14.10.2010, 21:01 Uhr | Von Heinz-Peter Dietrich, dpa & Peter Capella, AFP
Palast ohne Prunk: Die Dimensionen des Röhrensystems des neuen Gotthard-Tunnels sind überwältigend (Foto: dpa)
Die gigantischen Bohrmaschinen am Gotthard-Basistunnel fressen sich gerade durch die letzten anderthalb Meter Gestein. Wenn am Freitag der Durchstich gelingt, hat die Schweiz einen Weltrekord geschafft: 57 Kilometer lang führt der neue Tunnel dann durch die Alpen - so lange wie kein anderer Tunnel auf der Erde.
Wenn die letzten Brocken der unvorstellbaren Menge von 13 Millionen Kubikmetern Gestein aus dem Weg geräumt sind, rücken der Norden und der Süden des europäischen Kontinents mehr als 2000 Meter unterhalb der höchsten Gipfel des Schweizer Gotthard-Massivs näher zusammen. Bis allerdings tatsächlich Hochgeschwindigkeitszüge durch die zwei Röhren unter den Bergen rasen, dauert es noch bis zum Jahr 2017.
Mehr als 2500 Bergleute haben ein Wunder verbracht, sich im Berg mit bester Technologie gegen immer neue schwer zu bewältigende Gesteinsformationen durchgesetzt. Wo Hannibal sich mit seinen Elefanten noch über die Pässe schleppen musste, stellen die Alpen nun erstmals kein Hindernis mehr dar. Züge werden ebenerdig hindurch rasen.
Es ist nicht das erste Schweizer Tunnelwunder: Seit 1882 gibt es eine Tunnelröhre für die Eisenbahn, seit 1980 einen 17 Kilometer langen Straßentunnel - beides schon Bauwerke von enormen Dimensionen. Von der 1830 freigegebenen Gotthard-Passstraße ganz zu schweigen. Wenn man allerdings nun in das Tunnelgewirr des neuen Gotthard-Basistunnels saust, bleibt einem fast das Herz stehen, so überwältigend sind die Ausmaße.
Die Züge sollen die beiden Röhren des dann längsten Tunnels der Welt mit bis zu 270 Stundenkilometern durchmessen können. Das heißt, ein Hochgeschwindigkeitszug bräuchte noch nicht einmal eine Viertelstunde, um den 57 Kilometer langen Tunnel hinter sich zu bringen. Geschwindigkeit und höchste Ingenieurskunst sind es, die das Projekt auszeichnen - vergleichbar mit dem Bau des Suez-Kanals, ebenfalls eine Revolution für den Verkehr. Mit allen Quer- und Verbindungsstollen misst das Tunnelsystem 152 Kilometer. Es könnte sogar schon ein Jahr früher, also 2016, in Betrieb genommen werden, so schnell kommen die Arbeiten voran.
Der Gotthard-Basistunnel wird nach seiner Fertigstellung alle anderen Riesentunnel der Welt deutlich übertreffen: den 53,8 Kilometer langen Seikan-Eisenbahntunnel zwischen den japanischen Hauptinseln Honshu und Hokkaido und den mit 24,5 Kilometern weltweit längsten Straßentunnel bei Laerdal in Norwegen. Die "Jahrhundert-Baustelle", wie Schweizer Medien das gesamte Projekt nennen, hat in den vergangenen 16 Jahren bereits rund zehn Milliarden Franken (7,5 Milliarden Euro) verschlungen - weitere neun Milliarden werden auf jeden Fall noch dazu kommen.
Was die Arbeiter - acht der 2500 haben seit dem ersten Spatenstich am 4. November 1999 ihr Leben verloren - bei rund 28 Grad im Tunnel - der wird gekühlt, sonst wären es über 40 Grad - leisten, ist kaum vorstellbar. Etwa 400 Meter lange Tunnelbohrmaschinen mit jeweils rund 60 Meißeln am Bohrkopf, der knapp zehn Meter Durchmesser hat, rücken dem Gestein mit je 25 Tonnen Druck zu Leibe. Netze aus Stahl decken die Wände ab, der Abraum wird auf Förderbändern nach hinten geschleust. Die 13 Millionen Kubikmeter Gestein, die aus dem Berg gebrochen werden, würden das Fünffache des Volumens der gewaltigen Cheops-Pyramide füllen oder einen gut gefüllten Güterzug, der von Zürich bis New York reicht.
