
28.07.2011, 13:38 Uhr | Von Peters, Schulz und Ternieden
Rund zwölf Millionen Menschen sind von der Hungerkatastrophe am Horn von Afrika betroffen (Foto: dpa) (Quelle: dpa)
In den Flüchtlingslagern stoßen die Helfer auf ausgezehrte und kranke Menschen, Kinder, die zu schwach zum Schlucken sind, und Eltern, die ihre verhungerten Babys begraben. Viele Menschen sterben auf den langen Fußmärschen zum Lager. Besonders betroffen von der Dürre ist Somalia - und die Situation verschlimmert sich von Tag zu Tag. Ostafrika hungert, die Welt schaut zu - und bewegt sich allmählich. Deutschland hat seine Hilfszahlungen verdoppelt, und dramatische Appelle von Hilfsorganisationen scheinen ihre Wirkung nicht zu verfehlen.
Inzwischen kommen in dem kenianischen Flüchtlingslager Dadaab und in dem äthiopischen Camp Dolo Ado täglich mehr als tausend Somalier an. Andere retten sich in die umkämpfte somalische Hauptstadt Mogadischu. Die Vereinten Nationen bereiten eine Luftbrücke in die umkämpfte Stadt vor, um besonders die geschwächten Kinder mit Spezialnahrung zu versorgen.
Doch die Hilfe erreicht nicht jene, die noch immer in den Krisengebieten festsitzen: Im Süden Somalias hungern 2,2 Millionen Menschen, über Teile der Region herrschen die brutalen Schabab-Milizen. Sie verhindern, dass die Notleidenden versorgt werden können.
Aber bedeuten mehr Hilfsgelder auch bessere Hilfe? SPIEGEL ONLINE beschreibt die einzelnen Phasen der Hilfslieferungen - und die Probleme, die dabei auftreten.
Millionen Menschen sind am Horn von Afrika vom Hungertod bedroht. Für solche Massen Hilfe zu organisieren, wäre schon in einer friedlichen Region mit intakter Infrastruktur schwierig. In einigen Teilen von Ostafrika ist es ein logistischer Alptraum. Besonders Somalia ist vom jahrelangen Bürgerkrieg zerrüttet, die Infrastruktur zerstört.
Die Regierung hat längst die Kontrolle über Teile des Landes verloren, selbst die Hauptstadt Mogadischu ist teilweise in der Hand von Milizen. Hilfskonvois zu organisieren und Güter zu den Bedürftigen zu bringen - das ist hier nahezu unmöglich. Das World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen beispielsweise zog sich Anfang 2010 komplett aus dem Süden Somalias zurück, weil die Milizen keine Hilfe zuließen.
Besser ist die Situation in den ebenfalls von der Hungersnot betroffenen Nachbarländern Kenia und Äthiopien. Dort haben internationale Hilfsorganisationen Flüchtlingscamps aufgebaut - die Verteilung von Nahrungsmitteln und Zelten, Decken und Töpfen ist einfacher. Das kenianische Lager Dadaab ist allerdings schon jetzt überfüllt.
"In Kenia ist es sicherer, dass die Lebensmittel ankommen", sagt Axel Dreher, Professor an der Fakultät für Internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik der Universität Heidelberg. "Und sie haben mehr Flüchtlinge auf einem Fleck, das macht die Verteilung effektiver, als mit Hilfsgütern von Dorf zu Dorf zu gehen."
In den Lagern gehe es den Menschen besser als in Somalia - doch das berge auch die Gefahr, dass sie keinen Anreiz hätten, später in ihre Heimat zurückzukehren. "Wenn Sie in Kenia Lebensmittel bereitstellen, locken Sie immer mehr Menschen an."
Auch Rainer Lang vom Bündnis Entwicklung Hilft warnt: Weil die Menschen nicht arbeiten könnten, entstünden Abhängigkeiten. Es sei deshalb wichtig, Menschen zu befähigen, "in ihrer gewohnten Umgebung weiterzuleben" - etwa, indem man in Dürregebieten Tierfutter und Wasser verteilt, um Viehherden zu erhalten. Um die Krise zu meistern, müsste den Flüchtlingen daher eigentlich schon in Somalia geholfen werden, sagt Simone Pott von der Welthungerhilfe. "Aber dort ist die Lage zu chaotisch."
