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Hells Angels und Bandidos beunruhigen die Polizei im Ruhrgebiet

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"Haltet euch da raus"

03.11.2009, 11:36 Uhr | Von Jörg Diehl, Spiegel Online

"Haltet euch da raus", sagt der Rocker - und die Beamten gehorchen (Foto: dpa) "Haltet euch da raus", sagt der Rocker - und die Beamten gehorchen (Foto: dpa)Schläge, Schüsse und eine Granate: In NRW eskaliert die Gewalt zwischen den verfeindeten Hells Angels und Bandidos. Die jüngste Attacke zeigt, wie organisiert die Rocker vorgehen und wie hilflos die Polizei bisweilen zusehen muss.

Am Anfang war ein Einsatz, von dem es viele gibt in einer Samstagnacht und in einer Stadt wie Duisburg. Um 21.10 Uhr erreicht die Polizei ein Notruf aus der Vulkanstraße 26, einem Bordell im Rotlichtviertel, das von den Hells Angels kontrolliert wird. Von "Randalierern" ist in den ersten Funksprüchen die Rede, ein Streifenwagen jagt los.

Rocker wollen Bordell stürmen

Dann wird es hektisch. Die Beamten melden der Zentrale, dass etwa 40 Bandidos versuchten, das Bordell zu stürmen. Weitere Rocker strömten aus dem nahe gelegenen Hauptquartier nach. Die Beamten fordern Verstärkung an. Doch das ist so eine Sache: In einer Samstagnacht sind in einer Stadt wie Duisburg vielleicht 20 Streifenwagen auf der Straße, höchstens.

Gegenschlag der Hells Angels

Und es kommt noch schlimmer. Die Hells Angels haben die Attacke ihrer Rivalen zurückschlagen können. Kurz nach 22 Uhr sammeln sie sich vor dem "Bandidos Place". Offenbar sind sie im Gegensatz zu der überrascht wirkenden Polizei bestens vorbereitet. Beamte werden später berichten, dass die Rocker auf der L 60 kurzzeitig sogar Straßensperren errichtet und nur eigene Autos durchgelassen hätten.

"Haltet euch da raus"

Dann stehen sich in der Charlottenstraße etwa 60 Angels, 60 Bandidos und 30 Streifenbeamte gegenüber - mehr kann die örtliche Polizei in diesem Moment wohl nicht aufbieten. Die Uniformierten bleiben im Hintergrund. "Mir hat ein Rocker direkt ins Gesicht gesagt: 'Haltet euch da raus'", erinnert sich ein junger Kommissar im Gespräch mit Spiegel Online. "Und das haben wir auch so gemacht."

"Alles nach Duisburg!"

Unter den Augen der staunenden Polizisten gehen die hochgerüsteten Rocker zum Angriff über: Die Beamten sehen Baseballschläger, Dachlatten, Totschläger, Tränengaskartuschen vom Typ TW 1000, Wurfgeschosse, Gummiknüppel, Molotow-Cocktails - und in der Leitstelle wird aufgeregt nach Unterstützung aus den umliegenden Städten verlangt. "Alles, was abkömmlich ist, mit Sonder- und Wegerechten nach Duisburg", heißt es im Funk.

Landesweite Alarmierung kommt zu spät

Um 22.50 Uhr löst der Einsatzführer die "landesweite Vollalarmierung" der nordrhein-westfälischen Spezialeinsatzkräfte (SEK) aus - da ist das "Bandidos Place" schon "komplett zerlegt", wie sich der Kommissar erinnert. Scheiben sind zu Bruch gegangen, es qualmt.

Hunde im Einsatz

Jetzt trudeln auch Beamte aus der Umgebung ein: Bereitschaftspolizei aus Recklinghausen und Düsseldorf, Streifenwagen aus Wesel, Düsseldorf, Essen und Mettmann, dazu SEK-Kommandos - mehr als hundert Beamte sind es jetzt. Hunde werden losgelassen, um die Gruppen zu trennen. Doch auch die Rocker machen mobil. Um kurz vor Mitternacht verzeichnet die Polizei eine "landesweite Reisebewegung" der Bandidos. Dutzende seien im Anmarsch, aus Unna, aus Greven, heißt es.

Keine einzige Festnahme

Dennoch wird kein Hells Angel, kein Bandido festgenommen. "Vielleicht ging das alles einfach zu schnell", mutmaßt ein Sprecher der Polizei Duisburg. Ob seine Kollegen Personalien feststellen konnten oder die Keilerei gar filmten, könne er nicht sagen. An dem Einsatz beteiligte Beamte sagten Spiegel Online, sie hätten nichts dergleichen getan. "Wir haben nichts in der Hand", so einer, der nicht namentlich zitiert werden möchte.

