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George W. Bush: Denkmal für eine Hassfigur

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Denkmal für eine Hassfigur

09.11.2010, 14:30 Uhr | Gregor Peter Schmitz

George W. Bush war über seine beiden Amtszeiten hinweg ein umstrittener Präsident. (Foto: AP)

Seine Präsidentschaft spaltete die Welt, er war verhasst wie kaum einer seiner Vorgänger - doch sein Selbstbild ist intakt. Nach zwei Jahren Schweigen meldet sich George W. Bush mit seinen Memoiren zurück. Der 64-Jährige tut alles, um der Welt als schneller Entscheider im Gedächtnis zu bleiben.

Eigentlich muss man sich den älteren Herrn als einen glücklichen Menschen vorstellen. Er war Chef einer ziemlich riesigen Organisation, vor rund zwei Jahren ist er in den Ruhestand gegangen. Zum Abschied gab es eine große Feier. Mit seiner Frau ist er in den Süden gezogen, die Kinder sind aus dem Haus, Baseball schaut er gerne, bei den Spielen hat er einen guten Platz weit vorne. Manchmal spricht er noch vor Leuten über seine Arbeit von früher, die klatschen dann und zahlen gar, um seinen Einsichten zu lauschen.

Im Prinzip könnte es ewig so weitergehen. Geht aber nicht. Der ältere Herr, George W. Bush ist sein Name, war bis 2009 US-Präsident. Und Präsidenten gehen heutzutage nicht einfach in Rente. Sie müssen weitermachen, immer weiter. Wenn sie nicht mehr Präsident sind, müssen sie das Präsidentenvermächtnis wahren. Ein Denkmal bauen, in eigener Sache.

Also kann auch Bush, 64, nicht einfach in seiner Heimat Texas bleiben und Baseball schauen. Er muss quer durchs Land hetzen, um seine Memoiren vorzustellen. "Decision Points" heißen sie, Momente der Entscheidung, schon wenige Tage nach Beginn seiner Politrente soll er mit dem Schreiben begonnen haben. 497 Seiten sind sie lang - ganz schön viel, wenn man bedenkt, dass er im Amt Fan betont kurzer Memos war.

Noch ist Bushs Buch nicht offiziell erschienen, ab Dienstag wird es zu kaufen sein. Aber ein paar Journalisten haben natürlich Exemplare ergattert, sie verbraten schon einige saftige Details. Etwa, dass Bush erwog, seinen Vize Dick Cheney zu feuern, weil der so unbeliebt geworden war im Volk - doch am Ende war Bush die Freundschaft mit ihm doch wichtiger. Oder dass Bush die Wasserfolter für den mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 persönlich unterstützte ("Damn, yes").

Der Politrentner steht wieder mitten im Scheinwerferlicht

Dazu gesellen sich Erinnerungen, die etwas weniger bedeutend sind, aber sicher gern gelesen werden: Wie Bush in seinen Trinkerjahren am elterlichen Abendbrottisch eine reifere Dame fragte, wie Sex eigentlich so sei mit über 50. Dass er, kaum in Texas im Ruhestand, das Geschäft seines Hundes auf dem Grundstück des Nachbarn eigenhändig beseitigen musste, es gab niemanden mehr, der so etwas für Bush übernahm.

Bushs Startauflage liegt bei 1,5 Millionen Exemplaren, am Erscheinungstag tritt er als Stargast bei Talk-Legende Oprah Winfrey auf. Schon zuvor äußerte sich der Ex-Präsident mit Blick auf die Veröffentlichung, etwa zum Irak-Krieg. Er habe damals "wirklich keine Zweifel" daran gehabt, dass der irakische Diktator Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfügt habe, sagte Bush in einem Gespräch mit dem US-Fernsehsender NBC, das am Montagabend ausgestrahlt wurde. Es habe ihn schockiert und verärgert, dass letztlich keine solcher Waffen im Irak gefunden worden seien.

Bush gestand ein, "gelegentlich" Fehler gemacht zu haben, bezeichnete seine wichtigsten Entscheidungen überwiegend als richtig. Er hoffe, dass seine Präsidentschaft als Erfolg in die Geschichte eingehen werde. Zudem rechtfertigte er vorab die Anwendung der umstrittenen Waterboarding-Folter bei Terrorverdächtigen. Durch die Befragungsmethode des simulierten Ertrinkens seien auch tödliche Anschläge in Großbritannien verhindert worden, sagte Bush der britischen Zeitung "The Times". Konkret seien geplante Attentate auf den Londoner Flughafen Heathrow und den Bürokomplex Canary Wharf im Zentrum der britischen Haupstadt enttarnt worden.

Er musste mit ansehen, wie die Welt Obama zujubelte

Bush auf allen Kanälen - eigentlich hatte er ja andere Pläne. Als er noch im Weißen Haus residierte, gab er einem Journalisten ein paar verblüffend offenherzige Interviews, und darin redete er auch über die Zeit danach. "Ich kann mir einfach vorstellen, das Auto zu nehmen, mich ein bisschen zu langweilen - und zur Ranch zu fahren", sagte er. Er äußerte offenes Unverständnis über Politik-Junkies wie Bill Clinton, den er neulich in der Lobby der Vereinten Nationen getroffen habe. "Glauben Sie mir", sagte Bush seinem Interviewer eindringlich, "in sechs Jahren werden sie mich dort nicht treffen".

Es klang wie ein ehrliches Sehnen nach Privatheit, nach Ruhe, und man konnte sich gut vorstellen, dass Bush ein solches Leben ganz ohne Politik sehr zusagen würde. Schließlich gab es auf seiner Ranch in Texas viele Äste zu sägen.