Viele internationale Hilfsorganisationen arbeiten mit lokalen Partnern zusammen. Oft handelt es sich um kleinere Nichtregierungsorganisationen, in denen Einheimische tätig sind und die sich vor Ort gut auskennen.
Staatliche Stellen sind in Somalia für Kooperationen nicht geeignet. So gilt für das Bündnis Entwicklung Hilft: keine Zusammenarbeit mit staatlichen Organisationen. Es sei sonst nicht kontrollierbar, wo das Geld hingehe, sagt Rainer Lang, "das kann in irgendwelchen Kanälen versickern".
Partnerorganisationen müssten genau Buch führen, nur dann "haben wir bis zum Schluss die Kontrolle, was mit dem Geld passiert". Leute vor Ort melden, was die Hilfsbedürftigen brauchen - Lebensmittel, Decken, Zeltplanen, Moskitonetze.
Es bringe nichts, blind Geld in eine Region zu pumpen, sagt Rainer Lang. Wichtig sei eine konkrete und gründliche Bedarfsanalyse durch die Mitarbeiter vor Ort. Die könne beispielsweise so aussehen: "Wir versorgen 3000 frisch in Mogadischu angekommene Familien mit Lebensmitteln und Wasser für drei Monate." Dann werde berechnet, dass dafür pro Familie beispielsweise 30 Kilo Reis, 30 Kilo Bohnen, 15 Liter Speiseöl und einige Kanister Wasser nötig seien.
Besonders umstritten ist die Frage, wie viele Nahrungsmittel vor Ort gekauft werden sollen. Das WFP etwa bezieht Teile der Güter für die Hungergebiete in den südlichen Regionen Afrikas, beispielsweise Mais, Hirse und Weizen. "Es ist am besten, die Nahrungsmittel vor Ort zu kaufen, man sollte keine lokalen Strukturen zerstören", sagt WFP-Sprecherin Katharina Weltecke. Auch andere Organisationen weisen auf die Vorteile hin: Afrikanische Bauern werden unterstützt, Transportkosten gespart.
Doris Fuchs von der Universität Münster äußert sich ähnlich: Importe aus Europa oder Amerika "zerstören vor Ort die Märkte und führen deshalb oft zu einer Verstetigung der Krisen". Das Problem: Es dürften nicht zu viele Lebensmittel aus anderen Regionen abgezogen werden - denn dort droht sonst eine neue Nahrungskrise. "Wenn viele Organisationen Nahrungsmittel kaufen, werden lokale Märkte überlastet und Preise hochgetrieben", sagt Lang. Damit könnten sich immer weniger Leute selbst Lebensmittel leisten.
Täglich verlassen Lastwagen mit Hilfsgütern für Flüchtlingslager die kenianische Metropole Nairobi oder die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba. Viele Hilfsorganisationen haben Lagerhäuser in den großen Städten. Doch sie leeren sich langsam. "Wir brauchen dringend mehr finanzielle Mittel", sagt WFP-Sprecherin Katharina Weltecke. Im schlimmsten Fall bedeutet die Geldnot, dass Lebensmittel nur gelagert werden und nicht zu den Leuten gebracht werden können, die sie benötigen. "Wenn keine neuen Gelder bewilligt werden, treten dramatische Engpässe auf", so Weltecke.
Erst vor kurzem hat das Bündnis Entwicklung Hilft begonnen, außer in Mogadischu auch in der zentralsomalischen Region Galguduud Hilfe zu leisten. "Da lassen uns die Rebellen arbeiten. Das hat sich erst vor einer Woche geändert, weil die Menschen wegsterben", sagt Rainer Lang.
Bewaffneter Begleitschutz würde die Sache kaum besser machen, sagt Lang. Er würde die Transporte auf den ohnehin schlechten Straßen erheblich verteuern und wäre massiven Angriffen wohl kaum gewachsen. Zudem würden Waffen den einzigen Trumpf zerstören, den die Organisationen gegenüber den Konfliktparteien haben: ihre Neutralität. Man werde sonst automatisch in den Konflikt hineingezogen, sagt Lang.
