22.03.2010, 09:09 Uhr
Papst Benedikt hat sich im Hirtenbrief bei den irischen Missbrauchsopfern entschuldigt (Foto: Reuters)
Papst Benedikt XVI. hat sich in seinem Hirtenbrief umfangreich für den sexuellen Missbrauchdurch Priester in Irland entschuldigt, doch den Opfern geht das nicht weit genug. Statt nur die Vergangenheit zu verurteilen, hätte Papst Benedikt XVI. mehr auf Konsequenzen und die Zukunft eingehen müssen, war von irischen Opferverbänden zu hören.
Vor allem, dass er die Art und Weise, wie die Kirche den Missbrauch systematisch und über Jahre verdeckt gehalten habe, nicht ausdrücklich verurteile, hat viele Opfer enttäuscht. Dies sagte die Leiterin der Opfergruppe "One in Four", Maeve Lewis. "Papst Benedikt hat eine glorreiche Möglichkeit verstreichen lassen, den Kernpunkt des kirchlichen Missbrauchsskandals anzusprechen: Die absichtliche Politik der katholischen Kirche bis in die höchsten Ebenen, Missbrauchs-Täter zu beschützen und damit Kinder zu gefährden."
Der Brief sei ein zentraler Schritt auf dem Weg zu einer Erneuerung der Kirche, sagte hingegen das Oberhaupt der irischen katholischen Kirche, Kardinal Sean Brady, in einer Messe im nordirischen Armagh. Er selber steht in der Kritik, weil er in den 1970er Jahren dabei gewesen sein soll, als zwei missbrauchte Kinder ein Schweigegelübde ablegen mussten. Immer wieder wird deshalb sein Rücktritt gefordert. Er selber hat angekündigt, darüber nachdenken zu wollen. "Lasst uns beten, dass dies jetzt der Beginn einer großen Zeit der Wiedergeburt der irischen Kirche wird", sagte der Kardinal.
In seinem mit Spannung erwarteten Hirtenbrief an die irische Kirche drückt der Papst, an die Opfer und ihre Familien gewandt, "im Namen der Kirche offen die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen". Es werde ein schmerzhafter und langwieriger Prozess sein, um die Wunden nach dem tausendfachen Missbrauch zu heilen und die Kirche in Irland zu erneuern. Der Papst erklärte, viele in Irland hätten etwas Wahres betont, dass nämlich "das Problem des Missbrauchs von Kindern weder ein irisches noch ein rein kirchliches ist". Seit die Kirche zu verstehen begonnen habe, wie schwer das Problem sei, habe sie "eine ungemein große Anstrengung in vielen Teilen der Welt geleistet, um sich dem zu stellen und um Abhilfe zu schaffen", heißt es in dem Brief.
Der Papst geht darin auch mit den Tätern und einigen Bischöfen in Irland ins Gericht, die versagt hätten. "Erkennt eure Schuld öffentlich an, unterwerft euch der Rechtsprechung", lautet die Forderung des Kirchenoberhauptes an die Priester und Ordensleute, die Kinder missbraucht haben: "Ihr habt das Vertrauen, das von unschuldigen jungen Menschen und ihren Familien in euch gesetzt wurde, verraten und ihr müsst euch vor dem allmächtigen Gott und vor den zuständigen Gerichten dafür verantworten."
Den irischen Bischöfen warf der Papst vor, dass einige darin versagt hätten, die seit langem bestehenden Vorschriften des Kirchenrechts zum sexuellen Missbrauch von Kindern anzuwenden. Nach schwerwiegenden Fehlurteilen sollten die Bischöfe jetzt weiter mit den staatlichen Behörden kooperieren. Transparenz und Aufrichtigkeit müssten auch in der Kirche oberstes Gebot sein.
Zu den Missbrauchsfällen in Deutschland und anderen Ländern sagte er kein Wort. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, verstand das Papier aber als klare Weisung auch für Deutschland. Es habe "Geltung für die ganze Kirche und ist eindeutig eine Botschaft auch an uns in Deutschland", sagte Zollitsch laut einer in Bonn veröffentlichten Mitteilung. Das Zentralkomitee der Katholiken in Deutschland erklärte, die Äußerungen könnten helfen, auch hierzulande die richtigen Konsequenzen zu ziehen. "Mit einer geradezu schonungslos offenen Sprache befasst sich der Papst sehr konkret mit der Situation in Irland, mit Schuld und Versagen und den notwendigen Konsequenzen", hieß es in einer Stellungnahme des Präsidenten des obersten Laiengremiums, Alois Glück.
Die "Initiative Kirche von unten" (IKvu) warf dem Papst vor, in seinem Hirtenbrief an die irischen Katholiken bei "verbaler Betroffenheit" stehen zu bleiben. Er verweigere den Blick auf die strukturellen Ursachen und ruhe sich auf der Einzeltäterthese aus. Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) bemängelte fehlende Aussagen zur Situation in Deutschland. "Angesichts einer größer werdenden Verunsicherung bei jungen Katholikinnen und Katholiken und deren Eltern hätten wir uns über ein persönliches Wort der Begleitung, der Stärkung und des Zuspruchs gefreut", hieß es in einer in Düsseldorf veröffentlichten Mitteilung von BDKJ- Bundesvorstand Dirk Tänzler.
Auch die Reformbewegung "Wir sind Kirche" zeigte sich enttäuscht. Es sei schade, dass sich der Papst nicht zu den Fällen in Deutschland geäußert habe, sagte Christian Weisner, Sprecher der Initiative, in München. "Es wird sicher nicht seine Autorität und sein Ansehen in der Kirche erhöhen." Der Brief vermittle den Eindruck, es gehe dem Papst hauptsächlich um das Ansehen der Kirche.
Vatikan-Sprecher Federico Lombardi wehrte die Kritik ab, der deutsche Papst hätte auch konkret auf die Fälle in seiner Heimat eingehen sollen. Der Papst müsse nicht jeden Tag über alles sprechen, sagte er. Ob Benedikts Bekenntnis, "Ich bedauere das aufrichtig" ("I am truly sorry"), als Entschuldigung zu werten sei, müsse jeder für sich herauslesen.
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