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HIV-positiv für einen Tag: Tragische Fehldiagnose

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HIV für einen Tag

22.10.2009, 15:23 Uhr | Von Simone Utler, Spiegel Online

Mit einem HIV-Teststreifen werden Verdachtsfälle untersucht - so auch Christoph P. (Foto: imago) Mit einem HIV-Teststreifen werden Verdachtsfälle untersucht - so auch Christoph P. (Foto: imago)

"Sie sind HIV-positiv." Als Christoph P. diese Diagnose hört, denkt er: Mein Leben ist vorbei. Der 26-Jährige informiert Familie und Freunde, will den Job kündigen, verzweifelt. Doch seine Ärztin hat sich geirrt. Die Geschichte einer Extremerfahrung.

Am 22. Juni 2009 ist für Christoph P. das Leben, wie er es kannte, zu Ende. Er sitzt im Behandlungszimmer einer modernen Frankfurter Hautarztpraxis und blickt in das ernste Gesicht einer jungen Ärztin. "Der Test war positiv", hört er sie sagen. "Sie sind hundert Prozent HIV-positiv. Daran gibt es keinen Zweifel." Christoph P., 26, fühlt sich, als verlöre die Welt um ihn mit einem Schlag ihre Farbe. Alle Lebensenergie strömt aus ihm heraus. Als wäre ein Stöpsel gezogen worden. Es hat da dieses eine Mal gegeben, vor ungefähr einem halben Jahr.

Aufregendes Nachtleben in Bangkok

Vier Monate ist er Ende 2008 mit dem Rucksack durch Südostasien gereist, er hat die Freiheit und das Abenteuer genossen, weit weg vom Stress in der Werbeagentur. Die letzten drei Wochen seiner Reise hat er in Bangkok verbracht. Die grelle Touristenmeile Kao San Road fand er abstoßend, dann entdeckte er das schwule Nachtleben der Stadt. Partys, junge Männer, vor allem Einheimische - "schöne Männer", sagt er später. Als Europäer werde man besonders begehrt, das habe er genossen. "Die sexuelle Versuchung war ständig da."

"Wird schon nix passiert sein"

Mit einem Thai, der sich als Model versucht und vier oder fünf Jahre jünger ist, geht er ins Kino, shoppen, essen, sie fahren mit dem Moped durch Bangkok - und haben Sex. Eine Urlaubsliebelei. In einer Nacht platzt das Kondom. Wird schon nichts passiert sein, denkt Christoph P. in diesem Moment.

Nur ein kleiner Abszess

Er kommt zurück nach Deutschland, wo er im Frühjahr 2009 die Chance auf einen beruflichen Neustart bekommt. Er kann als Grafiker in einer Werbeagentur in der Schweiz anfangen. Vor dem Umzug will er sich bei seiner Hautärztin wegen einer Warze behandeln lassen. Die Medizinerin spricht ihn auf einen kleinen Abszess im Schambereich an. Ob er häufig wechselnde Sexualpartner habe, fragt sie. Er spricht offen über seine Beziehungen zu Männern und Frauen, über seine Asienreise. Die Ärztin empfiehlt einen HIV-Test, er macht ihn.

"Unregelmäßigkeiten" - neue Blutabnahme

Eine Woche nach der Blutabnahme klingelt das Telefon: die Hautärztin. Beim HIV-Test gebe es "Unregelmäßigkeiten", die überprüft werden müssten. Er habe Grund, sich ein wenig Sorgen zu machen. In der kommenden Woche solle er zur erneuten Blutabnahme kommen. Und solange "brav sein". Sex ist das letzte, an das Christoph P. in diesem Moment denkt.

Hat eine Nacht das Leben ruiniert?

Er treibt durch die Stadt, leer, haltlos, versucht zu verstehen, ob diese eine Nacht wirklich sein Leben ruiniert hat, wie er es bisher kannte. Wo er doch immer Kondome benutzt. Er grübelt über Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten, macht sich selbst verrückt. Er will keine Woche auf den Kontrolltest warten. Gleich am nächsten Tag lässt er sich bei derselben Ärztin nochmals Blut abnehmen und macht einen Schnelltest bei der Aids-Hilfe. "Ich wollte Gewissheit, ich wollte der Wahrheit näher kommen. Egal, wie sie aussieht."

Der alles vernichtende Satz

Christoph P. braucht etwas Greifbares. Das bekommt er. Der Schnelltest ist negativ. Kein HIV. Vor Erleichterung bricht er fast zusammen. Er fasst neuen Mut. Doch die Hoffnung hält nur sechs Tage lang - bis zum nächsten Besuch in der Hautarztpraxis. Ein kurzer Handschlag, ein mildes Lächeln und dann der alles vernichtende Satz: Sie sind HIV-positiv. Dumpf hört er die Stimme der Ärztin.

"Nicht schön", sagt die Ärztin

Sie wisse, dass die Diagnose "nicht schön" sei, aber HIV sei heutzutage kein Todesurteil mehr wie vor 20 Jahren - so erinnert er sich an das Gespräch. Sie werde ihn an einen Facharzt überweisen, Christoph solle nicht zögern, bald Medikamente zu nehmen. Und der negative Schnelltest?, fragt er. Nicht sicher, es gebe da "immer mal Fehler".

