von Spiegel online für t-online.de
Demonstranten protestieren in Athen gegen die Sparmaßnahmen der griechischen Regierung (Foto: dpa)
Das Geld kam mit dem Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Seither war in Griechenland ein Leben auf Pump möglich - und verschiedene Regierungen haben das offen unterstützt, sagt Schriftsteller Petros Markaris. Im Interview mit "Spiegel online" erklärt er die Mentalität seiner Landsleute und das schwierige Verhältnis zu Deutschland.
Spiegel online: Herr Markaris - Griechenland ist tief verschuldet, die Arbeitnehmer streiken wegen des strikten Sparkurses. Was ist mit den Griechen los?
Petros Markaris: Den Griechen geht es nicht nur schlecht, sie sind in ihrem Fundament erschüttert, erschrocken und wissen nicht, wie es weiter geht. Daran ist auch die Regierung Schuld, die seit sechs Monaten nur diskutiert und erst jetzt Reformmaßnahmen verkündet hat. Die Untätigkeit hatte schlimme Auswirkungen auf die Bevölkerung und führte auch dazu, dass die Griechen nicht realisiert haben, wie schlecht es dem Land wirklich geht und dass es nur einen Ausweg gibt, nämlich, dass die Bevölkerung leiden muss, wenn das Land saniert werden soll.
Spiegel online: Zwischen 2004 und 2008 zahlte die EU Dutzende Milliarden an Griechenland. Mehr als ein Drittel der griechischen Arbeitnehmer ist im öffentlichen Dienst beschäftigt, es gibt 14 gesetzliche Feiertage. Das ist üppig - wie konnte es dazu kommen, dass die Griechen über ihre Verhältnisse lebten?
Markaris: Das war nicht immer so, ich lebe seit 1965 in Athen - bis Ende der siebziger Jahre war Griechenland ein armes, aber sehr anständiges Land. Dann kam mit dem Beitritt in die EWG 1981 das viele Geld, und die Griechen konnten damit nicht umgehen. Die Menschen hatten kein Bewusstsein dafür, weder die Politiker noch die einfachen Bürger. Verschiedene Regierung haben ein Leben auf Pump von da an offen unterstützt. Jetzt sind wir an einen Punkt gelangt, an dem sich die Bevölkerung nicht freiwillig beschränkt und auch die Regierung das Geld nicht verwalten kann. Ich zweifle noch immer daran, dass es die Regierung ernst meint mit ihren angekündigten Sparmaßnahmen.
Spiegel online: Fehlt der griechischen Bevölkerung die Fähigkeit zur Selbstkritik?
Markaris: Es ist nicht die erste schlimme Krise, die Griechenland erlebt, aber die aussichtsloseste - und es ist immerhin das erste Mal, dass die Bevölkerung, die Medien und die Politik offen über die Probleme reden. Es gibt keine Illusionen mehr.
Spiegel online: Außenminister Westerwelle rief die Griechen dazu auf, ihre Hausaufgaben zu machen, die Industrie warnt vor einem Überschwappen der Krise auf Deutschland. Geht Deutschland richtig mit der Situation in Griechenland um?
Markaris: Die Deutschen sind genauso wie die meisten EU-Länder damit beschäftigt, den Griechen beizubringen, dass sich etwas ändern muss. Das ist richtig - wir brauchen diese Maßregelungen dringend. Die Bevölkerung ist nicht von der Haltung der deutschen Regierung gekränkt.
Spiegel online: Griechische Zeitungen warnen trotzdem von einer antideutschen Hysterie. Nachdem das Magazin "Focus" zu einem Bild der Venus von Milos mit obszöner Geste titelte "Betrüger in der Euro-Familie", rief ein Verbraucherverband zum Boykott deutscher Waren auf. Der stellvertretende griechische Ministerpräsident Theodoros Pangalos sagte: Die Deutschen haben Griechenlands Geld und Gold weggenommen und nicht zurückgezahlt.
