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Integration: NRW-Minister Laschet über Deutsche und Muslime

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"Das Verständnis wird wachsen"

20.12.2009, 12:58 Uhr

Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Armin Laschet (CDU) (Foto: dpa) "Eher ein soziales Problem" - Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Armin Laschet (CDU) (Foto: dpa)Armin Laschet (CDU), Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen, sprach mit t-online.de über das Unbehagen der Deutschen angesichts des Islam und die Angst der Muslime vor einer "total säkularisierten Gesellschaft".Zu Überfremdungsängsten der Deutschen, so der Minister, bestehe objektiv kein Anlass.

Herr Minister, wie groß ist nach Ihrer Erfahrung die Angst der Deutschen vor dem Islam?

Angst vor dem Islam würde ich nicht sagen, aber es gibt sicher ein Unwohlsein mit einer Religion, die einem fremd ist und die man in unterschiedlichen Teilen der Welt unterschiedlich wahrnimmt. Der 11. September hat zu einem Schockerlebnis geführt. Ich glaube aber, vor den meisten Muslimen, mit denen man hier im Land lebt, hat man keine Angst. Aber ein gewisses Unbehagen ist sicher da.

Das heißt, mit dem einzelnen Moslem hat man kein Problem, aber der Islam insgesamt ist den Deutschen unheimlich?

Ob das eine Mehrheit ist, weiß ich nicht, aber einer relevanten Gruppe macht er jedenfalls Sorge.

Würden Sie sagen, dass die Ängste, die teilweise geäußert werden - vor Übernahmefantasien, oder der Unterdrückung von Frauen - im Großen und Ganzen der Realität entsprechen, oder ist das ein Zerrbild, das man von den muslimischen Mitbürgern hat?

Ich glaube, dass ein großer Anteil einem Zerrbild entspricht. In dem Schweizer Votum (zum Minarett-Verbot, Anm.) äußert sich ein Unbehagen am Verlust der eigenen Identität, ein Unbehagen am Islam als politischer Religion. Dann ein Unbehagen an Moscheen, die plötzlich entstehen, in einem Land, das so etwas vorher nicht kannte. Das sind eine ganze Menge Dinge, die sich da zusammenmischen. In Deutschland haben wir die Situation, dass Kirchen verkauft werden. Man kann es nicht toll finden als Katholik, dass Kirchen verkauft werden müssen und Moscheen gebaut werden. Und in so einer Lage entsteht dann das Gefühl: Unser Land verändert sich. Die Gefahr der Überfremdung ist natürlich angesichts von fünf Prozent Muslimen bei einer Bevölkerung von 80 Millionen objektiv nicht da. Es gibt vier Millionen Muslime im Land - maximal. Davon ist überhaupt nur ein Bruchteil religiös. Muslime werden bei uns nach dem Herkunftsland gezählt. Jeder Ägypter und jeder Türke gilt als Muslim. Selbst die irakischen Christen, die kommen, gelten statistisch als Muslime. Aleviten werden gar nicht differenziert. So kommt man dann auf die Zahl von vier Millionen. Aber auch real besteht natürlich keine Übernahmegefahr.

Haben Sie als Integrationsminister feststellen können, dass diese Ängste einen Widerhall in den muslimischen Gemeinschaften auslösen?

Es gibt bei den gläubigen Muslimen sicher die Angst vor einer total säkularisierten Gesellschaft.

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Das heißt?

In dem Buch "Die Aufsteiger-Republik" erzähle ich ein Beispiel: Da reist ein Mitarbeiter unseres Hauses nach Marokko zu den Eltern seines künftigen Schwiegersohnes. Die schalten abends das Fernsehen ein - die Schwiegereltern wollten gastfreundlich sein und haben ihre Satellitenschüssel verdreht - und dann lief auf RTLII eine Reportage über einen Swingerclub. Da haben die sich gefragt: Was ist das für ein Land, in das wir unseren Sohn verheiraten? Die Wahrnehmung war: Das ist ein total unmoralisches Land, in dem ab 23 Uhr auf allen Kanälen die dollsten Dinge geboten werden. Das weckt ein tiefes Unbehagen bei Muslimen. Bei solchen gefühlten Missständen zieht man sich quasi in die eigene Gemeinschaft zurück. Das ist die Überfremdungsangst auf der anderen Seite. Die Muslime selbst nehmen, glaube ich, schon wahr, dass sie sich auch anpassen müssen an die deutsche Gesellschaft. Sie verzichten auf den Muezzin-Ruf. Keine Moschee überträgt mit Lautsprecher den Ruf - bis auf eine in Norddeutschland, bei der es noch Diskussionen gibt. Die meisten aber verzichten darauf und machen ihn nur nach innen, weil sie wissen, das würde das Unbehagen verstärken. Und das finde ich ein kluges Vorgehen.

Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Armin Laschet über Muslime und Deutsche - das Bild zeigt die Gründungsmitglieder der 1. Türkischen Narrenzunft Dortmund 09 (Foto: dpa) Die Gründungsmitglieder der 1. Türkischen Narrenzunft Dortmund 09 - Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Armin Laschet sprach mit t-online.de über Muslime und Deutsche (Foto: dpa)

Sie haben die Fernsehsendung erwähnt. Wie kann man diese Gräben überbrücken und dafür sorgen, dass alle sicher in der Gegenwart ankommen?

