
30.08.2011, 12:15 Uhr | Von Nina Weber
Eine wissenschaftlich exakte Nachbildung einer Neandertalerin im Neanderthal-Museum bei Mettmann. (Quelle: dpa)
Die frühen modernen Menschen paarten sich nicht nur mit den Neandertalern, sondern auch mit Denisova-Menschen in Asien. Durch die archaischen Vettern gelangten neuen Forschungen zufolge hilfreiche Genvarianten in unser Erbgut.
Vor etwa 30.000 Jahren sind die Neandertaler ausgestorben. Doch ihr Erbe besteht bis heute und wird von Generation zu Generation weitergegeben - im Genom vieler Menschen. Ebenso hat ein anderer enger Verwandter, der Denisova-Mensch, seine Spuren ins Erbgut heute lebender Menschen gezeichnet.
Zwischen zwei und sieben Prozent des Genoms von Europäern und Asiaten stammen von den frühmenschlichen Vettern, schätzen Forscher. Seit das Erbgut beider verwandter Arten entziffert wurde, gilt es als erwiesen, dass sich frühe moderne Menschen mit Neandertalern und Denisova-Menschen paarten.
Jetzt hat ein internationales Forscherteam einen besonderen Satz von Genen untersucht, den sich unsere Vorfahren so angeeignet haben könnten: neue Varianten der sogenannten HLA-Gene.
Durch die Paarung mit anderen Frühmenschen-Arten verbesserte sich demnach das Immunsystem von Homo sapiens, berichten die Wissenschaftler um Laurent Abi-Rached von der kalifornischen Stanford-Universität im Fachmagazin "Science".
HLA-Gene spielen eine entscheidende Rolle bei der Immunabwehr, also dabei, wie effektiv der Körper Eindringlinge wie Viren erkennt und zerstört. Ein Beispiel: HIV-infizierte Menschen mit einer HLA-Variante namens B57 erkranken meist auch ohne Therapie nicht an der Immunschwächekrankheit Aids.
Es gibt eine ganze Reihe von HLA-Genen und zahlreiche Varianten, was gewährleistet, dass Menschen möglichst flexibel auf Krankheitserreger reagieren können. Andererseits erschwert es Transplantationen, denn Unterschiede im HLA-Muster sind es, die Abstoßungsreaktionen des Körpers gegen eine eingepflanzte Niere, Leber oder Lunge hervorrufen.
Bereits vor der Entschlüsselung des Genoms von Neandertaler und Denisova-Mensch war bekannt, dass bestimmte HLA-Varianten in manchen Regionen der Welt deutlich häufiger waren als in anderen. HLA-A*11 etwa ist bei Afrikanern gar nicht zu finden, bei Menschen in Ostasien und Ozeanien dagegen sehr häufig.
Abi-Rached und seine Kollegen folgern nun, dass diese Gen-Variante vom Denisova-Menschen stammt. Sie müsste einen klaren Vorteil für den modernen Menschen gehabt haben, sagt Peter Parham von der Stanford University, der die Studie leitete. Das würde erklären, warum diese Variante heute so häufig zu finden ist.
Tatsächlich bietet HLA-A*11 einen besseren Schutz gegen einige Stämme des Epstein-Barr-Virus, das das Pfeiffersche Drüsenfieber auslösen kann und mit einigen Krebserkrankungen in Verbindung gebracht wird.
Die Grundidee ist einleuchtend: Der moderne Mensch verließ Afrika erst vor rund 65.000 Jahren. In Asien und Europa traf er auf seine frühmenschlichen Vettern, die dort bereits seit mehr als 200.000 Jahren lebten. Sie waren also weit besser an die Umgebungsbedingungen angepasst - und müssten daher auch über andere, in dieser Umwelt hilfreiche HLA-Varianten verfügt haben.
Die Kreuzungen von Homo sapiens mit Denisova-Menschen oder Neandertalern haben sich positiv auf die Überlebensfähigkeit der Nachkommen ausgewirkt, meint Parham.
Andere Forscher kommentieren die Studie mit Interesse. Es sei der erste Hinweis, dass von anderen Frühmenschen stammende Merkmale möglicherweise einen Vorteil für den modernen Menschen brachten, sagt Svante Päabo vom Max-Plack-Institut für evolutionäre Anthropologie in "Science" - sein Team hatte vergangenes Jahr das entzifferte Neandertaler-Genom präsentiert.
Vollkommen überzeugt von Parhams Schlussfolgerungen sind allerdings nicht alle. David Reich, ein an der Harvard University forschender Genetiker, gibt zu bedenken, dass es noch andere mögliche Erklärungen dafür gibt, warum die HLA-Varianten auf der Welt unterschiedlich verteilt seien. Parhams Team hätte diese alternativen Modelle nicht ausschließen können.
Quelle: Spiegel Online
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