
18.11.2011, 16:34 Uhr | cib
Das Gamburzew-Massiv ist den Wissenschaftlern zufolge die Wiedergeburt eines viel älteren Gebirges (Grafik: AFP)
Fjorde, Seen und sogar ganze Gebirgsketten: Unter dem ewigen Eispanzer der Antarktis liegen verborgene Welten. Eine von ihnen ist das Gamburzew-Massiv, das den Alpen verblüffend ähnelt. Geologen haben jetzt das Rätsel gelöst, woher die Geisterberge kommen - sie sind eine Wiedergeburt.
Die Bergspitzen sind fast so hoch wie die höchsten Gipfel der Alpen, die Täler dazwischen tief eingeschnitten. Und doch ist all das unsichtbar: Das mehr als tausend Kilometer lange Gamburzew-Gebirge in der Antarktis liegt vollständig unter dem dicken Eispanzer verborgen, der große Teile des Südkontinents bedeckt. Seit gut 50 Jahren ist bekannt, dass die Formation existiert. Doch erst vor zwei Jahren war es Forschern gelungen, die verborgenen Geisterberge überhaupt genauer auszumessen.
Dass das Massiv vergleichsweise jung sein muss, hatten die Wissenschaftler bereits nach der ersten Vermessung vermutet. Jetzt hat das Forscherteam aus Großbritannien, den USA, Deutschland, Australien, Japan und China die riesigen Datenberge ausgewertet, die sie beim Antarctica's Gamburzew Province Project (AGAP) vor zwei Jahren gesammelt hatten. Ihre Schlussfolgerung: Das Gamburzew-Massiv ist die Wiedergeburt eines viel älteren Gebirges. Das Geistergebirge, so ist es im Wissenschaftsmagazin "Nature" nachzulesen, ist demnach aus erodierten Gebirgsruinen auferstanden, die ihrerseits bereits vor 1,7 Milliarden Jahren entstanden sein müssen.
Die Geologen schließen aus ihren Messungen, dass dieses Urmassiv durch die Kollision mehrerer Mikrokontinente aufgetürmt worden sein muss. Im Laufe der Jahrmillionen erodierte das Gebirge aber. Hunderte Millionen Jahre später brachten kontinentale Grabenbrüche Bewegung in diese Bergruine - die Wiedergeburt des Gamburzew-Massivs.
Bisher hatten die Forscher über diese vergleichsweise junge Felsformation mit ihren tiefen Tälern, steilen Felswänden und hohen Spitzen gerätselt, denn das Alter des Massivs widersprach dem der Umgebung. Es liegt inmitten uralter Kratone, die als die Kernbereiche eines Kontinents gelten; in ihnen findet sich relativ ursprüngliche, seit langem unverändert gebliebene Erdkruste. Die neue Auswertung beantwortet nach Ansicht der Forscher erstmals die Frage, warum der Hunderte Meter dicke Eispanzer die steilen Bergspitzen nicht schon längst abgeschliffen hat.
Wichtigstes Instrument für die Messarbeiten des AGAP-Teams in der Eiswüste waren Flugzeuge mit kraftvollen Radargeräten. Bei 110 Messflügen legten die Forscher zusammen rund 120.000 Kilometer zurück und vermaßen etwa ein Fünftel der gesamten Antarktis.
Vor rund 14 Millionen Jahren erreichte die Vereisung der Antarktis ihren Höhepunkt: Der Kohlendioxidanteil in der Erdatmosphäre sank drastisch, die Temperaturen in der Zentralantarktis fielen um durchschnittlich acht Grad Celsius. Die Folge: Das mehr als tausend Kilometer lange Bergmassiv wurde komplett von Eis bedeckt - bis heute ragt kein einziger Gipfel aus der Eisfläche hervor.
Quelle: Spiegel Online
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