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Homo incognitus: Forscher finden Spur zu unbekannter Menschenart

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Spur zu unbekannter Menschenart

25.03.2010, 09:35 Uhr | Von Cinthia Briseño, Spiegel Online

Menschheitsgeschichte: Hatte der Neandertaler (Nachbildungen im Foto) und der moderne Mensch einen bisher unbekannten Vetter? (Foto: dpa)

Haben Forscher einen Homo incognitus entdeckt, eine bisher unbekannte Menschenart? In Südsibirien wurde der Fingerknochen einer 30.000 Jahre alten Leiche gefunden - die Gene unterscheiden sich von jenen des modernen Menschen und des Neandertalers. Die Wissenschaftler wähnen sich auf der Spur einer Sensation.

Wieder und wieder prüfte Johannes Krause seine Ergebnisse. So ganz konnte er nicht glauben, was die Analysegeräte da ausgespuckt hatten. Bevor er seinen Chef anrief, den renommierten Paläogenetiker Svante Pääbo, wollte sich der Wissenschaftler seiner Sache sicher sein. Könnte die DNA wirklich von einer bisher unbekannten Menschenform abstammen?

Erbgut aus 30 Milligramm

30 Milligramm Knochenpulver. Das ist die Menge, die die Forscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig für ihre Erbgutanalysen zur Verfügung hatten. Daraus isolierten Krause und seine Kollegen das Erbgut eines Frühmenschen, der vor etwa 30.000 bis 48.000 Jahren in der südsibirischen Denisova-Höhle im Altai-Gebirge gelebt hatte. Eigentlich sollte es eine reine "Routine-Untersuchung eines uralten Fossils" werden, sagt Krause im Gespräch mit "Spiegel Online". "Das Knochenstück wurde uns als früher moderner Mensch verkauft."

Viel fremde DNA

Die Isolierung von DNA aus fossilen Knochen ist wahrlich keine triviale Aufgabe, denn in den uralten Knochenstücken steckt auch die DNA fremder Organismen, etwa von Bakterien oder Pilzen. Möglicherweise auch von anderen Frühmenschen. Und wer nicht unter hochreinen Bedingungen im Labor arbeitet, riskiert gar die Kontaminierung der Probe mit dem genetischen Material des Wissenschaftlers aus der Gegenwart.

In sehr gutem Zustand

All jene Faktoren musste Krause ausschließen. Irgendwann war er aber sicher: Er hatte es mit genetischem Material zu tun, das mehrere Jahrtausende unbeschadet in den Zellen eines winzigen kirschkerngroßen Knochenstücks eingelagert war. Doch wie er seine Analyseergebnisse auch drehte - die DNA-Sequenz glich nichts, was der Anthropologe bisher gesehen hatte.

Eine komplette Sequenz

Es handelte sich um die komplette Sequenz der sogenannten mitochondrialen DNA, also jenem Erbgut, das Mitochondrien in sich tragen. In diesen Organellen, den Zell-Kraftwerken, laufen biochemische Prozesse ab, die am Ende die für den Organismus überlebenswichtige Energie liefern. Jedes Mitochondrium hat ein eigenes Erbgut, das ausschließlich von der Mutter an die Nachkommen vererbt wird.

Sehr klein

Nur kommt es nicht, wie das Erbgut im Kern der Zelle, in nur zweifacher Kopie vor: Etwa 8000 Kopien dieser mitochondrialen DNA hat jede Zelle insgesamt. Allerdings ist das mitochondriale Genom bei weitem kleiner als das nukleare Genom. Lediglich rund 16.500 Bausteine reihen sich in der Mitochondrien-DNA aneinander, etwa 3.000.000.000 (drei Milliarden) sind es in der DNA des Zellkerns.

156-mal sequenziert

Jeden einzelnen Baustein der Mitochondrien-DNA sequenzierte Krause immer und immer wieder - im Schnitt 156-mal. Danach verglich der Forscher die Sequenz mit der Mitochondrien-DNA anderer Individuen: Der von 54 modernen Menschen, der eines kürzlich entdeckten modernen Frühmenschen aus Kotenski in Russland, der von sechs Neandertalern, und jeweils der eines Bonobo-Affen und eines Schimpansen.

