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Hatten die Linken doch recht?: Das Kind und das Bad

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Das Kind und das Bad

24.08.2011, 14:06 Uhr | Ein Kommentar von Alexander Görlach

Ratlosigkeit in der Finanzmarktkrise: Neuer Wachstumsbegriff? (Foto: HikingArtist)

Ratlosigkeit in der Finanzmarktkrise: Neuer Wachstumsbegriff? (Foto: HikingArtist)

Der Debatten-Auslöser von Frank Schirrmacher wurde natürlich von vielen Seiten kritisiert. Auch von Jan Fleischhauer vom „Spiegel“, den ich sehr schätze und der auf The European schon kolumniert hat. Von daher sehe ich mich veranlasst, auch in dieser Woche noch einmal etwas zur Frage zu schreiben „Hatten die Linken nicht doch recht?“

Zum einen habe ich diese Frage rhetorisch verstanden als Zuspitzung der Ratlosigkeit im bürgerlichen Lager: Alles, was uns in den vergangenen drei Jahren an Finanzmarkt-Unbilden widerfahren ist, haben wir nicht in dieser Dramatik vorhergesehen. Wir haben weder das Wissen noch die Sprache, den Finanzmarkt zu umzäunen und zu zähmen. Mehr als „Monster“ haben wir in der Tat nicht hervorgestammelt. Da hat Frank Schirrmacher recht.

Linke Sozialkunde-Lehrer ohne theoretischen Unterbau

Wir haben, und diesen Gedanken hatte Botho Strauß in ähnlicher Form jüngst in der „FAZ“ geäußert, in diesem Land Unsummen für politische Bildung ausgegeben. Zu Recht! Wir, also weite Teile der Bevölkerung, können menschenverachtende oder populistische politische Aussagen, Utopien und Gruppierungen erkennen und enttarnen. Nicht so, wenn es um die Wirtschaft, die Prozesse des Wirtschaftens oder die Finanzwelt geht.

Sie glauben doch nicht im Ernst, dass meine linken Sozialkunde-Lehrer, die mich zu unterrichten am humanistischen Rudi-Stephan-Gymnasium in Worms die Ehre hatten, uns solide eingeführt hätten in die Grundlagen des Wirtschaftens. Globalisierung als Phänomen wurde auf einem ideologischen Raster betrachtet und bewertet, bar jeder Sachkenntnis. Wir brauchen ein Schulfach Ökonomie, um gegen die scheinbar unumstößlichen Narrative der Finanz- und Wirtschaftswelt immun zu werden beziehungsweise, um sie verstehen zu können.

„Lesen Sie Marx!“

An dieser Stelle möchte ich Botho Strauß das Wort geben: „Schumpeter, Eucken, Müller-Armack, von Mises, erst recht Keynes und Friedman gehören nicht nur zur Theorie-Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, im Vergleich zu anderen Denkern, Historikern oder Philosophen nahmen nicht wenige auch einen erheblichen Einfluss auf die Politik und das soziale Leben .“ Die Theoretiker und Denker der Wirtschaft und des Marktes sind ähnlich bedeutend wie Rousseau, Locke und Voltaire für das Staatsdenken der Moderne. Wie kommen wir in unserem Ethik-, Politik-, Sozialkundeunterricht so ganz ohne sie aus?

In einem Streitgespräch mit einem linken Print-Kollegen, den ich sehr schätze, musste ich mehrfach die Entgegnung auf meine Kolumne vergangene Woche hören: „Lesen Sie doch nach! Das steht so alles schon bei Karl Marx!“ Gut. Danke für den Hinweis auf das Quellenstudium. Für mich ist das genauso, als wenn fromme Muslime aktuelles Weltgeschehen deuten, indem sie sagen: „Das steht alles schon so im Koran.“ Es mag sein, dass einige der Gedanken von Karl Marx nichts an Aktualität verloren haben. Gleichwohl folgt die Geschichte aber nicht einem bestimmten Plan. Denn am Ende, so wissen wir, stand nicht und wird nie stehen der Sieg des Proletariats. Der übersteigerte Verweis auf Quellen – religiöse, quasi-religiöse und nicht-religiöse – führt in Tyrannei und nicht zu Erkenntnisgewinn. Siegesgeheul aufgrund konservativer Versuche einer Neuverortung, einer Selbstvergewisserung ist daher absolut fehl am Platze.

Dem Guten dienen

Und noch was: Ich habe mir erlaubt, vergangene Woche darauf zu verweisen, dass Wirtschaften und Moral in einem Zusammenhang stehen. Auch dafür wurde ich auf The European von Stefan Gärtner heftig kritisiert. Ich habe dazu das Brecht-Diktum „Erst das Fressen, dann die Moral“ umgedreht. Natürlich sei das der Trick der herrschenden Klasse, meint Gärtner, um die Geknechteten dieser Erde in Moralin und Vorgaben zu ertränken, die die Besitzenden selbst nicht einzuhalten gewillt sind.