Das tun die meisten. Aber das muss wachsen. Man hat ja auch nicht die Bildungseliten angeworben. Sondern die Ärmsten, die teilweise mitten aus Anatolien in eine Industriegesellschaft hineingeworfen wurden - und die schon in Istanbul Schwierigkeiten mit dem Lebenswandel dort haben. Es ist also eher ein soziales Problem, ein traditionalistisches Problem. Aber das Verständnis wird wachsen und die neue Generation lebt mit der Erfahrung schon ganz anders.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der sogenannten dritten Generation gemacht?

Solche und solche. Es gibt bei manchen den Rückzug in das Traditionelle. Ich habe aber schon den Eindruck, dass bei der großen Mehrheit das Leben in einer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts gelebt wird. Sie sind ja hier geboren.

Wie könnte denn das Zusammenleben von Deutschen und Muslimen in einer idealen Zukunft aussehen?

Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man sich besser kennenlernt. Da gibt es während des Ramadan die Iftar-Essen, die man abends gemeinsam feiert. Da habe ich in diesem und schon im letzten Jahr festgestellt, dass immer mehr Nichtmuslime dazu eingeladen werden und auch hingehen und sich informieren. Das muss sich natürlich auch bei der muslimischen Gemeinde ergeben. Sie müssen auch mal in Kirchen oder Synagogen gehen und sich dort umschauen. Jetzt an Weihnachten könnte man sich ein bisschen mit diesem Fest beschäftigen, um die anderen Religionen zu verstehen. Mein Eindruck ist, dass die Religionen selbst gar nicht so sehr das Problem sind.

Sondern?

Es ist eher ein Unbehagen von Leuten, die vielleicht schon mit ihrer eigenen Religion gar nichts mehr zu tun haben. Das ist doch das Interessante, dass sowohl in Deutschland, als auch in der Schweiz die beiden christlichen Kirchen sich gegen das Minarettverbot ausgesprochen haben. Also ist das kein Religionsstreit. Und es artikulieren sich oft gerade die Leute vehement gegen den Islam, die mit ihrer eigenen Religion längst abgeschlossen haben.

Woher kommt in diesem Zusammenhang der Impuls, zu fordern: Moscheen bei uns nur dann, wenn im Nahen Osten Kirchen gebaut werden dürfen?

Das ist natürlich an sich schon falsch, weil Religionsfreiheit nicht auf Gegenseitigkeit gewährt wird, sondern das Grundgesetz garantiert Grundrechte für jeden, der hier lebt. Ich glaube, dass viele, die mit der Kirche schon abgeschlossen haben, an einem Bild Deutschlands hängen, das einmal war und die das jetzt auf eine Religionsfrage konzentrieren. 

Warum tun sie das?

Weil sie mit der Veränderung der Gesellschaft Schwierigkeiten haben. Wir sind eine älter werdende Gesellschaft. Bei den Kindern haben 40 Prozent eine Zuwanderungsgeschichte. Es wird zunehmend sichtbar werden, dass Sie in Verwaltungen, in der Fußballnationalmannschaft, in der Politik Zuwanderer haben, die nicht Schmitz und Müller heißen und die plötzlich wichtige Funktionen haben. Das fordert einem, der dachte, man lebe in einer homogenen Gesellschaft, Veränderungen ab. Das ist ein schwieriger Schritt. Das ist aber nicht erst seit heute so. Die Moscheen gibt es in den Hinterhöfen schon lange. Sie werden jetzt nur besser sichtbar, weil die Muslime heute größere und schönere Gebäude bauen.

Hängt das, was sie beschreiben, tatsächlich mit dem Islam zusammen, oder wiederholt sich das nicht seit den 60er Jahren immer, wenn eine neue Ethnie wie seinerzeit die Italiener verstärkt einwandert?

Ja, aber der Islam ist noch mal sichtbar anders. Die Italiener gingen ja in die katholische Kirche, so wie wir. Der Islam ist etwas völlig Neues und Sichtbares, was es im Abendland in der Form nicht gab.

Die Lösung liegt dann wohl in der friedlichen Gewöhnung?

Die Lösung heißt, sich kennenlernen, akzeptieren, dass es unterschiedliche Kulturen gibt und diesen Kulturen abverlangen, dass sie sich auf das Grundgesetz verpflichten und auch nur ihre Religion ausüben. Man muss klare Regeln haben, aber man muss auch lernen: Es ist vielfältiger, als es vorher war. Und wenn man sich über den Rückgang des Christlichen und den Verkauf von Kirchen beklagt, dann müssen wir unseren Glauben wieder ernster nehmen. Dies können uns die Muslime nicht abnehmen.

 

Die Fragen stellte Christian Kreutzer

 


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Quelle: t-online.de

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Kommentare (1)

zum Forum

Thema: "Integration: NRW-Minister Laschet über Deutsche und Muslime"

mudstamper schrieb: am 26. April 2010 um 00:36:51
(0) (0) Integration
In einem Punkt muss ich Minister Laschet Recht geben: UNSER LAND VERÄNDERT SICH. Vor mehr als 56 Jahren als Deutscher in
Deutschland geboren, fühle ich mich mehr und mehr als Gast im früheren eigenen Lande. Ich schaffe es einfach nicht, mich in die immer stärker werdende türkische Gesellschaft innerhalb Deutschlands zu integrieren und denke deshalb ernsthaft darüber nach, mit Beginn des Rentenalters in das christliche und zudem sehr deutschfreundliche Paraguay auszuwandern und Platz zu schaffen.
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