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Gegen den Schlussstrich

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Gegen den Schlussstrich

29.01.2008, 14:21 Uhr | Ein Interview von Jan Eger

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T-Online:Mit Ihren Veröffentlichungen aus diesem Netzwerk stoßen Sie immer wieder auf eine für historische Bücher große Resonanz. Ein Buch, mit dem Sie vor gar nicht langer Zeit auf großes Interesse gestoßen sind, ist der schon erwähnte Titel „Hitlers Volksstaat“ von Götz Aly …

Walter Pehle: … ja, das war 2005 das am meisten besprochene historische Buch des Jahres. Wenn man die Besprechungen alle abheften würde, käme man mit drei Leitz-Ordnern gerade so hin. Götz Aly hatte mit seinem Buch völliges Neuland betreten, was viele provoziert und auch zu Widerspruch veranlasst hat. Das war eine Auseinandersetzung, die breiter kaum hätte geführt werden können. Unter dem Strich sind Alys Ergebnisse bestätigt worden.

T-Online:Freut Sie das, wenn ein Buch eine solch breite Reaktion hervorruft? Auch wenn vielleicht nicht alle, die mitdiskutieren, das Buch so genau gelesen haben?

Walter Pehle:  Ja, klar. Das war im Grunde genommen der Idealfall. Wenn ich zum Beispiel auf einer Party mit lauter Juristen eingeladen bin, dann gibt es da immer jemanden, der das Buch gelesen hat. Wir haben damit offensichtlich ein interessiertes, breites Publikum erreicht, nicht nur die Fachwissenschaft und die Studenten - was sich auch in den Verkaufszahlen niedergeschlagen hat: rund 50.000 Exemplare.

Das ist großartig und hat mich auch ermuntert fortzufahren und diesen ewig vorgetragenen Wünschen nach einem Schlussstrich entgegenzutreten.

Wer mit dem Schlussstrich kommt, dem halte ich entgegen: Unter die Geschichte des Mittelalters zum Beispiel würde niemand einen Schlussstrich ziehen wollen. Darüber werden immer wieder neue Werke aufgelegt, ohne dass sich jemand daran stößt. Aber ausgerechnet beim Thema Nationalsozialismus, also bei der größten politischen und moralischen Pleite, die Deutschland zu verzeichnen hat, da soll plötzlich ein Schlussstrich her ...

Ich möchte mit den Büchern der Schwarzen Reihe eine Breitenwirkung erzielen. Ich möchte Lehrer erreichen, die den Stoff im Unterricht einsetzen. Ich möchte Journalisten bewegen, darüber zu berichten. Natürlich möchte ich auch die Wissenschaft erreichen, weswegen die Bücher gut redigiert und inhaltlich fundiert sein müssen - aber das reicht mir nicht. Ich möchte eine große Gruppe von Menschen erreichen, damit das Thema Nationalsozialismus nicht von der Bildfläche verschwindet.

In meiner Generation ist diese Gefahr nicht so groß, aber ich möchte auch jüngere Menschen dafür interessieren und das Thema aus der einen Generation in die nächste heben. Die jüngeren Menschen müssen wissen, was damals geschehen ist, um vor Versuchungen gefeit zu sein, die heute immer wieder hochzüngeln.

T-Online:Der zeitliche Abstand junger Menschen zum Nationalsozialismus wird immer größer, wie kann man das Interesse an dem Thema wach halten?

Walter Pehle: Die große Gruppe der jugendlichen Leser ist für uns eine wichtige Zielgruppe - das wiederhole ich gebetsmühlenartig. Obwohl mir bewusst ist, dass unter jungen Leuten inzwischen eine Art Häppchen-Kultur - im Studium lebt man von Fotokopien, von kurzen Aufsätzen, von Wikipedia-Einträgen - sehr verbreitet ist. Das betrübt mich, weil Studenten oder Studentinnen bei dieser Art des Informierens der vollständige Weg der Forschung und zum Argument verschlossen bleibt.

Das gab es früher, als wir studiert haben, sicher auch - aber ich glaube doch, dass wir einfach mehr gelesen haben. Es gibt heutzutage sehr viele Bücher, aber ich bin manchmal skeptisch, ob tatsächlich auch mehr gelesen wird.

Ein wichtiger Punkt ist die Tatsache, dass die Zeitzeugen sterben. Ich bin eigentlich vom Ansatz her ein Strukturalist, der sich nicht so sehr für einzelne Menschen interessiert, sondern für historische Zusammenhänge - deshalb haben wir erst relativ spät, 1991, angefangen, Zeitzeugen ins Boot zu holen. Unter der Herausgeberschaft von Wolfgang Benz vom Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin betreiben wir seitdem die Unterreihe "Lebensbilder, jüdische Erinnerungen und Zeugnisse" - aus zwei Gründen.

Zum einen: Wenn man über den Nationalsozialismus spricht und über die Konzentrationslager spricht, dann fällt einem schnell das Abbild des Juden ein, den die Nazis als "Muselmann" bezeichnet haben: ausgemergelte Gestalten, abgemagert bis auf die Knochen und kaum noch lebensfähig. Dass die Juden aber Menschen wie wir alle waren, anständige Berufe ausübten, sich anstrengten, ihre Familien durchbrachten, verantwortungsvolle Posten innehatten - stockkonservativ, angepasst oder linksradikal waren - diesen Blick möchte ich dem Bild des "Muselmann" entgegensetzen.

