Ein Bild des Grauens offenbart sich den ersten Nothelfern, die über das Zyklon-Gebiet im Süden Birmas fliegen: "Überall Leichen, die Straßen sind voll", berichtet Tin Htar Swe, die Leiterin des BBC-Programms für Birma, im Fernsehen. Sie hat mit Helfern und Betroffenen gesprochen. "Sie irren wie gelähmt durch die Straßen und sehen nur Tote. In vielen Dörfern im Irrawaddy-Delta sind 95 Prozent der Häuser zerstört."
Zorn auf das untätige Militär
In der Hafenmetropole Rangun sind die Menschen mit bloßen Händen im Einsatz, um den gröbsten Schutt beiseite zu räumen. Schulter an Schulter mit den Mönchen sind sie mit primitivsten Mitteln, mit Äxten und Macheten am Werk. Vernünftiges Werkzeug gebe es nirgends, sagt der deutsche Manager des Reisebüros Uniteam in Rangun, Carsten Schmidt. "Ich habe in den letzten drei Tagen vielleicht drei Sägen und zwei Bulldozer gesehen." Vor allem in den ersten Tagen gab es Unmut, dass von dem sonst allmächtigen Militär in der Stunde der Not nichts zu sehen war. Bis zu 400.000 Mann stehen im Militärdienst, fast ein Prozent der Bevölkerung.
Soldaten gegen das Volk
Die Junta-Generäle haben die Soldaten schon immer als Machtinstrument gegen das Volk trainiert, nicht als Freund und Helfer. Seit Jahrzehnten gehört die Armee zu den schlimmsten Menschenrechtsverletzern. In den Regionen der Völker, die sich dem Joch des Regimes nicht unterwerfen wollen, zerstört sie selbst regelmäßig Dörfer, zwingt Männer in den Frondienst und jagt Frauen und Kinder über Minenfelder. Zehn- und Zwölfjährige werden zum Waffendienst gezwungen.
Willkür und Korruption
Das Militär hat die Gesellschaft in den vergangenen 45 Jahren völlig durchsetzt. Behörden, Verwaltungen, Firmen, Schulen, Freizeitclubs, Krankenhäuser - alles ist in ihrer Hand. Die Armee richtet alles. Sie zwingt Menschen zu Arbeitseinsätzen etwa im Straßenbau. Dann wird ein Dorf plötzlich für drei Tage an einen neuen Straßenabschnitt kommandiert und muss dort mit eigenem Werkzeug Steine hacken - "zum Wohl der Allgemeinheit", heißt es dann.
Menschen werden ausgeplündert
Zum Wohle der Soldaten sind die "Spenden", die bei Razzien eingetrieben werden. "Sie durchsuchen bei der Fahndung nach vermeintlichen Rädelsführern Geschäfte und Läden und greifen dann immer kräftig in die Ladenkassen", sagt Zin Linn, Sprecher einer Exil-Oppositionsgruppe in Bangkok. "Zur Verpflegung der Soldaten, die euch schützen", heißt es dann.
Militär hat immer Recht
Geld treibt die Armee auch ein, um die Massen zu bezahlen, die zu Demonstrationen zur Unterstützung des Regimes gekarrt werden. Mehr als 50.000 werden oft auf abgelegenen Exerzierplätzen zusammengetrieben, um im Scheinwerferlicht des Staatsfernsehens Slogans zur Unterstützung der Militärjunta zu skandieren. Von klein auf lernen die Kinder, dass das Militär überall Vorfahrt und immer Recht hat.
Rigider Überwachungsstaat
Von alledem bekommen die im Land als Devisenbringer willkommenen Touristen so gut wie nichts mit. Sie werden zu Pagoden und durch traumhafte Landschaften geführt, bei Kreuzfahrten auf dem Irrawaddy, und sie knipsen begeistert die Bettelmönche, die jeden Morgen durch die Straßen ziehen. Aufpasser sind in dem Überwachungsstaat überall. Wer seine Nase zu neugierig in die Angelegenheiten der Einheimischen steckt, wird schnell in seine Schranken gewiesen. Weil die Junta ihre Späher stasiähnlich in jeder Straße sitzen hat, sind vor allem die Gesprächspartner schnell dran. Die Foltergefängnisse sind berüchtigt.
Generäle haben Zyklon ignoriert
Dass das Regime im Angesicht des nahenden Zyklons andere Prioritäten als das Volk hatte, passt ins Bild. "Die Generäle waren zu sehr damit beschäftigt, ihr Referendum vorzubereiten", sagte Oppositionssprecher Soe Aung in Bangkok im Hinblick auf die am Samstag geplante Volksabstimmung über eine neue Verfassung. "Das Referendum ist ihnen so wichtig, weil sie damit ihre Macht für immer zementieren wollen - sie haben dem Zyklon einfach keine Beachtung geschenkt."
Protestaktionen erwartet
Die Wut der Menschen über mangelnde Hilfsleistungen könnte das brutale Regime der Militärs allerdings ernsthaft bedrohen. "Wir fürchten, dass die mangelnde Katastrophenhilfe Auslöser für neue, sehr breite Protestaktionen für Freiheit und Demokratie sein können", schreibt die von Thailand aus im Grenzgebiet aktive Südtiroler Hilfsorganisation "Helfen ohne Grenzen". Sie richtet sich schon jetzt auf einen neuen Flüchtlingsstrom ein.