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Interview zur EU-Krise: "Den Europäern fehlt es an Gemeinsamkeiten"

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"Den Europäern fehlt es an Gemeinsamkeiten"

16.05.2011, 11:12 Uhr | Das Interview führte Björn Hengst, Spiegel Online

EU-Krise: "Der Nationalismus ist zurückgekehrt", sagt Historiker Philipp Blom (Foto: Imago) (Quelle: imago)

"Der Nationalismus ist zurückgekehrt", sagt Historiker Philipp Blom über die Krise der EU (Foto: Imago) (Quelle: imago)

Dänemark führt wieder Grenzkontrollen ein, die EU streitet über Finanzhilfen für Griechenland, in vielen Mitgliedsländern sind Rechtspopulisten im Aufwind: Zerbricht die europäische Idee? Der Historiker Philipp Blom spricht im Interview über die Schwächen der Gemeinschaft - und über ihre Chancen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Blom, Dänemark will auf Druck der rechtspopulistischen Partei DF an seinen Grenzen wieder Kontrollen einführen. Gerät mit dem Ende der europäischen Reisefreiheit auch die europäische Idee in Gefahr?

Blom: Die europäische Idee ist schon in Gefahr, aber es gibt zu ihr keine Alternative. Helmut Schmidt hat vor kurzem in einem Aufsatz vorgerechnet, dass die Europäer Anfang des 20. Jahrhunderts 25 Prozent der Weltbevölkerung gestellt haben, Ende des 21. Jahrhunderts werden es demnach nur noch fünf Prozent sein. Wenn sich diese Länder dann auch noch zersplittert um ihre eigenen Interessen kümmern wollen, haben sie keine Stimme mehr in der Welt.

Außer dem Schengen-Streit sorgen auch die Euro-Rettung und die Debatte über Finanzhilfen für Konflikte. Viele EU-Bürger sehen Europa eher als Schreckgebilde denn als Verheißung. Wie ist es dazu gekommen?

Dafür trägt leider auch die Politik die Verantwortung. Man muss nur schauen, was mit den Flüchtlingen der arabischen Revolutionen geschieht: Die EU hat Italien mit diesem Problem alleingelassen. Die Franzosen wollten ihre Grenzen dichtmachen, die Österreicher auch. Da zeigt sich einerseits ein Mangel an Solidarität. Andererseits schieben Politiker gern der EU all das in die Schuhe, was in ihrem eigenen Land schiefläuft.

Hat sich die EU auch durch die Erweiterung angreifbar gemacht?

Es scheint mir, dass sich die EU jenseits ihrer Handlungsfähigkeit vergrößert und sich damit noch nicht institutionell arrangiert hat. Dazu kommt ein gigantisches Demokratiedefizit: Für einfache Menschen ist es sehr schwer einsehbar, wie Entscheidungsprozesse in Brüssel zustande kommen. Oder nehmen wir das Debakel zur Europäischen Verfassung - ein Beispiel, das verdeutlicht, mit welcher Arroganz in Brüssel oftmals vorgegangen wird: Was wäre falsch daran gewesen, dass alle Europäer Mitglieder zu einer verfassunggebenden Versammlung wählen, die dann die Verfassung formulieren kann? Stattdessen wurde den Menschen einfach ein hochkomplexes Dokument vorgelegt und signalisiert: Jetzt sagt bitte schön ja dazu.

Wie ließen sich denn Konstruktionsfehler im Gebilde EU beheben?

Auf der theoretischen Ebene funktioniert dies sicher. Aber in der praktischen Welt gibt es ein unendliches Geflecht von Nationalinteressen, Karrierefaktoren und Kuhhandelei. Neue Konstruktionsprinzipien bedeuten Machtverzicht für Individuen und Parteien, und dafür muss sich der Druck auf Europa enorm erhöhen.

Nicht nur in Dänemark feiern Rechtspopulisten und Euro-Skeptiker Erfolge. Kehrt in Europa der Nationalismus zurück?

