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Gaddafis Folterknast: Tag der offenen Tür in der Hölle

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Tag der offenen Tür in der Hölle

09.09.2011, 17:32 Uhr | Jonathan Stock, Spiegel Online

Die Tür zur Hölle - der Eingang in das Foltergefängnis Maktab al-Nasser in Tripolis (Quelle: dpa)

Die Tür zur Hölle - der Eingang in das Foltergefängnis Maktab al-Nasser in Tripolis (Quelle: dpa)

Einzelhaft, Verhöre, Misshandlungen - in Maktab al-Nasser verrichteten Muammar al-Gaddafis Schergen ihr grausames Geschäft, der Folterknast galt als der schlimmste im ganzen Land. Jetzt kommen die früheren Insassen zurück, besichtigen den Ort ihrer Leiden. Besuch mit einem Ex-Dschihadisten.

Mehr als vier Jahre hatte Herr Rajan sich geschworen, nicht zurückzukommen. Jetzt zögert er, diesen Gang entlangzugehen, hinter die dritte Tür auf der linken Seite zu schauen, Zellentür 15. Rajan flucht, er schimpft auf seinen Cousin Abdul, der ihn hierher gebracht hat.

Rückkehr an den Ort der Gefangenschaft

"Ich hab immer gesagt, ich werde nicht zurückkommen", sagt er. Und gleichzeitig bebt sein Körper. Er lehnt sich vor und zurück, als ob ihn seine alte Zelle abstößt und gleichzeitig anzieht. Dann geht er hinein.

Er ist das erste Mal zurück in Maktab al-Nasser, dem Folterknast von Tripolis, im Südwesten der Stadt. Im Januar 2007 war er zum letzten Mal hier, vor seiner Verlegung in ein anderes Gefängnis. Mehr als zwei Jahre saß er da schon im Gefängnis, ohne Gerichtsverhandlung, siebeneinhalb Monate davon in dieser Zelle.

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Eine Flasche zum trinken, eine zum Pinkeln

Etwa zwei Schritt lang, einen Meter breit, Betonboden. Eine Flasche zu trinken, eine Flasche zum Pinkeln. Und die ersten vier Monate hatte er keinen Koran, das sei das Schlimmste gewesen.

Am hinteren linken Ende klafft ein Loch in der Decke. Es ist die einzige Lichtquelle, nur ein schmaler, hoher Schornstein, man könnte gerade eine Hand hineinstecken. Herr Rajan reckt den Kopf nach oben, das Licht fällt auf sein Gesicht. Er verharrt, will nicht reden.

"Der schlimmste Ort von Tripolis"

"Jeden Tag habe ich mich nach der Sonne gesehnt", sagt er später, nur zur Mittagszeit fiel sie hinein. Manchmal habe er auch den Mond gesehen, das sei das Schönste gewesen, fast ein Fest.

Die Menschen, die außer Rajan hier durch die Gänge streifen, sagen nicht viel. Es sind Sätze wie: "Dies ist der schlimmste Ort von Tripolis." Einer findet einen weißen Plastikstock in einer Ecke, an den Enden ein rotes Seil gebunden.

"Falga", sagt Rajan, so heißt die damit praktizierte Folter, die viele im Land kennen. Das Seil wird dabei um die Unterschenkel gelegt und der Stock so lange gedreht, bis er ins Fleisch schneidet.

Man liegt am Boden, kann sich nicht bewegen, dann schlagen einen Wärter auf die Füße, die Nieren, den Unterleib. "Wenn man ein guter Mann war, schlägt nur einer", sagt er.

Gefängnis, weil er Gaddafis Sohn falsch ansah

Ein paar alte Gefangene staken über die zerbrochenen Steine. Einige mussten sich den Weg erklären lassen. Sie kennen das Gefängnis nur von innen, sind mit verbundenen Augen hergefahren worden. Khairy Abu Eshi war zwei Jahre hier, weil er 1991 einen Sohn Gaddafis auf der Straße falsch angeschaut hat.

Sari Oman war fünf Tage in einem Metallcontainer in der Sommerhitze eingesperrt. Er soll im Frühjahr 2011 Kinder bezahlt haben, auf Anti-Gaddafi-Demonstrationen zu gehen. "Dabei stimmt das gar nicht!", sagt er, als ob er einen Mord abstreiten wolle. Er war mit Dutzenden eingesperrt, auf Toilette durften sie nur einmal am Tag, bald stank es nach Exkrementen.

"Sie wollten ihre Verbrechen verbrennen"

In Maktab al-Nasser wurden die Gefangenen vor der Verlegung in das Abu-Salim-Gefängnis verhört, sollten sie nicht schon in den Zellen des Außenministeriums verhört worden sein oder im Ansara-Gefängnis im Süden der Stadt. Der Verhörraum liegt im Keller, der Eingang ist verschüttet, das Gebäude wurde von der Nato beschossen.

In einem Nachbargebäude riecht es noch verbrannt. Aktenordner sind hier zu Asche verkohlt, eine Schreibmaschine streckt ihr Gerippe in die Luft, die Plastiktasten sind verschmort. "Sie wollten ihre Verbrechen verbrennen", sagt Rajan.

