13.08.2010, 16:18 Uhr | DDP
Erfurt (ddp-lth). Ein neues Gutachten empfiehlt den Baustopp auf der ICE-Strecke von Nürnberg über Erfurt nach Leipzig. Stelle man den im Bestfall moderaten Fahrgastzuwächsen die immensen Baukosten gegenüber, verliere das Projekt "jegliche Legitimation", heißt es in der Studie "Schienennetz 2025/2030", die das Umweltbundesamt bei der Beratungsfirma KCW in Auftrag gegeben hatte. Dort ist die ICE-Verbindung neben dem umstrittenen Bahnprojekt "Stuttgart 21" als Beispiel einer "(absehbar) verfehlten Investitionspolitik" aufgelistet.
Die ICE-Trasse soll 2017 in Betrieb genommen werden. Mit ihr soll sich die Reisezeit zwischen München und Berlin von heute sechs Stunden auf etwa vier Stunden verringern. Dies ist zwar auch aus Sicht der Gutachter "ein klarer Fortschritt". Doch gebe es erhebliche Zweifel, inwieweit der Fahrgast dies honoriere, da das Flugzeug einen Zeitvorteil von etwa einer Stunde wahre und auch die Autobahn gut ausgebaut sei.
Für den Güterverkehr sei die Strecke "praktisch nutzlos". Grund seien die einröhrigen Tunnelbauten. Aus Sicherheitsgründen sei dort tagsüber kein Güterverkehr erlaubt. Auch im Personenverkehr sei die Streckenführung "mit dem Laserstrahl" durch den Thüringer Wald suboptimal, heißt es weiter. Die zwischen Leipzig und Nürnberg liegenden Regionen, vor allem die dichter besiedelten in Südwestsachsen (Chemnitz, Vogtland) sowie Ostthüringen (Jena, Gera) würden nicht besser angebunden. Die Anbindung Jenas zum Fernverkehr verschlechtere sich massiv.
Die beste Option wäre nach wie vor der Abbruch des Projektes, so die Gutachter. Auch zwei Milliarden Euro "versunkene Baukosten" seien aus ökonomischer Sicht kein Argument, weitere sechs Milliarden Euro zu investieren, wenn das Projekt keinen akzeptablen Nutzen stifte. Allerdings scheine ein vorzeitiges Ende nicht mehr realistisch, weil mehrere Bundesländer und der Bund über einen langen Zeitraum für die Strecke gekämpft hätten. Zudem kämen die Bauruinen in der Öffentlichkeit nicht gut an.
Die Grünen-Abgeordnete Jennifer Schubert sagte, ihre Partei habe frühzeitig darauf hingewiesen, dass die ICE-Strecke wirtschaftlich nicht vertretbar sei. Da diese aber mittlerweile zu rund 30 Prozent fertig sei, sei ein Abbruch nicht mehr sinnvoll. Vielmehr müsse zusätzliches Geld in die Hand genommen werden, um die Strecke auch für den Güterverkehr nutzbar zu machen. Dazu müssten die Tunnel im Thüringer Wald entsprechend umgebaut werden. Außerdem müsse die Mitte-Deutschland-Verbindung endlich ausgebaut werden, um den Anschluss Ostthüringens an den Bahnverkehr zu sichern.
Dem Umweltbundesamt zufolge hat sich die Studie mit der Frage befasst, wie mehr Güterverkehr auf die Schiene verlagert werden kann. Dabei seien auch Prestigeprojekte untersucht und als Option ein Verzicht zur Diskussion gestellt worden. Wenn man etwa auf "Stuttgart 21" verzichte, könnte das Geld an anderer Stelle möglicherweise zielführender in die Schieneninfrastruktur investiert werden, so das Fazit der Gutachter. Das Umweltbundesamt mache sich diese Forderung jedoch nicht zu eigen, stellte ein Sprecher kürzlich klar.
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