Entsetzt, traurig, wütend

Christoph P. verlässt die Praxis und setzt sich in die Fußgängerzone. Er fühlt sich hilflos, ist entsetzt, traurig, wütend, alles zugleich. Ausgerechnet jetzt wird alles vom Tisch gewischt, kurz vor dem Umzug in die Schweiz. Wie soll er seinen Job packen? Wofür soll er überhaupt noch arbeiten? Wird er jemals wieder einen Freund finden? Was ist, wenn er mit jemandem schläft und wieder ein Kondom platzt? Wird er ausgegrenzt, wenn die Erkrankung bekannt wird?

Hat er seine Ex-Freundin angesteckt?

Nach seiner Asienreise haben sie noch einmal miteinander geschlafen, ohne Kondom. Jetzt hat er Angst um sie, um die Frau, mit der er ein Jahr zusammen war und mit der er immer noch gut befreundet ist. Diesem wichtigen Menschen in seinem Leben muss er als erstes von der Diagnose erzählen. Er ruft Freunde und Familie an. Sein Vater wird ganz einsilbig, seine Stimme zittert. "Ich musste viel Kummer verbreiten", sagt der 26-Jährige, "das tat mir sehr leid."

Allein mit tausend Gedanken

Dieser eine Nachmittag dehnt sich zur Ewigkeit. Christoph P. liegt auf dem Bett, raucht Kette, trinkt Cola und starrt an die Decke, "der eine hängt sich auf, der andere schließt sich in seinem Zimmer ein", sagt er später. Angst vor dem Tod hat er nicht, der Tod ist noch so weit weg. Angst macht ihm die Ausgrenzung. Sich ständig zu überlegen, wem man die Wahrheit anvertrauen kann und wem nicht. Er denkt darüber nach, den Job abzusagen und alles über den Haufen zu werfen.

"Du bist negativ"

Der negative Schnelltest lässt ihm keine Ruhe. Am selben Abend zeigt er seine Befunde einem Freund, der Medizin studiert. Er schaut einige Sekunden darauf. Er sagt: "Du bist negativ." Er beginnt, die Ärztin wegen deren Diagnose zu beschimpfen.

Facharzt bestätigt: negativ

Am nächsten Tag geht Christoph P. zum Facharzt. Auch er sagt: "Negativ." Die Ärztin hat die Befunde falsch gedeutet. Beim HIV-Test wird mit dem Blut zunächst ein Suchtest gemacht, ein sogenannter Elisa-Test. Werden dabei Antikörper gefunden, lautet der Befund "reaktiv". In diesem Fall wird umgehend ein Bestätigungstest gemacht, im allgemeinen noch aus derselben Blutprobe. Sollte auch dieses Ergebnis positiv sein, ist der Patient mit ziemlicher Sicherheit mit HIV infiziert. Zur Kontrolle werden die Tests mit einer neuen Blutprobe wiederholt. Bei Christoph haben beide Blutproben dasselbe Ergebnis gebracht: auffällige Suchtests, aber negative Bestätigungstests.

Das war "sicher etwas forsch"

"Zu sagen: Sie sind positiv, war in dieser Situation sicher etwas forsch", sagt der HIV-Spezialist Norbert Brockmeyer von der Universität Bochum. Er würde eher davon sprechen, dass ein Risiko bestehe, dass der Patient HIV-positiv ist. "Das einzige, was man wirklich sagen kann: Dieser Befund hätte beobachtet werden müssen."

Fadenscheinige Rechtfertigung

Dass ein Befund falsch interpretiert werde, komme fast nie vor, sagt Jörg Litwinschuh von der Aids-Hilfe. Eines aber sei bei einer möglichen HIV-Infektion wichtig: "Dass ein Arzt sensibel mit dem Thema umgeht." Christoph P. fragt nach. "Wie kann eine Ärztin nicht erkennen, was man innerhalb von zwei Minuten im Internet herausfinden kann?" Er führt noch ein Gespräch mit der Medizinerin. Er bekommt keine Antwort, die ihn zufriedenstellt. "Sie war sehr kleinlaut. Ich habe gemerkt, dass sie sich ihres Fehlers bewusst war." Er erzählt von fadenscheinigen Erklärungen, zum Beispiel, dass sie 120 Patienten am Tag behandle und ihre Vorgesetzten hinzugezogen habe.

Praxis weicht Nachfragen aus

Die Praxis will sich zu dem Fall nicht äußern - obwohl Christoph P. sie für eine Spiegel-Online-Anfrage von der Schweigepflicht entbunden hat. Stattdessen nimmt die leitende Ärztin "die Gelegenheit wahr", das generelle Vorgehen der Praxis bei HIV-Verdachtsfällen zu erläutern. Bei einem auffälligen Test werde der Patient unverzüglich an einen spezialisierten Kollegen überwiesen - "zur weiteren Diagnoseabklärung und Bestätigung des HIV-Verdachts" sowie "zur unverzüglichen Einleitung geeigneter therapeutischer Maßnahmen".

Das Erlebte ist kaum zu verarbeiten

Christoph P. leidet die ersten Wochen nach der Fehldiagnose an depressiven Stimmungen. Er kann das Erlebte nicht verarbeiten. Vielleicht positiv, negativ, definitiv positiv, negativ, zu intensiv war dieses Auf und Ab. Er hat zahlreiche weitere Tests machen lassen - alle negativ. Was die verwirrenden Ergebnisse ausgelöst hat, ob es vielleicht die Warze war, bleibt ungeklärt. Inzwischen hat sich Christoph P.s Wut auf die Ärztin gelegt. Er hat sich in der Schweiz eingelebt. Er mag seinen neuen Job.


Von Simone Utler, Spiegel Online  

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