Vater die Proteste beobachtet habe, sei von der Kugel eines Scharfschützen der Revolutionsgarde ins Herz getroffen worden. "Ich bin Arzt, also bin ich gerannt, um zu versuchen, sie zu retten", schreibt der Mann. Doch die Kugel sei im Burstkorb der jungen Frau explodiert, sie sei in weniger als zwei Minuten tot gewesen.
"Bitte, lasst es die Welt wissen"
"Der Film wurde von meinem Freund aufgenommen, der neben mir stand", schreibt der Autor. "Bitte, lasst es die Welt wissen." Persischsprachige Internet-Nutzer stellten schnell eine Übersetzung dazu. Die Schreie "Bleib bei mir, Neda!" sollen von dem Vater der jungen Frau stammen.
Die Jeanne d'Arc Irans
Bereits Sonntagmorgen war "Neda" in der Rangfolge der weltweit meist kommentierten Themen auf Twitter auf Platz fünf gerutscht - Neda ist zur Jeanne d'Arc Irans geworden. "Es brauchte nur eine Kugel, um Neda zu töten. Es braucht nur eine Neda, um die iranische Tyrannei zu stoppen", schreiben Twitterer aus Teheran.
"Ich bin Neda"
"Neda starb mit offenen Augen. Schande über die, die ihre Augen geschlossen halten", lauten andere Einträge. "Sie haben Neda getötet, aber nicht ihre Stimme." Im Laufe des Tages änderten Tausende User ihre Profil-Bilder im Gedenken an die junge Frau. "Ich bin Neda" oder "Für immer Neda" steht nun dort, wo bislang ihre Fotos zu sehen waren. Andere Badges zeigen ein gebrochenes Herz in der Protestfarbe Grün.
Film mit ungeheurer Sprengkraft
In Blogs - beispielsweise dem der "New York Times" - wird spekuliert, der Film könnte den Lauf der Geschichte ändern. Parallelen zu Bildern der islamischen Revolution werden gezogen: Der Film könnte genauso zu einem Symbol werden, wie die damals aufgenommenen - und inzwischen historischen - Bilder, die zeigen, wie Truppen des Schahs auf unbewaffnete Demonstranten schießen.