
17.10.2010, 17:39 Uhr | Von Klaus Ehringfeld, Copiapó
Luis Urzúa beim Gespräch mit Reportern. Mehr als 30 Jahre lang arbeitete der 69-Jährige im Bergbau (Foto: Reuters)
Die 33 chilenischen Bergleute wurden aus der Tiefe gerettet - frei sind sie noch lange nicht: Medien aus aller Welt belagern die Helden, für Interviews werden Tausende Dollar geboten. Die Angehörigen der Kumpel schachern kräftig mit.
Copiapó/Santiago de Chile - Irgendwo oben am Hügel, da wo sich Copiapó immer weiter in die Wüste schiebt, wohnt Luis Urzúa. Colonia Extranjera heißt sein Viertel, Stadtteil der Fremden, eine typische Bergarbeiter-Siedlung. Schmale, rechteckige Häuser reihen sich aneinander, die Straßen sind wie mit dem Lineal gezogen. Dahinter nur Sand. Hier landen die Männer, die aus allen Teilen Chiles kommen, um in den Kupfer- und Goldminen der Region gutes Geld zu verdienen.
Auch Urzúa, 54, ist vor vielen Jahren mal in die Stadt in der Atacama-Wüste gekommen. Seit mehr als 30 Jahren ist er Bergarbeiter. In der Unglücksmine San José hat Urzúa als Schichtleiter rund 1200 Euro monatlich verdient, für einen Arbeiter in Chile ist das ein stattliches Einkommen. In den kommenden Monaten könnte er diese Summe um ein Vielfaches erhöhen.
Die Geschichte vom Boss unter Tage, der die Gruppe der 33 zusammengehalten hat, ist auf dem Markt der Exklusivgeschichten viel Geld wert. Das dämmerte auch Urzúas Cousin Fernando Orrelano. Der Mann mit dem grauen Bart und der Baseball-Mütze steht vor dem Krankenhaus in Copiapó und gibt ein Interview nach dem anderen. Während die Ärzte in der Klinik seinen Vetter Urzuá noch eingehend untersuchen, bietet Orrelano bereits einen Besuch bei Urzuás Mutter Nelly daheim in der Colonia Extranjera an.
Doch deren Tür bleibt der Presse verschlossen. Sie müsse erst einmal verdauen, dass ihr Sohn dem Leben zurückgegeben wurde, sagt sie. Auch Urzúas Bruder Juan Carlos sind nur karge Aussagen zu entringen. "Luis mag es, wenn die Dinge klar sind", diktiert er Journalisten in die Blöcke. Dann tauchen zwei weitere Vettern des befreiten Kumpels auf sowie ein Freund der Familie. Alle sagen, dass sie "gern" aus dem Leben von Luis Urzúa erzählen könnten und lassen wie nebenbei einfließen, dass ein chilenischer TV-Sender bis zu 4000 Dollar für ein Interview zahlen will.
Wenige Tage nach dem glücklichen Ausgang der Rettungsaktion in der Atacama-Wüste geriert sich journalistische Recherche zunehmend wie das Treiben auf einem Bazar.
Enge wie weitläufige Verwandte der 33 "Helden von Chile" handeln mit Presseleuten immer höhere Summen für Interviews aus. Zum Beispiel Mónica Araya, Frau von Florencio Ávalos, der als Erster aus der Mine geborgen wurde. "Ich kann meine Zeit nicht mit Ihnen verschwenden, wenn Sie nichts zahlen wollen", sagte die Frau einem Journalisten, der ein Interview mit ihr anfragte, "ich habe eine Menge Anrufe zu beantworten".
Nicht viel anders machte es angeblich der gerettete Kumpel Ariel Ticona. Der wollte Journalisten zu seiner Willkommensparty zulassen. Das höchste Gebot für eine Eintrittskarte zu seiner Feier waren umgerechnet 215 Euro. "Da finde ich noch ein besseres Angebot", soll Ticona entgegnet haben.
Es gibt in diesen Tagen nach der Befreiung der Bergmänner aus ihrem dunklen Verlies nichts, was sich den Medien nicht verkaufen ließe.
Besonders hoch im Kurs steht Kumpel Victor Segovia, Spitzname "der Schriftsteller". Er hielt Absurditäten und Anekdoten über die 69 Tage in 700 Meter Tiefe in einer Art Tagebuch fest. Insgesamt vier Hefte hat Segovia mit dem Protokoll des Zusammenlebens unter Tage gefüllt.
Die ersten Aufzeichnungen hatte Segovia im Wartungsbuch einer der großen Perforationsmaschinen gemacht. Kaum waren die Mineros am 22. August gefunden, orderte Segovia einen Bleistift und drei neue Blöcke. "Das Schreiben hat mir das Leben gerettet", sagte Segovia nach der Rettung. "Vor der Angst und der Unsicherheit konnte ich mich in die Welt der Worte flüchten."
Segovia weiß noch nicht, was er mit den Aufzeichnungen machen will. Eine deutsche Zeitung habe ihm 50.000 Dollar für die Rechte angeboten, sagte er dem Blatt "La Tercera", "ich habe aber den Namen der Zeitung vergessen". Das Ringen um die besten Geschichten hat gerade erst begonnen.
Grund genug für den Chefpsychologen des Rettungsteams, Alberto Iturra, mahnende Worte an die Journalisten zu richten. Er habe zwar nichts dagegen, dass die 33 Männer Kapital aus ihrer Leidenszeit in der Mine San José schlagen - "Ich würde mich auch über ein Angebot von 50.000 Dollar freuen." - rief die Medien aber dringend dazu auf, den Bergleuten nicht auf den Leib zu rücken. "Lasst sie in Ruhe. Sie müssen jetzt mit ihren Familien allein sein", sagte Iturra.
Zudem widersprach der Psychologe Berichten, es gebe einen Pakt der 33 Kumpel, das gewonnene Geld in einen Topf zu werfen: "Es ist doch ihr Ding, wie sie ihr Geld verdienen und wie sie es umlegen."
Luís Urzúa hat noch keinen Vertrag abgeschlossen, zumindest weiß sein Bruder Juan Carlos, der ebenfalls in der Colonia Extranjera lebt, von keinem Abkommen. "Er soll sich jetzt erst mal erholen und überlegen, ob er jemals wieder in die Mine einfahren will", empfiehlt Juan Carlos.
Was er seinem Bruder raten würde, wenn der ihn darum bäte, weiß Juan Carlos allerdings genau: "Nutze die Gelegenheit jetzt. Dann brauchst du später nicht mehr unter Tage zu arbeiten."
Quelle: Spiegel Online
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