
02.02.2012, 10:42 Uhr | Von Viktoria Kleber, Kairo
Mehr als 70 Tote, mindestens tausend Verletzte. Das ist die Bilanz einer blutigen Schlacht im Fußballstadion der ägyptischen Stadt Port Said. Augenzeugen berichten von einer regelrechten Menschenjagd, Fans sollen zu Tode gehetzt und zertrampelt worden sein.
Schon kurz nach dem Exzess am Mittwochabend gingen in Kairo und Port Said Hunderte Demonstranten auf die Straße. Ihr Vorwurf: Die Gewaltorgie sei geplant gewesen, die Hintergründe seien politisch.
Bisher steht fest: Nach Abpfiff des Spiels stürmten die Anhänger des Heimclubs Al-Masri das Spielfeld, gingen auf Spieler und Fans der gegnerischen Mannschaft Al-Ahly los, schlugen auf sie ein, zertrampelten sie. Tatsächlich stammen die meisten Toten aus den Reihen von Al-Ahly. Viele von ihnen sind Ultras, sie gelten als das Herzstück der Fangemeinde. Eben jene Ultras sind seit Beginn der Revolution vor einem Jahr auch politisch aktiv - gegen Mubarak und das altes Regime. Sie sind jung, gut trainiert, bezeichnen sich selbst als die Speerspitze der Revolutionsbewegung. War die Gewalt im Fußballstadion also wirklich politisch motiviert?
Als die Aktivisten auf dem Tahrir-Platz vor einem Jahr von Mubaraks Polizei und deren Schergen angegriffen wurden, waren es die Ultras, die sich vor die Revolutionäre stellten, sie beschützt haben. "Sie haben den Tahrir-Platz gesichert", sagt die Aktivistin Rana Gaber. "Ohne sie wäre vieles noch blutiger ausgegangen."
Ein Drama mit vielen Opfern: Zum Ende einer Partie im ägyptischen Port Said kam es zu gewalttätigen Unruhen auf den Rängen und dem Feld. zum Video
Auch bei den Ausschreitungen Ende vergangenen Jahres kämpften die Ultras stets in erster Reihe, Seite an Seite mit den Aktivisten. Sie sind straff organisiert, fürchten die brutale Gewalt der ägyptischen Polizei nicht. Viele haben ihr Leben für die Revolution gelassen.
"Das ist die Rache der Revolutionsgegner an uns", sagt Mahmoud Abol Fotouh, ein Al-Ahly-Ultra aus Kairo. Und auch Al-Ahly Spieler Mohamed Aboutrika ist sich sicher, dass das Massaker geplant war. "Das ist kein Fußball, das ist Krieg", sagt er im clubeigenen Fernsehkanal. Es habe keine Sicherheitskräfte und keine Krankenwagen gegeben.
Gewöhnlich gibt es in Ägypten beim Einlass ins Stadion strikte Sicherheitskontrollen. Doch Augenzeugen zufolge fanden Kontrollen am Mittwochabend nur vereinzelt statt. Stattdessen sei ein Großteil der Polizei, die üblicherweise als letzte das Stadion verlässt, frühzeitig abgezogen. Die übrig gebliebenen Polizisten eilten niemandem zur Hilfe, schauten bei der Menschenhatz zu.
Auch der Gouverneur von Port Said war beim Fußballspiel nicht anwesend - zum ersten Mal in der Geschichte. Eigentlich ist solch ein Match für den Gouverneur Ehrensache. Denn was Bayern München in Deutschland ist, ist Al-Ahly in Ägypten: der beliebteste Fußballclub. Schon 37-mal hat Al-Ahly den Meistertitel geholt, seit 2005 sieben Mal in Folge. Jedes Mal, wenn Al-Ahly aus Kairo gegen Al-Masri in Port Said spielte, waren der Gouverneur und dessen Polizeichef vor Ort. Am Mittwoch nicht. Der Polizeichef verließ bereits in der Halbzeit das Stadion, der Gouverneur erschien erst gar nicht zum Spiel. Es scheint, als hätten sie gewusst, welches Massaker sich am Abend abspielen sollte.
