22.03.2010, 09:07 Uhr
Papst Benedikt XVI. geht mit irischen Bischöfen hart ins Gericht - schweigt aber zu Missbrauch in Deutschland (Foto: dpa)
Papst Benedikt XVI. hat den Missbrauch von Minderjährigen "aufrichtig bedauert". In seinem in Rom veröffentlichten Hirtenbrief an die irische Kirche drückte der Papst "im Namen der katholischen Kirche offen die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen". Es werde manchmal schmerzhafte Hilfsmittel brauchen, um die Wunden zu heilen und die Kirche in Irland in einem langwierigen Prozess zu erneuern. Zu den Missbrauchsfällen in Deutschland und zu einer Mitverantwortung des Vatikans äußerte sich Benedikt nicht.
Dies ist umso brisanter, als er selbst in Deutschland immer mehr unter Druck gerät: Nach Informationen des Magazins "Spiegel" war Ratzinger in seiner Zeit als Münchner Erzbischof besser über einen pädophilen Kaplan informiert als bislang bekannt. 1980 wurde der Kaplan trotz bekannter Vorfälle von Essen nach München versetzt, Papst Benedikt hatte in seiner damaligen Funktion als Münchner Erzbischof seiner Versetzung zugestimmt. In einem Übergabebrief des Bistums Essen an die von Ratzinger damals geleitete Erzdiözese hatte klar erkennbar gestanden, dass Kaplan Peter H. sich sexuell an Kindern seiner Gemeinde vergriffen hätte. So erklärte es das Bistum Essen vorige Woche gegenüber dem "Spiegel". Man habe München nicht im Unklaren gelassen, was für ein Problemfall da komme.
Unter Ratzingers Vorsitz befasste sich der erzbischöfliche Ordinariatsrat am 15. Januar 1980 mit dem Fall. Laut Sitzungsprotokoll habe der Kaplan "für einige Zeit um Wohnung und Unterkunft" in einer Münchner Pfarrgemeinde gebeten: "Kaplan H. wird sich einer psychisch-therapeutischen Behandlung unterziehen." Trotzdem meldeten Ratzinger und sein Erzbistum den Kinderschänder nicht der Polizei. Im Sitzungsprotokoll heißt es stattdessen lediglich über die Wohnungssuche des Geistlichen: "Dem Gesuch wird zugestimmt."
Auch ein Psychotherapeut hat wegen des Falles in der ehemaligen Diözese des Papstes schwere Vorwürfe gegen die katholische Kirche erhoben. Mehrmals habe Werner Huth die Bistumsleitung davor gewarnt, den pädophilen Pater in der Jugendarbeit einzusetzen, sagte Huth dem "Tagesspiegel". Auch in der Amtszeit von Joseph Ratzinger habe er seine Bedenken leitenden Geistlichen vorgetragen, darunter auch einem Weihbischof, sagte der Psychotherapeut. Die Warnungen seien ignoriert worden. Der heute 80-jährige Huth hat als Psychiater und Psychotherapeut unter anderem sexuelle Störungen behandelt und war lange Berater für die katholische und die evangelische Kirche.
Im Hirtenbrief findet sich über die Fälle in Deutschland kein einziges Wort. Dafür geht Papst Benedikt XVI. aber hart mit den Bischöfen aus Irland ins Gericht. Er tadelte sie wegen "schwerer Fehleinschätzungen" im Umgang mit den jahrzehntelangen Übergriffen. Er äußerte sein persönliches Bedauern für den Generationen von irischen Katholiken von Priestern zugefügten "sündhaften und verbrecherischen" Missbrauch. Zu einer Mitverantwortung des Vatikans äußerte er sich nicht. "Ihr habt viel gelitten und ich bedaure das aufrecht", schrieb Benedikt an die Opfer und ihre Familien gerichtet. Den Tätern warf er vor, "das Vertrauen, das von unschuldigen jungen Menschen und ihren Familien in Euch gesetzt wurde, verraten" zu haben. Die betreffenden Geistlichen hätten "die Achtung der Menschen Irlands verspielt".
Das Problem des Missbrauchs von Kindern sei "weder ein rein irisches noch ein rein kirchliches", erklärte der Papst weiter und sprach von einer schmerzhaften Situation. Als entscheidend mitverantwortliche Faktoren nannte er unter anderem unangemessene Verfahren zur Feststellung der Eignung von Kandidaten für das Priesteramt und das Ordensleben sowie eine nicht ausreichende menschliche, moralische, intellektuelle und geistliche Ausbildung in Seminarien und Noviziaten. Außerdem kritisierte der Papst "eine fehlgeleitete Sorge für den Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen". Jetzt müsse "dringend gehandelt werden um diese Faktoren anzugehen, die so tragische Konsequenzen in den Leben von Opfern und ihrer Familien hatten".
Vatikan-Sprecher Federico Lombardi wehrte die Kritik ab, der deutsche Papst hätte jetzt auch konkret auf die Fälle in seiner Heimat eingehen sollen. Der Papst müsse nicht jeden Tag über alles sprechen, sagte Lombardi. Benedikt habe wiederholt gegen Missbrauch Stellung bezogen und mit Opfern gesprochen, außerdem sei das Problem der irischen Bischöfe verschieden. Ob denn Benedikts Bekenntnis, «ich bedauere das aufrichtig» ("I am truly sorry"), als Entschuldigung zu werten sei, müsse jeder für sich herauslesen. Nicht ausgeschlossen wird, dass Benedikt sich später zum Skandal in Deutschland äußert.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, interpretierte das Papstschreiben an die irischen Katholiken als allgemeingültig auch für andere Länder: "Papst Benedikt XVI. wendet sich durch seinen Hirtenbrief mit eindringlichen Worten an die Katholiken in Irland. Was er ihnen sagt, hat Geltung für die ganze Kirche und ist eindeutig eine Botschaft auch an uns in Deutschland." Ohne Wenn und Aber verurteile der Papst "die schrecklichen Verbrechen, die an jungen Menschen begangen wurden, als Mitglieder der Kirche, besonders Priester und Ordensleute, sie sexuell missbrauchten".
Die katholische Kirche in Irland war im vergangenen Jahr durch zwei Untersuchungsberichte schwer erschüttert worden, die den jahrzehntelangen tausendfachen Missbrauch von Kindern unter dem Dach der Kirche dokumentiert hatten. Der Papst hatte irische Bischöfe deshalb vor kurzem nach Rom zitiert. Der Hirtenbrief könnte bereits am Sonntag in irischen Gotteshäusern verlesen werden.
Bei der katholischen Kirche in Deutschland melden sich immer mehr Opfer sexuellen Missbrauchs. Seit der Enthüllung der Übergriffe von Geistlichen auf Schüler am Canisius-Kolleg in Berlin Ende Januar sind bundesweit mehr als 250 Verdachtsfälle bekanntgeworden. Dies ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur dpa bei den 27 Bistümern. Meist geht es um strafrechtlich längst verjährte Taten aus den 50er bis 80er Jahren.
Quelle: Spiegel Online , dpa
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