Doppelt so große Unterschiede

Die mitochondriale DNA des Neandertalers unterscheidet sich im Schnitt in 202 Positionen von der Mitochondrien-DNA des modernen Menschen. Die Unterschiede des Individuums aus der Denisova-Höhle waren im Vergleich zum modernen Menschen etwa doppelt so groß. Hatten die Max-Planck-Forscher etwa eine neue Spezies des Frühmenschen entdeckt? Einen unbekannten Homininen, dessen DNA sich so sehr von Neandertaler und frühen modernen Menschen unterscheidet, dass er das Bild der Evolution des Menschen revolutionieren könnte?

"Die Schuhe ausgezogen"

"Mir hat es fast die Schuhe ausgezogen, als ich das hörte", erzählt Svante Pääbo heute. Als Krause ihn anrief, hielt sie sich gerade in den USA auf. Doch nachdem Pääbo sich von den Ergebnissen selbst überzeugen konnte, war sich der Direktor des Max-Planck-Instituts gewiss: Wieder einmal hat das Bild, das sich die Wissenschaft von der Evolution des Menschen macht, eine revolutionäre Komponente dazubekommen.

Wer war der Unbekannte?

Wer war nun der oder die Unbekannte aus Südsibirien, wenn weder ein früher moderner Mensch noch ein Neandertaler? Ob Mann oder Frau, das wissen die Forscher noch nicht. Um das herauszufinden, muss sich Pääbos Forscherteam über das Erbgut aus dem Zellkern beugen und Baustein für Baustein untersuchen. Erst dann können sie genauere Aussagen etwa über die Augen- und Hautfarbe, die Blutgruppe, oder den Gesundheitszustand des neuen Homininen treffen - so wie es einem dänischen Forscherteam erst vor kurzem anhand 4000 Jahre alter Haare eines Paläo-Eskimos gelungen ist.

Nur zwei Menschenarten bekannt

Jahrelang glaubten Anthropologen, dass vor rund 40.000 Jahren nur zwei Arten der Gattung Homo den Planeten bevölkerten: Zum einen der Neandertaler, der in weiten Gebieten Europas und Nordasiens lebte, aber vor etwa 25.000 Jahren aus noch nicht vollständig geklärten Gründen von der Bildfläche verschwand. Zum anderen der anatomisch moderne Mensch, unsere direkten Vorfahren, die sich in Eurasien verbreiteten, nachdem sie den afrikanischen Kontinent verlassen hatten.

Neue Auswanderungswelle

Die Forscher gingen bisher auch davon aus, dass es wenigstens drei Auswanderungswellen aus Afrika gegeben hat: Eine davon fand vor etwa 1,9 Millionen Jahren statt, als die erste Gruppe Homininen, der Homo erectus, den Kontinent verließ. Zwar gibt es Fossilien, die beweisen, dass Homo erectus bis vor weniger als 100.000 Jahren in Indonesien überlebt haben könnte, doch es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Spezies auch auf dem asiatischen Festland bis zu jener Zeit überlebt haben könnte, aus der der Denisova-Finger stammt.

Stammbaum skizziert

Die neuen genetischen Analysen, die Krause und seine Kollegen jetzt im Fachmagazin "Nature" veröffentlicht haben, bilden ein neues Puzzleteilchen im Bild der Evolution des Menschen. Nachdem die Wissenschaftler ihre Daten und alle anderen bisher bekannten Fakten zusammengetragen hatten, konnten sie einen neuen menschlichen Stammbaum skizzieren. Dieser beschreibt die evolutionären Beziehungen zwischen dem frühen modernen Menschen, dem Neandertaler und dem bisher unbekannten Denisova-Homininen.

Gemeinsamer Vorfahr?

Demnach können sich die Forscher die Entdeckung einer bisher völlig unbekannten DNA-Sequenz aus Mitochondrien nur so erklären: Denisova-Homininen und die Vorfahren des modernen Menschen sowie der Neandertaler müssen ihrerseits vor etwa einer Million Jahren einen gemeinsamen Vorfahr gehabt haben. Dieser Vorfahr ist etwa doppelt so alt wie der gemeinsame Vorfahr von anatomisch modernen Menschen und Neandertaler.

