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Iran: Ahmadinedschad-Gegner umgehen Zensur im Netz

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Ahmadinedschad-Gegner umgehen Zensur im Netz

17.06.2009, 18:41 Uhr | Von Christian Stöcker, Spiegel Online

Im Netz können Regime-Kritiker ihre Meinung kundtun - auch an der Zensur vorbei Im Netz können Regime-Kritiker ihre Meinung kundtun - auch an der Zensur vorbei

Twitter wird zum Medium des Untergrunds in Iran. Protestgruppen umgehen die staatliche Internetzensur, organisieren über den Kurznachrichtendienst und andere Plattformen Demonstrationen, streuen Informationen und Propaganda - alles im Dienst der Anti-Ahmadinedschad-Bewegung.

"#IranElection": Dieser Schriftzug macht Twitter in diesen Stunden zu einer gefragten Nachrichtenquelle im Internet. Mit diesem simplen Schriftzug versehen, verschicken Internet-Nutzer derzeit im Sekundenabstand 140-Zeichen-Meldungen zur Wahl in Iran, den Folgen und den Protesten gegen Ahmadinedschad. "#IranElection" ist aktuell das meistbenutzte Schlagwort bei dem Kurznachrichtendienst - und viele der gesendeten Meldungen stammen augenscheinlich aus Iran selbst. Trotz der im Land verhängten Netz-Zensur.

Foto-Serie

Nach den Wahlen im IranFestnahmen und Krawalle in Teheran
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Foto-SerieDie Kandidaten und ihre Anhänger

Twitterer machen einander Mut

Die Twitterer wollen einander Mut machen und den Rest der Welt nach Kräften über die Vorgänge in ihrem Land informieren. Als die Protestkundgebung gegen Ahmadinedschads Sieg an diesem Montag offiziell abgesagt worden war, riefen iranische Twitter-Nutzer dazu auf, trotz allem auf die Straße zu gehen. Andere gaben Tipps, etwa wie man sich bei Tränengasattacken verhalten soll - oder dass man bei den Protesten Bilder des bis heute verehrten Revolutions-Ajatollah Chomeini bei sich tragen solle: "Mit denen können sie nicht auf uns schießen." Die Nachricht, Oppositionsführer Mussawi werde trotz allem bei der Demonstration erscheinen, verbreitete sich über Twitter rasant - und schon etwa eine Stunde bevor Nachrichtenagenturen diese Information übermittelten.

Animierte GrafikWahl im Iran
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Mit Handy gedrehte Videos

Genutzt werden alle Kanäle des sogenannten Social Web: Auf YouTube finden sich zahlreiche Videos, augenscheinlich mit Handys gedreht, die Proteste und das brutale Vorgehen iranischer Sicherheitskräfte zeigen. Auf Flickr, anderen Fotoplattformen und diversenBlogs finden sich gewaltige Bildersammlungen, die ebenfalls Protest und Repression dokumentieren sollen. Diverse Web-Seiten sammeln derartige Informationen, vermischt mit Verweisen auf die Berichte anderer Medien. Ein Twitter-Nutzer stellt grafisches Propagandamaterial zur Verfügung. Weitere Social-Web-Quellen zur aktuellen Situation in Iran hat das US-Tech-Blog Mashable gesammelt.

Soziale Medien als Kommunikationsform

Welche der Informationen authentisch ist oder nicht - das ist zumindest für die Protestierenden im Land zweitrangig. Sie nutzen die Sozialen Medien eher als Kommunikations- denn als Propagandaplattform. In Zeiten realer Unterdrückung und realer Zensur beweist das verteilte und rasend schnell agierende Social Web seine Stärken. Das unterscheidet die derzeitige mediale Situation in Iran fundamental von anderen Ereignissen der jüngeren Geschichte, seien es die Anschläge von Mumbai oder die Notwasserung eines Flugzeugs im Hudson River.

Am Wahltag instabile Netzverbindungen

All das geschieht, obwohl in dem Land angeblich sowohl Twitter als auch Facebook und andere Webdienste blockiert wurden, ebenso das Mobilfunknetz. Tatsächlich hat Jim Cowie, Fachmann für Internet-Infrastruktur, in einem detaillierten Blogeintrag nachgewiesen, dass seit dem Wahltag viele Netzverbindungen über Iran instabil waren oder ganz ausfielen. Cowie: "Von außen ist es unmöglich zu sagen, welche Erfahrungen normale Internet-Nutzer in Iran derzeit machen."

Seitensperrungen lassen sich umgehen

Fest steht jedenfalls, dass auch iranische Internet-Nutzer wissen, wie sich Sperren umgehen lassen. Auf Twitter und diversen Webseiten werden permanent Listen mit den Adressen sogenannter Proxy-Server übermittelt. Stellt man seinen Browser entsprechend um, dann nutzt er einen solchen Proxy-Server als alternativen Zugangspunkt zum Internet - womit sich Seitensperrungen meist umgehen lassen. Zensur funktioniert nicht flächendeckend, das zeigen die immer noch aus Iran strömenden Untergrundinformationen.

Werkzeuge gebastelt

Programmentwickler haben mittlerweile sogar Werkzeuge gebastelt, mit denen sie die Zensurversuche des iranischen Regimes vergelten wollen: Ruft man eine auf Twitter und anderswo häufig verlinkte Web-Seite auf und klickt dort auf "Start", ruft der eigene Browser wieder und wieder ein Paket von zehn offiziellen Seiten auf, um sie zu überlasten, darunter den Internet-Auftritt von Irans geistlichem Führer Ajatollah Ali Chamenei.

Kritik an CNN

In den USA musste an diesem Sonntag auch ein klassisches Medium erleben, wie rasant Twitter-Nutzer auf aktuelle weltpolitische Entwicklungen reagieren. Erbost darüber, dass CNN ein Interview mit den Machern der Motorradsendung "American Chopper" wiederholte, statt über die Proteste in Teheran zu berichten, twitterten Tausende "#CNNfail", wie die "New York Times" berichtet. Inzwischen hat der Sender seine Berichterstattung massiv ausgebaut.


Von Christian Stöcker, Spiegel Online  

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