Der zweite Grund: Wir wollen mit der Reihe "Lebensbilder" zeigen, dass Juden nicht nur Objekte des historischen Geschehens waren, sondern auch handelnde Subjekte, mit eigener Würde, eigenen Ideen, eigenen Visionen. So arbeiten wir mit dieser Reihe an der Wiederherstellung eines normalen Bildes von "normalen" Juden.

Die Menschen, die in der Lebensbilder-Reihe schreiben, berichten über ihr Schicksal in der Zeit des Nationalsozialismus. Mir ist natürlich völlig klar, dass da Überlebende schreiben. Die riesige Mehrzahl der jüdischen NS-Opfer kann nicht mehr berichten, sie sind tot.

Deswegen muss ich die Berichte von Überlebenden auch besonders lesen. Denn auch dort gibt es Irrtümer und Legenden, die wir erkennen und korrigieren müssen.

Gerade haben wir den 25. Band dieser Reihe herausgebracht: von Rachel Margolis aus Litauen, die von ihrem Leben als junge Partisanin in Wilna erzählt: jüdischen Partisanen, die im Untergrund gelebt und gegen die Nazis gekämpft haben. Sehr interessant: Der Begriff des Partisanen wird da für mich ganz neu besetzt. Wenn ich alte Soldaten reden höre, dann waren dies kriminelle Personen, die aus dem Hinterhalt geschossen haben. Das haben sie sicher auch tun müssen - aber tatsächlich waren es ganz normale, sehr kluge Leute, die im Untergrund versucht haben zu überleben. Mann muss sich das buchstäblich vorstellen: Sie hatten sich jahrelang im Wald eingegraben, unterhielten dort unter der Erde Krankenstationen, Theater und Schulen - ein Jerusalem im Untergrund.

Bei Margolis entstehen vor uns Bilder von handelnden Juden, die überlebten, weil sie sich gewehrt haben.

Als Hitler 1933 an die Macht kam, haben viele Juden - wie viele andere auch - gedacht, das wird bald vorübergehen. Kaum jemand hat erkannt, was da geschehen würde. Das änderte sich erst nach der sogenannten Reichskristallnacht (ein Nazi-Unwort), dem Pogrom gegen die Juden im November 1938. Viele Juden wanderten erst danach aus, zum Teil mit letzter Kraft, in letzter Sekunde.

Die Entscheidung, die Heimat zu verlassen, ist allen schwergefallen. Viele wussten zum Beispiel nicht, wohin sie gehen sollten. Es war ja nun nicht so, dass das Ausland auf die Fliehenden gewartet hätte. Antisemitismus gab es in anderen Ländern auch. Auf der Konferenz von Evian im Jahre 1938 waren zwar Einwanderungsquoten festgelegt worden: also welches Land wie viele Juden aufnehmen sollte. Diese Quoten wurden aber nicht ausgeschöpft. Das war und ist ein Skandal. Die Juden als größte Gruppe der Verfolgten hatten extrem schwierige Probleme zu bewältigen.

Mit den Lebensbildern wollen wir insbesondere Lehrer erreichen. Im Unterricht wird immer das Tagebuch der Anne Frank gelesen, was ja auch in Ordnung ist. Aber es gibt eben inzwischen auch viele andere Berichte, von denen es etliche mit Anne Franks Tagebuch auch in qualitativer Hinsicht aufnehmen können.

Um Schüler zu erreichen, achten wir darauf, dass 220 Seiten nicht überschritten werden. Ich weiß, wie wenig Zeit Schüler und Studenten haben. Deshalb müssen sie überschaubar und spannend zugleich sein.

Ich denke da zum Beispiel an das bewegende Buch von Richard Glazar, "Die Falle mit dem grünen Zaun", das inzwischen leider vergriffen ist: ein Ungar, der über Treblinka schreibt, wie er von dort flieht und dann in Mannheim überlebt und das Ende des Krieges erlebt. Das ist ein ganz großes Buch.

Oder die Erinnerungen von Julius Wolfenhaut: "Nach Sibirien verbannt". Wolfenhaut konnte erst 1992 zurückkehren. Er stammt aus Czernowitz, jener multikulturellen Stadt von Paul Celan und Rose Ausländer, in der unterschiedliche Ethnien neben- und miteinander gelebt haben. Von dort hat die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg Tausende von Juden nach Sibirien deportiert. Man sieht hier die Verfolgung aus einer anderen Perspektive. Diese Menschheitsverbrechen wären so ohne den Hitler-Stalin-Pakt von 1938 nie geschehen.

Julius Wolfenhaut schreibt in wunderbarem Czernowitzer Deutsch - sein Buch ist in jeder Hinsicht preisverdächtig. Aber: Kein Mensch erkennt dies - zu meinem Ärger. Wolfenhaut war Ingenieur und ist einer von den Menschen, die niemals ein Buch geschrieben hätten. Autoren wie er hätten sich lieber mit ganz anderen Dingen beschäftigt, haben dann aber durch die politischen Umstände schreckliche Schicksale erleiden müssen - und darüber schreiben sie. Und oft wirklich großartig!

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