Die Vereinten Nationen erwägen einen sogenannten Air Drop - Flugzeuge werfen aus der Luft Hilfsgüter ab. Doch das ist gefährlich und sehr teuer. Zudem kann man bei den Abwürfen nicht kontrollieren, an wen die Pakete gehen - besonders die Milizen könnten davon profitieren. Der Air Drop könnte weitere Konflikte in der Region auslösen. Deutlich besser wäre es, die Güter per Luftbrücke einzufliegen und die Verteilung durch Blauhelm-Soldaten sichern zu lassen. Doch momentan ist das wegen der gefährlichen Situation nicht möglich.
Mit der Lieferung allein ist es nicht getan. "Die Kardinalfrage ist immer: Haben die Hilfsorganisationen Zugang zu den Betroffenen? Sind sie bei der Verteilung der Lebensmittel dabei?", sagt Simone Pott von der Welthungerhilfe.
Das WFP arbeitet in Mogadischu in zwei Hochsicherheitszentren, die von Blauhelm-Soldaten geschützt werden. Etwa hundert Flüchtlinge kommen täglich, um Nahrung zu erhalten.
Wenn man Mogadischu verlässt und in Ortschaften im Umland fährt, muss man zuvor mit der Dorfgemeinschaft über die Verteilung gesprochen haben. "Wir fahren nicht hin, werfen die Sachen ab und fahren wieder weg", sagt Rainer Lang vom Bündnis Entwicklung Hilft. Man müsse "aufpassen, dass man nicht durch Nahrungsmittelverteilung bei den Leuten Streit anrichtet, weil sich dann die Stärkeren durchsetzen".
"Falls der Clan-Chef nein sagt, ist es schwierig, etwas zu machen." Und wenn eine Bande komme und ein Dorf nach Hilfslieferungen überfalle, "können sie das nicht verhindern".
Die Helfer sind ständig von den extremistischen Schabab-Milizen bedroht, sie werden überfallen und ausgeraubt, Geiseln werden genommen. Mit Hilfe von Bestechungsgeldern kann das Problem nicht gelöst werden. "Wenn man anfängt, Schmiergeld zu zahlen, landet man in einem Teufelkreis", sagt Lang. "Was soll der Anreiz sein, Bestechungsgeld zu nehmen, wenn man die ganze Hilfslieferung einsacken kann und die Mitarbeiter als Geiseln hat, für die man Lösegeld bekommt?", fragt Professor Dreher von der Uni Heidelberg.
"Der Hunger ist kein Skandal von gestern, sondern ein Skandal von heute, und wenn wir nichts unternehmen, wird er auch ein Skandal von morgen sein", hat der französische Landwirtschaftsminister Bruno Le Maire am Rande einer Krisenkonferenz in Rom gewarnt.
Doch wie kann langfristig geholfen werden? Das Bittere an der Lage in Ostafrika ist laut Experten, dass sich Nothilfe und langfristige Entwicklungshilfe kaum miteinander verknüpfen lassen. "Es geht akut darum, Menschenleben zu retten, es ist Katastrophen- und keine Entwicklungshilfe", sagt der Heidelberger Professor Dreher. Mindestens 1,6 Milliarden Dollar werden laut der Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) benötigt, um die Krise zu überwinden.
Einer dauerhaften Verbesserung der Lage stehen riesige Probleme im Weg, Somalia bleibt besonders gefährdet. "Man müsste die langfristige Versorgung in der Landwirtschaft sicherstellen. Das ist in einem 'failed state' allerdings sehr schwierig", sagt Dreher. Selbst wenn jemand beispielsweise dürreresistente Pflanzen anbaue, "können sie damit rechnen, dass der nächste Militärposten die Ernte einkassiert".
Eine Möglichkeit wäre, die somalische Übergangsregierung militärisch so zu stützen, dass sich in manchen Landesteilen eine nachhaltige Landwirtschaft entwickeln kann. Dies, verbunden mit einem Aufbau der Infrastruktur, könnte dazu beitragen, dass die Flüchtlinge zurückkehren.
Eine auf Somalia beschränkte Strategie greift allerdings zu kurz, globale Entwicklungen des Welthandels und des Klimawandels müssen miteinbezogen werden. Vorerst wäre es schon eine Leistung, den Flüchtlingsstrom nicht weiter anschwellen zu lassen. Sollte auch die Regenzeit im Herbst ausfallen, ist laut Simone Pott von der Welthungerhilfe zu befürchten, "dass der Höhepunkt der Krise noch nicht erreicht ist".
Von Peters, Schulz und Ternieden
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