Wenn sie ihn noch mal in diese Zelle stecken, werde er sterben, da ist er sicher. Aber damals habe ihn Allah beschützt. Jeden Tag hat er im Koran gelesen, eine andere Beschäftigung hatte er nicht. Er kann den Koran jetzt auswendig, "Hafiz" heißt sein Ehrentitel, Bewahrer.

Maktab al-Nasser war der schlimmste Knast

Rajan ist ein strenggläubiger Muslim, ein Salafist, sagt er selbst, und ein ehemaliger Dschihadist, der in Afghanistan kämpfte. Als ihm im Januar 2008 der Prozess gemacht wurde, lautete die Anklage, Mitglied der Libysch-Islamischen Kampfgruppe (LIFG) zu sein, was er nicht bestreitet.

"Waren aber nur zwei Jahre", meint er, von 1992 bis 1994. Er hat deshalb die letzten sieben Jahren vier Gefängnisse der Stadt gesehen. Maktab al-Nasser war das schlimmste, Abu Salim das beste.

Er ging 1991 nach Saudi-Arabien, flog von Tripolis nach Doha, später über Karatschi nach Peschawar. Damals bezahlte die saudische Regierung noch die Hälfte des Flugtickets, um den afghanischen Dschihad zu unterstützen. Von Peschawar wurde er von Glaubensbrüdern nach Miranscha gebracht im Tochi-Tal im Norden Waziristans.

Von dort waren es nur wenige Kilometer bis zur afghanischen Grenze. Er überquerte zu Fuß die Berge, dahinter fuhren sie mit Pick-ups nach Khost, in den Osten Afghanistans.

Multi-Kulti im Dschihad-Lager

Anderthalb Monate dauerte die Ausbildung. Er lernte, mit Kalaschnikows zu schießen, Mörser und Panzerfäuste zu bedienen. Im Umgang mit Sprengstoff wurden sie zu dieser Zeit noch nicht ausgebildet, meint er.

Er mochte die Zeit im Lager, vor allem das Multikulturelle: Aus dem Fernen Osten und aus Südafrika seien Glaubensbrüder gekommen, auch aus England und den USA, sogar ein Deutscher sei dabei gewesen. Namen möchte er keine nennen.

Zwar waren die Russen damals schon aus dem Land getrieben, der Dschihad für viele Islamisten war aber noch nicht vorbei, solange die prosowjetische afghanische Regierung in Kabul saß. Er kämpfte bis zum April 1992 an der Front in Loger, südlich von Kabul.

Als der Krieg vorbei war, schloss er sich der frisch gegründeten Libysch-Islamischen Kampfgruppe an, die den Sturz Gaddafis plante. Abdel Hakim Belhaj, der heutige Militärchef Tripolis, war sein Kommandeur. Zwei Jahre später verließ Rajan die Gruppe, wohnte mal in Afghanistan, mal in Pakistan, was er genau gemacht hat, möchte er nicht sagen.

Taliban "waren gute Leute"

Kontakte zu den afghanischen Taliban hatte er natürlich, meint er. "Das waren gute Leute, die haben das Land von den Verbrechern befreit." 2004 wurde seine Unterkunft in Abbottabad von der pakistanischen Polizei umstellt.

Drei Monate wurde er in Rawalpindi festgehalten, dann in die libysche Botschaft nach Islamabad gebracht, später mit einer georgischen Maschine nach Tripolis ausgeflogen.

Im selben Jahr wurde auch Abdel Hakim Belhaj am Flughafen in Thailand festgenommen und nach Tripolis geflogen, wie kürzlich gefundene CIA-Akten belegen.

Dass die Amerikaner hinter seiner Festnahme stecken, glaubt Rajan nicht. "Ich war ein kleiner Fisch", sagt er, "ganz unwichtig." Sein Gesicht möchte er trotzdem nicht zeigen, auch sein Vorname soll nicht erwähnt werden.

Ein Vorzeigegefängnis für westliche Gäste

Beide wurden im Außenministerium verhört, wo sich auch das Büro des ehemaligen Geheimdienstchefs Mussa Kussa befindet, in dem die CIA-Akten gefunden wurden. Rajan verbrachte die ersten 18 Monate seiner Haft in einer Zelle des Gebäudes, zwei Zellen neben Belhaj.

Später wurde er nach Maktab al-Nasser verlegt, dann nach Ansara, am Ende nach Abu Salim. Nach dem Massaker von 1996 hatte Gaddafi das Gefängnis allmählich zu einem Vorzeigegefängnis ausgebaut, das mit Vorliebe Besuchern aus dem Westen gezeigt wurde. In den großen Zellen gab es eigene Küchen und Ventilatoren. Familienbesuche waren erlaubt, auch Telefonanrufe.

"Wir bekamen alle 25 Jahre"

Erst hier wurde ihm ein Prozess gemacht, im Januar 2008, 25 Jahre Knast war seine Strafe. Was er bei der Urteilsverkündung gefühlt habe? "Nichts. Ich hatte damit gerechnet. Wir bekamen alle 25 Jahre." Am 16. Februar 2011 wurde Rajan in einer Gruppe von 110 Häftlingen vorzeitig entlassen.

Am Vorabend der Revolution war diese Amnestie als Akt der Besänftigung von Gaddafis Sohn Saif al-Islam gedacht. Rajan ging nach Hause. Als in Tripolis gekämpft wurde, blieb er dort. Er hatte genug.


Quelle: Spiegel Online

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