Ich meinte an der Stelle in meiner Kolumne, lieber Kollege Gärtner, nicht die christliche Moral, für die man das Wirtschaften passend machen müsste. Ich meinte, dass das Wirtschaften selber, die Finanz selber Werten verpflichtet sein soll, weil sie eigentlich dazu da ist, Werte zu schaffen. Eine Ethik des Wirtschaftens bedeutet, dass die Prozesse und Maßnahmen des Wirtschaftens selbst Kriterien zugrunde legen, die dem Guten dienen.

Wie leben ohne die zweite Fabrik?

So und nun komme ich dazu, was das mit Linken und Rechten gleichermaßen zu tun hat: Unser Wirtschaftssystem geht von immer mehr Wachstum aus. Warum? Weil im Wettbewerb mit der globalen Konkurrenz der obsiegt, der effizienter arbeitet. Effizienter bedeutet mit mehr Maschinen, in jedem Fall mit weniger Menschen. Um diese aus dem Raster fallenden Menschen aufzufangen, muss, um es im Bilde zu sagen, eine zweite Fabrik gebaut werden, um diesen Menschen wieder Arbeit zu bieten. Geben wir diesen Wachstumsbegriff auf, kollabiert der Sozialstaat – den in Deutschland SPD wie CDU nicht abschaffen wollen. Also, meine Freunde des linken Spektrums: Nicht das Kind mit dem Bade ausschütten!

Wir müssen diesen Wachstumsbegriff aufgeben, weil die Ressourcen der Erde knapp werden. So einfach ist das. Wen die Linken also mit dem Siegesgeheul fertig sind und die Konservativen die vollgerotzten Flenntücher weggelegt haben, können wir ja mal anfangen, das Problem zu lösen. Die Zeit läuft davon.

Der Journalist Alexander Görlach ist Herausgeber und Chefredakteur von The European. Zuvor war Görlach der Online-Redaktionsleiter des Magazins Cicero und Chefredakteur der BMW-Initiative Club of Pioneers. Seine journalistischen Stationen führten ihn nach New York, London und Rom. Görlach war sieben Jahre lang für das ZDF tätig. Als freier Autor hat Görlach für die FAZ, die Süddeutsche Zeitung und Die Welt geschrieben. Unter anderem war er Pressesprecher der Stiftung des Profifußballers Christoph Metzelder. Der 1976 geborene Journalist ist promovierter Theologe und promovierter Germanist.


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Kommentare (14)

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Thema: "Hatten die Linken doch recht?: Das Kind und das Bad"

Wachstum schrieb: am 24. August 2011 um 21:23:02
(8) (0) wo ?
Was wächst hier noch ? Stillstand wäre die richtige Bezeichnung . Die Angst geht um im Land . Ende der Fahnenstange . Eine nicht enden
wollende Finanzkrise , trotzdem hat der Aussenhandel riesen Gewinne . Nur das gemeine Volk , was ist mit dem ? Wachstum ein Treppenwitz .
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demokrat schrieb: am 24. August 2011 um 21:17:55
(8) (3) die linken haben doch recht !
nur die unerschöpfliche Gier des menschen macht diesen perversen abartigen kapitalismus möglich ja anderst
sollte man dieses System nicht bezeichnen ( Pervers ) zerstörerisch für Mensch und Umweld ausbäuterisch retuziert Menschen zu sklaven von Banken und Wirtschafsinderessen gesteuert ja die DDR ging zugrunde Aber dieser System ist Menschenverachtent währe schon längst erledigt wenn nicht immer die allgemeinheit für das versagen Dieses Systemms gerade stehen muß
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Peter schrieb: am 24. August 2011 um 20:48:49
(7) (3) Staatsbilanzen wie Unternehmensbilanzen - Lebensqualität als Dividende
Wenn sich mehrere Länder entwickeln wie D nach 1949 (China, Japan,
Singapore, Brasilien u.a.), sind irgendwann die Märkte gesättigt. Dann, z.B. jetzt, muss ein Gleichgewicht in der SUMME(!) OHNE Wachstum gefunden werden, also auch: Mit mehr Steuern Schulden tilgen.Werden mehr Schulden erzeugt, z.B. für GR, It, E etc. werden wir ALLE arm wie GR. Soviel Wachstum um diese neuen Schulden zu tilgen ist RECHNERISCH nicht möglich. Staatsbilanzen müssen wie Unternehmensbilanzen gehandhabt werden.
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