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Integration: EM-Halbfinale Deutschland gegen Türkei beweist Erfolge

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"Ein fruchtbarer Prozess"

26.06.2008, 17:29 Uhr

Von Christian Kreutzer

Deutsche und türkische Fans feiern nach dem 3:2 Sieg der deutschen Mannschaft in Frankfurt (Quelle: dpa) Integration auf der Straße: Deutsche und türkische Fans feiern nach dem 3:2 Sieg der deutschen Mannschaft in Frankfurt (Quelle: dpa)Umarmungen, Jubel, deutsch-türkische Partys in allen deutschen Großstädten nach dem EM-Halbfinalspiel - was ist passiert? Bis zum Abpfiff gegen 22.30 Uhr galten türkischstämmige Jugendliche der dritten Generation hierzulande vor allem als Problemfall: nicht integrierbar weil nicht integrationswillig. Schuld waren rückständige Väter, unterdrückte Mütter und vor allem der Islam. Und jetzt das: Wohlwollen trotz des verlorenen Spiels, Partylaune, Gemeinsamkeiten, wo man hinschaut.

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Motor der Integration

Für Heinz Reinders, Bildungsforscher an der Uni Würzburg ist die Jubelstimmung keine Überraschung. Bereits seit Jahren stellt Reinders in Langzeitstudien eine zunehmende Integrationsbereitschaft bei Jugendlichen türkischer Herkunft fest. Im Gegensatz zu den Gerüchten, die dritte Generation sei für Deutschland praktisch verloren, erweise gerade die sich als der eigentliche Motor der Integration, sagt Reinders.

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Jugendliche tragen neue Ideen in die Familien

So sei nicht nur innerhalb der vergangenen zwei Jahre der Anteil der türkischen Jugendlichen gestiegen, die neben türkischen auch deutsche Freunde haben wollten. Vergrößert habe sich auch der Anteil der Jugendlichen, denen es wichtig sei, sich neben ihrer Herkunftssprache auch in Deutsch gut verständigen zu können. Immer mehr Jugendliche - 62,4 Prozent 2007 gegenüber 55,7 Prozent 2005 - sprächen zu Hause mit ihren Eltern auch deutsch. Reinders spricht von einem Generationswechsel, bei dem die Jugendlichen "zumindest teilweise ihre Integrationsvorstellungen in die Familien hineintragen."

Nur Italiener sind noch besser integriert

Die Euphorie nach dem Spiel Deutschland-Türkei sei somit einfach das Ergebnis einer "gemeinsamen Integration". "Dass man so gemeinsam feiern kann, zeigt, dass dieser Prozess fruchtbar ist", sagt Reinders. Besser integriert als türkischstämmige Jugendliche seien eigentlich nur noch Bürger mit italienischem Hintergrund.

Die "unteren" acht Prozent stehen im Fokus der Öffentlichkeit

Allenfalls ein "harter Kern" von rund 25 Prozent, wolle ausschließlich türkisch sein. Die oft geäußerte Befürchtung, über das Abdriften junger Türkischstämmiger hält Reinders für einen Irrtum, der viel mit den Massenmedien zu tun habe. Spektakuläre Einzelfälle prügelnder Ausländer würden oft mit der großen Masse gleichgesetzt. Den Anteil von Jugendlichen, die für sich überhaupt keine Perspektive sähen und potenziell gewaltbereit seien, schätzt Reinders aufgrund seiner Studien auf acht Prozent - Tendenz abnehmend.

Koranlektüre auf dem iPAQ

Auch der Islam zeigt sich nicht so unveränderbar, wie manche ihn gerne hätten: Mehmet, ein deutscher Mittdreißiger, arbeitet beim Mobilfunkanbieter T-Mobile. Vor fünf Jahren hat der Sohn türkischer Eltern, den Islam für sich entdeckt. Jetzt studiert er täglich den Koran auf seinem iPAQ - "natürlich" auf deutsch. Einen Imam, der ihm den Koran auslegt und erklärt, braucht Mehmet nicht. "Am jüngsten Tag kann der auch nicht die Verantwortung für das übernehmen, was ich getan habe", sagt er.

Treffen in aller Abgeschiedenheit

Mehmet hat auch eine Freundin. Sie ist gläubige Muslima und türkischer Abstammung, wie er. Die beiden reden meist deutsch miteinander und treffen sich des Öfteren in aller Abgeschiedenheit, obwohl sie nicht verheiratet sind. Nicht der Rede wert, findet Mehmet: "Seinem" Islam widerspreche das nicht.

Wo bleibt der "Euro-Islam"?

"Sein" Islam hat einen Namen, den ihm der Göttinger Politikwissenschaftler Bassam Tibi - ein gebürtiger Damaszener - verliehen hat. Er lautet "Euro-Islam". Der Begriff bezeichnet kurz gesagt die Mischung aus westlich-liberalem Individualismus und islamischem Glauben. Wer ihn finden will, muss allerdings mit einer soziologischen Lupe zu Werke gehen, so wenig verbreitet ist er bislang.

Die Muslime sind angekommen, der Islam noch nicht

Dirk Halm vom Zentrum für Türkeistudien in Essen warnt vor zu viel Optimismus, zumindest, was das Religionsverständnis der jungen Muslime angeht: Trotz einzelner Beispiele, wie dem von Mehmet, sei der Islam selbst noch lange nicht im Westen angekommen.

Noch fehlen europäische Theologen

Zwar sieht auch Halm eine Veränderung in der jüngeren Generation. "Daraus lässt sich jedoch bislang nicht ableiten, dass sich eine spezielle europäisch-islamische Theologie entwickelt", sagt Halm. Auch die zeitweise wachsende Säkularisierung habe sich verlangsamt. Die Debatte über die Unterschiede zwischen ihnen und der Mehrheitsgesellschaft seit 09/11 habe das Bewusstsein der Jüngeren für die eigene Religionszugehörigkeit gestärkt. Jetzt zögen sich die Muslime wieder mehr auf ihre Religion zurück. Und: Noch gebe es keine europäisch-islamischen Theologen, sagt Halm. Imame würden meist aus den jeweiligen Heimatländern in die Moscheegemeinden geschickt. Das sei ein Hindernis

Fortschritt mit Hilfe der Lehrpläne

Wenn islamischer Religionsunterricht jedoch endlich auf die Lehrpläne der Schulen gesetzt werde, dann müsste notwendigerweise auch ein Fach „Islamische Theologie“ an europäischen Universitäten und Pädagogischen Hochschulen eingerichtet werden. Dann, ist Halm überzeugt, könne sich ein Religionsdiskurs innerhalb Europas entwickeln und der Islam werde notwendigerweise "westlicher".

Westler sind "großzügig" und "ehrlich"

Fest steht: Das Leben in Europa verändert zwar noch nicht den Glauben, wohl aber die Sichtweise der Gläubigen. Das haben unter anderem die Global-Attitude-Umfragen des Washingtoner Pew Research Centers in den vergangenen Jahren immer wieder aufgedeckt: Muslime die in Europa leben, schreiben - mit Ausnahme der britischen Muslime - dem Westen viel weniger negative Eigenschaften wie Arroganz, Egoismus, Gewalttätigkeit oder mangelnde Moral zu, als ihre Glaubensbrüder im Nahen Osten. Deutlich mehr als die Hälfte der europäischen Moslems halten Westler den Umfragen zufolge für "großzügig" und "ehrlich".


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Quelle: t-online.de

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