Grafiken zum Tunnelbau (dpa)Palast ohne PrunkDer Durchschlag des Tunnels erfolgt mit hoher Genauigkeit und einer horizontalen und vertikalen Abweichung von lediglich einem Zentimeter. Dort wo das System bereits zu begehen ist, bietet sich ein atemberaubender Anblick. Man glaubt, in einem unterirdischen Palast - allerdings völlig ohne Prunk - zu sein. Ein- und Ausgang scheinen in unerreichbarer Ferne, nur gespenstisches Licht beleuchtet die Szenerie der Baumaschinen und die Grubenarbeiter mit ihren Helmen. Der Gedanke an die hunderttausenden Tonnen Gestein über dem Kopf bleibt präsent.
Sind erst einmal die fast 230 Kilometer Schienen verlegt, sollen täglich 300 Personen- und Güterzüge durch den Tunnel brausen. Die Reise von Zürich nach Mailand dauert dann noch zwei Stunden und 40 Minuten - eine Stunde weniger als jetzt. Auch die Güterzüge legen an Tempo zu. Sie werden mit bis zu 160 Stundenkilometern verkehren, doppelt so schnell wie derzeit. Zum Vergleich: Durch den bereits 1882 eingeweihten und nur 15 Kilometer langen Gotthard-Scheiteltunnel bewegt sich nur ein Bruchteil davon - mit einer wesentlich geringeren Geschwindigkeit.
Der neue Gotthard-Tunnel ist der wichtigste Teil der neuen Eisenbahn-Alpentransversale, kurz NEAT, den die Schweiz allein geplant und finanziert hat, um ihr verstopftes Straßennetz und natürlich die wunderschöne Bergwelt zu entlasten - obwohl ganz Europa, vor allem natürlich die EU, wirtschaftlich davon enorm profitieren wird. Insgesamt besteht die Alpendurchquerung aus mehreren Tunneln. Neben dem Gotthard-Basistunnel wird auch der Ceneri-Tunnel im Tessin gebaut, der 2019 fertig sein soll. Die Auslastung des bereits bestehenden Lötschberg-Basistunnels liegt im Durchschnitt bei fast 80 Prozent.
Und nun also der wichtigste Durchstich. Der erste Durchschlag soll in der östlichen der beiden Röhren gefeiert werden, die rund 40 Meter auseinanderliegen und alle 312,5 Meter mit Querstollen verbunden sind. Die Durchschlagsstelle ist 27 Kilometer vom Nordportal in Erstfeld im Kanton Uri und 30 Kilometer vom Südportal in Bodio im Kanton Tessin. Sie liegt 2500 Meter unter dem Gipfel des Piz Vatgira, der 2983 Meter hoch ist und oberhalb der Lukmanierpassstraße liegt.
Allerdings: Ein kleines Loch gibt es bereits, und es zog auch schon frische Luft durch den Berg. Sechs Zentimeter ist die Öffnung groß, die Bergleute aus Sedrun in Graubünden zu ihren Kumpeln aus Faido im Tessin bohrten. Ihr Zweck: Das Kabel für die Liveübertragung der Durchschlags-Feier am 15. Oktober soll hindurch gesteckt werden.
Quelle: dpa , AFP , je
Frank schrieb:
am 14. Oktober 2010 um 18:01:44
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Es ist des Menschen Glück...
solche Projekte verwirklichen zu können. Klar kann man gegen alles sein was Geld kostet. Für die Menschen im
Mittelalter waren es unvorstellbare Summen, die den Bau des Peterdoms ausmachten. Was wäre wenn es für alles Volksentscheide gäbe ? Wir hätten Heute nichts zu bewundern. Klar Kosten große Projekt Geld - man muss halt auch Konsequent gegen Betrüger und Abzocker vorgehen. Es ist keine Lösung nichts zu bauen, das ist gegen unsere Natur - man muss halt den Einklang mit der Natur dabei finden.
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Politikus schrieb:
am 14. Oktober 2010 um 17:30:02
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Gotthard-Tunnel
Welch unsäglichen - um nicht zu sagen dämlichen - Vergleiche mit S 21. Und ob die Schweizer (übrigens nach
Volksabstimmung) dies heute wieder so machen würden ist zumindest fraglich.
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Charly schrieb:
am 14. Oktober 2010 um 16:55:19
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Gotthard-Tunnel
In Deutschland gibt es eine Spezies die sich Umweltschützer oder Grüne
nennt . Für diese Typen ist eines wichtig: wir
sind gegen Alles was nicht von uns
in Szene gesetzt worden ist !!! (Stuttgart 21,Hamburg Schnellstrasse ,
Wuppertal Nordbahntrasse ) Hauptsache: Protest ,Krawall , Polemik ,Verhindern !!!
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