Kein Zutritt für die Polizei

Muss sich der Rechtsstaat der Rockergewalt beugen? Nach Informationen von Spiegel Online verwehrten die Bandidos den Ermittlern sogar den Zutritt zu ihrem zerstörten Vereinsheim, die Beamten hatten sich den Tatort durch die beschädigten Fenster anzusehen. Jetzt wird wegen schweren Landfriedensbruchs ermittelt - "gegen unbekannt" wohlgemerkt. Man habe einige Kennzeichen notieren können, heißt es bei der Polizei.

Handgranate ins Clubhaus geworfen

Unbehelligt ziehen die Rocker in der Samstagnacht weiter. Gegen 2 Uhr morgens fliegt in Solingen eine Handgranate ins Clubhaus des Hells Angels Charters "Midland". In dem Gebäude halten sich nach Polizeiangaben 20 Personen auf. Auch die Familie des Solinger "Höllenengel"-Präsidenten "Mülle" soll dort wohnen. Die unbekannten Angreifer schießen mehrfach auf das Gebäude, es wird jedoch niemand verletzt. Die Granate detoniert nicht.

Ein Mord als Auslöser?

Dem Solinger Ableger der Hells Angels wird auch der Kampfsportler Timur A., 33, zugerechnet, der Anfang Oktober in Duisburg den Bandido Eschli E., 32, erschossen haben soll. Der Mord könnte der Auslöser der aktuellen Gewaltorgie gewesen sein.

Es knallt auch in Essen

Die Rocker-Randale geht nämlich noch weiter. Um 4.30 Uhr knallt es in Essen, Wüstenhöferstraße 120. Fünfmal feuern unbekannte Angreifer auf das örtliche Bandidos-Heim, zwei Kugeln schlagen in die schusssichere Glastür des leeren Lokals ein. Die Ermittler stellen fest: "Niemand redet mit der Polizei." Und rücken wieder ab.

Randale wegen einer Frau?

Eine Massenschlägerei von mehr als hundert Rockern, Angriffe mit Schusswaffen und sogar einer Handgranate - das alles wegen einer "Beziehungstat", als den die zuständige Staatsanwaltschaft den Mord an dem Bandido Rudi Heinz Eschli E. noch immer öffentlich bezeichnet? Inzwischen werden jedoch zunehmend Zweifel an dieser Darstellung laut. "Da hat ein Zuhälter dem anderen Zuhälter die Frau weggenommen", sagt ein Beamter der "Westfalenpost".

Mord vor Vereinshaus

Der frühere Hooligan der "Gelsen-Szene", inzwischen zum angesehenen Rockeroffizier avanciert, war am 8. Oktober vor dem "Bandidos Place" in der Duisburger Charlottenstraße erschossen worden. Wenig später stellte sich der Free-Fighter und Hells-Angels-Anwärter Timur A., dessen weißer Mercedes CLK am Tatort gesehen worden war, der Polizei. Er verweigert jedoch die Aussage.

Beziehungsdrama unter rivalisierenden Rockerbanden?

Nach Darstellung der Ermittler war A. mit der Freundin des Bandidos E. liiert, bis die junge Frau ihn für den Rockerrivalen verließ. Die 24-Jährige, die sich inzwischen in einem Zeugenschutzprogramm befindet, hatte sich demnach vor den tödlichen Schüssen in der Nähe des Tatorts mit ihrem Ex Timur A. verabredet, um ihm seinen Wohnungsschlüssel zurückzugeben.

Spuren führen ins Rotlichtmilieu

Ein Mord aus gekränkter Eitelkeit also? Wohl kaum. Die Spuren führen ins Rotlichtmilieu. Nach Informationen von Spiegel Online arbeitete der mutmaßliche Todesschütze A. als Aufpasser in einem Bordell in der Duisburger Vulkanstraße. Gegen sein Opfer Eschli E. ermittelte die Polizei vor einigen Jahren wegen des Verdachts der Zuhälterei, gefährlicher Körperverletzung und Nötigung. "Da steckt mehr dahinter als bloß eine gescheiterte Liebschaft", sagt ein Ermittler. "Wir vermuten schon, dass es da um Gebietsansprüche und um Marktanteile geht", so Thomas Jungbluth, Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt (LKA) Düsseldorf, in einem Radio-Interview.

Banden mit Kontakten zur kriminellen Szene

Das nordrhein-westfälische LKA zählt nach Angaben eines Sprechers sieben Charter der Hells Angels mit rund 150 Personen sowie 16 Chapter der Bandidos mit etwa 200 Mitgliedern im Land. Die Banden würden mit Betäubungsmittel- und Waffenhandel, mit der Rotlicht- und der Türsteherszene sowie mit Körperverletzungsdelikten in Verbindung gebracht, heißt es.

"Keine rechtsfreien Räume" dulden

Ein Sprecher des Düsseldorfer Innenministerium sagte zu Spiegel Online, man werde "auch weiterhin keine rechtsfreien Räume" dulden und "alles tun, um Straftaten aus diesem Milieu zu unterbinden". Ermittlungen und Einsätze in der Rockerszene würden künftig zentral aus Münster gesteuert. "Wir werden massiv gegen diese Leute vorgehen."



Von Jörg Diehl, Spiegel Online  

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