Missbrauchskandal am Berliner Canisius-Gymnasium: Provinzial Dartmann (links) und Rektor Mertes entschuldigen sich bei den Opfern (Foto: ddp)Im Skandal um den sexuellen Missbrauch am Berliner Canisius-Kollegs hat der deutsche Orden der Jesuiten nun auch Kenntnis von mutmaßlichen Opfern in Göttingen, Hamburg, St. Blasien und Hildesheim. Das sagte Pater Provinzial Stefan Dartmann. Auf das Konto der zwei beschuldigten ehemaligen Mitglieder des Ordens gingen nach Angaben der Jesuiten drei Fälle an der katholischen Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg, mindestens zwei am Jesuiten-Kolleg St. Blasien im Schwarzwald sowie eine noch unbekannte Zahl in Göttingen und ein weiterer Fall in Hildesheim.
Die beiden 65 und 69 Jahre alten Tatverdächtigen hatten nach ihrer Zeit am Berliner Canisius-Kolleg in den 70er und 80er Jahren an wechselnden Orten in verschiedenen Verwendungen gearbeitet. Schon in den vergangenen Tagen war daher der Verdacht laut geworden, es könnte auch dort zu Übergriffen gekommen sein. Beim Canisius-Kolleg, dessen Leitung den Missbrauchsverdacht in der vergangenen Woche bekanntgegeben und damit den Skandal ins Rollen gebracht hatte, haben sich bisher 20 Betroffene gemeldet.
Unterdessen gibt es auch immer mehr Vorwürfe gegen die damalige Berliner Schulleitung. In verschiedenen Medien berichten frühere Opfer und weitere ehemalige Schüler von Gerüchten und Berichten in den 70er und 80er Jahren, die auch damaligen Lehrern und dem Jesuiten-Orden bekannt gewesen seien. Schon 1981 schrieben frühere Schüler nach eigenen Angaben gemeinsam einen Brief an die Schule und die katholische Kirche.
Rektor und Provinzial entschuldigen sich
Der jetzige Rektor Klaus Mertes spricht in einer persönlichen Erklärung vom "tiefen Entsetzen über die Untaten von zwei ehemaligen Patres", dem "Versagen der Ordensleitung" und dem "Wegschauen der Verantwortlichen". Provinzial Dartmann hat sich bei Opfern, Lehrern und Eltern entschuldigt. "Ich bitte um Entschuldigung für das, was von Verantwortlichen des Ordens damals an notwendigen und genauem Hinschauen und angemessenem Reagieren unterlassen wurde", hieß es in einer Erklärung. Er dankte den Opfern, weil sie trotz belastender Erinnerungen ihre Stimme erhoben hätten.
Mindestens 22 Kinder missbraucht
An dem Berliner Gymnasium wurden von 1975 bis 1983 mindestens 22 Kinder und Jugendliche missbraucht. Täter waren nach Angaben der Schule zwei Patres, die als Lehrer arbeiteten. Bis Mitte Februar soll dazu ein Untersuchungsbericht erstellt werden. Der Jesuitenorden beauftragte Ursula Raue, lange Jahre Vorsitzende der Kinderschutzorganisation "Innocence in Danger" (Unschuld in Gefahr), mit Ermittlungen. Raue sagte im "Deutschlandfunk", ein Verdächtiger habe ihr gegenüber die Taten eingeräumt, der zweite weise die Vorwürfe zurück.
Ein Täter gestand schon 1991
Ein ehemaliger Pater und Lehrer hatte bereits 1991 seine Taten gestanden. Der nun in Chile lebende 65-Jährige wandte sich nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" im Januar in einem Brief an die Opfer und zeigte Reue. Es sei "eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe", heißt es in dem Brief.
Die Berliner Staatsanwaltschaft prüft derzeit rund 20 Missbrauchsfälle am Canisius-Gymnasium. "Es spricht aber vieles dafür, dass die Taten verjährt sind", sagte Staatsanwaltssprecher Martin Steltner. Das betreffe auch etwaige Vorwürfe an den Jesuiten-Orden wie Strafvereitelung oder unterlassene Hilfeleistung. "Die Prüfung dauert noch an." Die Staatsanwaltschaft habe die Prüfung selbst eingeleitet, Strafanzeigen habe es nicht gegeben.