Er ist leider schon längst zurückgekehrt. Zum Teil ist das Ausdruck des Vakuums, das wir haben: Die großen Volksparteien haben über Jahrzehnte auch zum Teil legitime Sorgen von Wählern ignoriert, sie wollten sie nicht wahrnehmen - etwa das Thema Migration. Leider waren dann die Rechtsaußenparteien die Einzigen, die diese Fragen offensiv artikuliert haben. Europäische Länder haben wie jeder andere Staat auch das Recht, die Migration in das eigene Gebiet zu steuern - kein Mensch findet das bei Australien, Neuseeland oder Kanada bedenklich. Auch der soziale Friede innerhalb eines Landes ist wichtig, es geht aber um folgende Frage: Wollen wir eine offene, integrative Gesellschaft sein, in der sich Menschen unterschiedlicher Kulturen und unterschiedlicher Horizonte friedlich miteinander arrangieren oder wollen wir das nicht? Die Rechtsaußenparteien wollen die offene, integrative Gesellschaft nicht - aber einige der Ängste, die sie artikulieren, die sind einfach da. Das Schlimmste, was man als liberaldenkender Mensch oder liberaldenkende Partei tun könnte, wäre, davor die Augen zu verschließen und zu sagen, es handle sich um nationalistische Vorurteile.

Wie hat sich der Blick auf Europa in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt?

Er ist wesentlich ernüchterter geworden. Das Misstrauen gegenüber der weit entfernten Institution Europa ist gestiegen. Das liegt zum Teil auch daran, dass es die Politiker in Brüssel nicht geschafft haben, Kommunikationskanäle zu ihren Wählern in den Heimatländern zu schaffen. Europawahlen werden von nationalen Parteien und anhand von nationalen Fragen bestritten, nicht von europäischen Parteien. Es existiert keine genuin europäische Öffentlichkeit. Es gibt zum Beispiel keine Fernsehsendung, die alle Europäer sehen können, es gibt keine Gemeinsamkeiten, die sich aus Europa ergeben - jenseits der gemeinsamen Währung.

Glauben Sie daran, dass es so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit jemals geben wird?

In einer Demokratie ist Öffentlichkeit unabdingbar. Wenn Europa eine Demokratie sein will, die mehr ist als eine mittelgroße europäische Stadt, in der sich Parlamentarier treffen, die niemand kennt, dann wird es diese Öffentlichkeit entwickeln müssen. Dann wird es den Menschen effektiver als bisher zeigen müssen, wie es das Leben der EU-Bürger positiv beeinflusst. Dass es ihnen Wohlstand, Stabilität und Frieden gebracht hat und bringt - und dass es nicht nur die Krümmung von Bananen reguliert, worüber sich die Boulevardmedien freuen.

"Der taumelnde Kontinent" lautet der Titel Ihres Buchs über Europa in der Zeit von 1900 bis 1914. Wie würde er lauten, wenn Sie ein Buch über das Europa unserer Tage schreiben würden?

Es wäre wohl so etwas wie "Der erstickende Kontinent", aber durchaus mit einem Fragezeichen versehen. Ich meine das auf das kulturelle Selbstverständnis bezogen. Die Berufung auf die Werte, die Europa möglich gemacht haben, ist immer hohler geworden. Wir müssen uns mit diesen Werten und Ideen wieder offensiv beschäftigen.


Quelle: Spiegel Online

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Kommentare (83)

zum Forum

Thema: "Interview zur EU-Krise: "Den Europäern fehlt es an Gemeinsamkeiten""

Schirm schrieb: am 16. Mai 2011 um 19:40:39
(3) (0) Gemeinsamkeiten
Europa ist nicht am ENDE ! Die EU ist am ENDE ! Deutsche Gelder für Fiesta und Siesta !

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Reiner schrieb: am 16. Mai 2011 um 19:31:05
(0) (0) @ Frage
Laut deiner Äüßerung scheinst du dich über regelmäßige Besuche Seitens der Schufa erfreuen zu können. Lach

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Zentral schrieb: am 16. Mai 2011 um 19:28:02
(1) (0) Gestirn
Stellt euch mal vor unser Zentralgestirn hustet einmal, die ganze Daten in den Rechenkisten sind auf einen Schlag husch und weg.
Katastrophe für die Menschheit. Nixe mehr geht. Lidll, Aldi, Penny usw. kaputto. Kühlschrank mache nix mehr kalt. Birne brenne nix mehr. Meneke kommt dunkel auf Welt. Kann man nix mehr sagen Licht der Welt erblickt.
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