Der Parlamentarier Amr Hamzawy forderte auf Twitter bereits den Rücktritt von Innenminister Mohamed Ibrahim und den Abgang des Gouverneurs von Port Said. Eine Sondersitzung des Parlaments wurde für Donnerstagvormittag einberufen.
In der Zwischenzeit hat der Chef des Militärrats, Mohammed Hussein Tantawi, in einer Rede am Mittwochabend die Revolutionäre für die Ausschreitungen verantwortlich gemacht. "Die Ägypter wissen, wer dahinter steckt, und die Menschen sollten nicht tatenlos zusehen."
Alle Fußballspiele wurden abgesagt, drei Tage wird in Ägypten nun getrauert. Das Massaker an den Al-Ahly-Fans trifft nicht nur die Fußballszene hart, das ganze Land steht unter Schock. Und der Revolutionsbewegung fehlt nun ein Teil ihrer Beschützer. "Wir Aktivisten werden mit allen Mitteln bekämpft", sagt Rana Gaber.
Der Militärrat jedoch profitiert von den Unruhen. Erst vergangene Woche, zum Jahrestag der Revolution, hat Feldmarschall Tantawi das Notstandsgesetz eingeschränkt. Durch das Notstandsgesetz können Aktivisten und Regimekritiker grundlos festgenommen, vors Militärgericht gestellt werden. Die Revolutionäre vom Tahrir fordern die Abschaffung des Gesetzes schon lange. Durch die Unruhen im Fußballstadion hat der Militärrat eine neue Begründung gefunden, dass Notstandsgesetzt wieder voll in Kraft zu setzten, seine Kritiker mundtot zu machen. Ein Weg, um sich länger an die Macht zu klammern.
Zudem finden seit dem Jahrestag der Revolution vergangene Woche fast täglich Märsche und Demonstrationen gegen den Militärrat statt. "Mit neuer Gewalt kommt neue Angst", sagt die Aktivistin Rana Gaber. "Der Militärrat will uns vom Demonstrieren abhalten und von den aktuellen Problemen ablenken."
Vereinigt hat sich zumindest die Fußballszene in Kairo. Die Ultras des Clubs Zamelek, ansonsten Erzfeinde von Al-Ahly, haben sich mit Al-Ahly solidarisiert, manche von ihnen sind noch am Abend nach Port Said gefahren.
So viel Blut, so viel Gewalt, wird Al-Ahly kaum vergessen. "Wir Ultras lassen so etwas nicht auf uns sitzen", sagt Mahmoud Abol Fotouh. Ein offizielles Statement der Ultra-Al-Ahlys fordert: "Wir wollen den Kopf des Feldmarschalls."
Quelle: Spiegel Online
Gerd schrieb:
am 2. Februar 2012 um 18:57:08
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Der Militärrat wird seine
Macht offenbar niemals freiwillig aufgeben und auch den Ausnahmezustand niemals aufheben. Beim nächsten Mal
schickt der Militärrat eben keine Killertruppe in ein Stadion, sondern legt selber irgendwo ein paar Bomben und begründet damit die Verlängerung des Ausnahmezustands.
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Sylvia schrieb:
am 2. Februar 2012 um 18:39:00
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Fussballspiel in Ägypten
Wenn die Fakten stimmen, dann ist dies ganz sicher ein gezielter Anschlag auf die neuen revolutionären Kräfte in
Ägypten. Ein Skandal ohne gleichen. Ich hoffe sehr, dass dies nicht zu neuen blutigen Unruhen führt.
Wie krank müssen die alten Machthaber bei Miliär sein, dass sie vor solchen Methoden gegen die eigenen Mitbürger nicht zurückschrecken. Alle Staaten sollten sich hier kritisch äußern und Druck auf die versteckten Drahtzieher ausüben. Ich hoffe, die Ägypter lassen sich nicht entmutigen.
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Konstruktiv schrieb:
am 2. Februar 2012 um 18:14:24
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@Beobachter
Hi Beobachter, Sie beobachten nicht, Sie interpretieren absichtlich oder bösartig falsch. "Wir wollen den Kopf von..."
ist eine Redewendung. Wird auch hierzulande benutzt, wenn man fordert, dass jemand abdankt. Das Sie dies als Forderung nach Lynchjustiz auslegen, spricht gegen SIE, nicht gegen die Ultras.
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