Viel ist nicht sicher

Zudem, das schließen die Anthropologen aus dem Alter des Mitochondrien-Erbguts, könnte diese unbekannte Menschenform in Südsibirien parallel zu Neandertalern und modernen Menschen gelebt haben. Nur so viel können die Forscher mit völliger Sicherheit zu diesem Zeitpunkt sagen: Erstens, sie haben es mit einem bisher völlig unbekannten Mitochondrien-Erbgut zu tun, was stark auf eine neue Homininen-Form hindeutet. Zweitens, es muss eine weitere, vierte Auswanderungswelle aus Afrika gegeben haben.

Warum verschwunden?

Nach der Veröffentlichung ihrer sensationellen Ergebnisse müssen sich die Max-Planck-Forscher den gleichen Fragen stellen, mit denen sie seinerzeit bombardiert wurden, als sie die erste Fassung des Neandertaler-Genoms ans Tageslicht brachten: Wie hat diese unbekannte Homininen-Form gelebt? Warum ist sie verschwunden? Hat der moderne Mensch sie verdrängt? Und hatten Neandertaler oder der moderne Mensch möglicherweise gar Sex mit dem Unbekannten aus Sibirien?

Hoffnung auf weitere Funde

Um eine mögliche Antwort zu bekommen, wird man sich gedulden müssen, bis die Leipziger Wissenschaftler das gesamte Erbgut des rätselhaften Homininen analysiert haben. Hilfreich wäre es auch, die Forscher würden weitere fossile Knochenstücke dieser Art finden, um den Körperbau des Homininen studieren zu können.

Reine Spekulation

Bisher, das betonten Krause und Pääbo auf der Telefon-Pressekonferenz am Dienstag immer wieder, seien jegliche weitere Aussagen reine Spekulation. Die Forscher wagen sich noch nicht mal so weit vor, als dass sie der Welt einen neuen Namen für den Homininen präsentieren wollen. Noch können sie nicht zu hundert Prozent sagen, ob es sich tatsächlich um eine neue Spezies handelt. "Die Terminologie von menschlichen Spezies ist wirklich eine heikle Angelegenheit", sagt Pääbo.

Sie nennen ihn X-Woman

Intern im Labor aber nennen sie den Homininen "X-Woman". "X" steht für das Unbekannte und "Woman" für die Tatsache, dass die mitochondriale-DNA von der Mutter an die Nachkommen vererbt wird. Pääbo gibt sich zurückhaltend: "Ob wir Akademiker von einer neuen Spezies sprechen und ihr einen neuen Namen geben oder nicht, ist letztlich nur eine Frage von Stolz, sonst nichts."


Quelle: Spiegel Online

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Kommentare (41)

zum Forum

Thema: "Homo incognitus: Forscher finden Spur zu unbekannter Menschenart"

Hans von Schiltberg schrieb: am 30. März 2010 um 16:42:46
(0) (0) Neue Menschenart entdeckt
Der bayerische Ritter Hans Schiltberger bereiste um 1420 im Gefolge eines Tataren-Khans das Altai-Gebirge. Er
bekam dort Kunde von "wilden Leuten, die keine Wohnung haben bei anderen Menschen, Laub und Gras essen und behaart am ganzen Leib" seien, mit "Ausnahme der Hände und des Antlitzes" wie er in seinem Bericht nach seiner Rückkehr schrieb. . Haben etwa einige Populationen des Homo denisovensis bis in die Frühe Neuzeit überlebt??
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Sinnsucher schrieb: am 25. März 2010 um 17:43:09
(0) (0) Heilung, Medizin
Heilung kommt aus dem inneren der Seele. Energie ist immer existent und die Informationen über Vergangenheit, Zukunft und
des "Jetzt" ist in jedem. Sollten wir nicht an unser Bewusstsein andocken, wir für uns fühlen und was wir leben wollen und nicht unser Geld und unsere Verantwortung an all und jeden abgeben?
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Caligo schrieb: am 25. März 2010 um 16:39:12
(0) (0) Titus Flavius
Exakt.1 wo steht,im "Buch der Bücher",das Adam und Eva,eine weibliche Nachfolge hatten ???Selbst dann,wäre eine
Fortführung,der Menschheit,äusserst fragwürdig. Von daher,kann doch einiges nicht stimmen ,oder ??? Und Darwin hatte doch Recht !!! MfG
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