Aber so läuft es eben nicht mehr. So lief es auch nicht bei Bushs Vorgängern im Amt. Richard Nixon, aus dem Amt gejagt wegen des Watergate-Skandals, meldete sich verbissen zurück als außenpolitischer Vordenker, er schrieb viele dicke Bücher. Jimmy Carter, nach einer Amtszeit als liberales Missverständnis abgewählt, müht sich als humanitärer Friedenspolitiker in aller Welt und bekam dafür den Friedensnobelpreis. Den hätte auch Bill Clinton gerne. Bisher schaffte er es immerhin, durch zähe Wohltätigkeitsarbeit wieder der offiziell beliebteste Politiker der USA zu werden.

In diese Riege von Denkmalbauern in eigener Sache fügt Bush sich nun ein, der viel gehasste. Er wurde bei einer Pressekonferenz im Irak mit einem Schuh beworfen, er musste mit ansehen, wie die Welt Barack Obama zujubelte - der vor allem ins Amt kam, weil er versprach, so gut wie alles anders als Bush zu machen.

Kann so einer ein Comeback schaffen? "Decision Points" spiegelt wider, wie sich Bush liebend gerne selber sah: als der große "Decider", der Mann der schnellen klaren Entschlüsse. Es geht um das, was Amerikaner als Leadership verehren - das Richtige tun, auch wenn es unpopulär ist. Glaubt man Bush, hat er ziemlich viel richtig gemacht, in seinem Leben und im Amt. Mit dem Trinken aufgehört oder Saddam Hussein aus dem Amt gejagt und die Welt damit zu einem besseren Ort gemacht - trotz Fehlern bei Planung und Ablauf der Irak-Invasion, wie Bush nun eingesteht. Und natürlich: Amerika sicherer gemacht im Kampf gegen die Terroristen.

Freiheit fördern und die Heimat verteidigen. Das ist das Mantra seiner Präsidentschaft, es ist der Satz, um den Bush sein Andenken ordnen will - und in "Decision Points" ist es zwischen zwei Buchdeckel gepresst.

"In ein paar Jahrzehnten", schreibt Bush, "werden die Leute mich hoffentlich als einen Präsidenten sehen, der die wichtigste Herausforderung unserer Zeit erkannte und seinen Eid erfüllte, für die Sicherheit des Landes zu sorgen".

Honorar von mehreren Millionen Dollar

Das ist aus Historikersicht nicht einmal ausgeschlossen, aber denken so auch die Zeitgenossen? Die kommenden Wochen werden darüber Aufschluss geben. Zum ersten Mal stellt Bush sich nun wieder Fragen und möglichen Demonstranten. Seit seinem Abschied aus dem Weißen Haus hat er fast nur Reden vor handverlesenem und gewogenem Publikum gehalten, gegen horrendes Honorar.

Manche US-Politbeobachter glauben, die Stimmung habe sich gedreht, nun, da die Amerikaner auch über Bushs Gegenentwurf im Amt - dem kühlen Intellektuellen Obama - offen maulen. Außerdem organisierten Bushs wichtigste Strippenzieher wie Chefstratege Karl Rove gerade das Comeback von dessen Republikanern bei den Kongresswahlen.

Doch wünscht Amerika sich deshalb wirklich Bush zurück?

Wohl kaum. In Umfragen machen noch immer viele Amerikaner ihn für ihre aktuelle Malaise verantwortlich. Die Chancen für ein echtes Comeback sind niedrig, Bushs Leadership-Prosa hin oder her.

Daher überrascht fast, dass der Ex-Präsident sich dem Rummel aussetzt. Er wirkte ja nicht gerade besessen davon, von jedem geliebt werden zu wollen, anders als die Lebenslangpolitiker Nixon oder Clinton. Vielleicht war das sein sympathischster Zug. Bush schien auch nicht besessen, die alten Schlachten weiter zu schlagen, wie Vize Cheney, der Obama immer noch laufend vorwirft, er halte das Land nicht sicher.

Vielleicht aber war ein anderes Motiv einfach stärker, ein recht schnödes. Als Bush noch im Weißen Haus saß, gab er auch unumwunden zu, was ihn auch antreiben werde als Politrentner - den eigenen Kontostand aufzubessern.

Er ist auf dem besten Weg. Das Honorar für "Decision Points" beträgt etliche Millionen Dollar.


Quelle: dpa , Spiegel Online

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Kommentare (10)

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Thema: "George W. Bush: Denkmal für eine Hassfigur"

Gustav schrieb: am 9. November 2010 um 16:53:09
(0) (0) Alkoholiker?
Wie viele Menschen im Irak und Afghanistan könnten heute noch leben, wenn Bush j. mit dem Saufen einfach weitergemacht hätte,
damals bevor er sich selbst zum Abstinenzler machte?
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Wotan 2 schrieb: am 9. November 2010 um 15:29:59
(0) (0) Bush
Da will einer sein Gewissen erleichtern, jaja ich weiß schon, die Erde ist eine Scheibe! So ein schlechtes Gedächnis habe ich nun auch
nicht, um den Mist, ausgerechnet" Dem" zu glauben
mehr Kommentar melden

Klaus H. schrieb: am 9. November 2010 um 15:02:04
(0) (0) George W. Bush
so überflüssig dieses literarische Machwerk inhaltlich auch sein mag, die einzige interessante Frage in diesem Zusammenhang
bleibt leider unbeantwortet: wie heißt der Ghostwriter, der diesem "Fast-Analphabeten" die Feder geführt hat?
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