Markaris: Die Aufregung beschränkt sich aber nur auf "Focus", das allein hat den großen Ausbruch gegen Deutschland verursacht. Mir ist das Titelbild des Magazins auch unangenehm, aber die Reaktion der griechischen Politik ist maßlos übertrieben. Es handelt sich schließlich um einen Medienbericht und nicht um eine Aussage deutscher Politiker. Ich habe mich immer darüber gewundert, dass die Griechen mehr Sympathie zu den Deutschen, dem Volk ihrer ehemaliger Besatzer, empfinden, als zu ihren Befreiern, den Amerikanern und Briten. Das kehrt sich jetzt um. Ich fürchte, dass das deutsch-griechische Verhältnis gefährdet ist, was ich zutiefst bedauere. Wenn die Griechen verzweifelt sind, greifen sie wie jetzt zum Nationalismus - das ist leider die Mentalität der Balkanvölker.
Spiegel online: Mehr als tausend Euro zahlt der Durchschnittsgrieche laut "Transparacy International" im Jahr an Bestechungsgeldern für private Zwecke - in den vergangenen zwei Jahren sind die Zahlen stark angestiegen. Auch in Ihren Krimis ist viel von den Briefumschlägen - den "Fakelakis" - mit Schmiergeldern die Rede. Welche Rolle spielt Korruption im Alltag in Griechenland?
Markaris: Die griechische Gesellschaft ist durchsetzt von Korruption. Wenn man sich im Krankenhaus nur mit Bestechungsgeldern schnell behandeln lassen kann, dann ist das aber ein Problem des Staates. Auch der anständige Bürger verzweifelt und hält die Hinterziehung von Steuern für gerechtfertigt. Nur so, glaubt er, kriegt er sein Geld zurück. Es entsteht eine Gesellschaft der Mitschuldigen. In Griechenland muss die Mentalität radikalreformiert werden. Ich habe Sorgen, dass jetzt nur die Symptome der Krise geheilt werden und nicht deren Ursachen.
Spiegel online: Was könnte denn die Griechen retten?
Markaris: Wir brauchen einen komplett neuen Staatsapparat, gut funktionierende öffentliche Dienste, Antikorruptionsgesetze. Die neuesten Reformverkündungen der Regierung geben Anlass zur Hoffnung. Sie müssen aber strikt umgesetzt werden, denn sonst haben wir in fünf Jahren die nächste Krise.
Spiegel online: Wie geht es weiter?
Markaris: Zum Glück gibt es in Griechenland noch eine aktive und produktive Minderheit, der es zu verdanken ist, dass das Land nicht früher Pleite ging. Aber diese Minderheit ist am Ende ihrer Kräfte. Die Menschen sagen: Entweder gehen wir, oder die EU muss hart durchgreifen und etwas ändern. Nur durch die rigorose Aufsicht der EU oder des IWF kann sich Griechenland aus der Krise herausarbeiten. Wir brauchen in Griechenland eine Rosskur.
Das Interview führte Anna Reimann
Quelle: Spiegel Online
Inge schrieb:
am 11. März 2010 um 14:33:30
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Griechenland
Alle trampeln jetzt auf die Griechen rum,geht es uns besser? Italien,Spanien,Portugal und und und .Was ist mit den ganzen
Oststaaten,die EU und der Euro machen uns kaputt.
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scooterfan schrieb:
am 6. März 2010 um 13:04:16
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Griechenland
Nicht nur den Griechen, auch uns gehts finanziell bedeutend dreckiger.Hab zum Glück die goldenen 80er mitgemacht, da hatte man
noch richtig Geld und konnte sich dank DM was leisten.Die Niedrigohnpolitik greift in der gesamten EU um sich.
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blinker schrieb:
am 6. März 2010 um 07:32:37
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Misere Griechenland
Die Misere in Griechenland ist letzlich ein Abbild der gesamten EU, einige zahlen und viele sahnen ab. Leider haben wir
eine Regierung, die sich gerne im Ausland spendabel darstellt und den eigenen Bürgern dafür immer mehr abverlangt. War der Gedanke, eine starke EU zu gründen sicherlich gut für Europa, so wurde der Zugang zu dieser Gemeinschaft doch für viele zu einfach gemacht. Die EU ist nur so stark, wie das schwächste Mitglieder, schert einer aus, geht der Laden den Bach runter.
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