26.05.2007, 13:05 Uhr | Von Richard Heister, AFP
Von Rostock nach Schwerin sind es zwar nicht einmal 100 Kilometer, doch während den G8-Protesten am 2. Juni werden Welten zwischen beiden Städten liegen. Während in Rostock bis zu 100.000 überwiegend linke Globalisierungskritiker zur großen Anti-Gipfel-Demo erwartet werden, wollen in Mecklenburg-Vorpommerns Hauptstadt Schwerin rund 1500 Rechtsextreme gegen das Gipfeltreffen in Heiligendamm aufmarschieren. Im Schlepptau der G-8-Kampagnen linker Gruppen macht seit Monaten auch das rechtsextreme Lager mobil gegen Globalisierung und ungezügelten Kapitalismus - und führt sich dabei mit populistischen Parolen als vermeintlicher Bewahrer nationaler Identität auf.
Ärger der Bevölkerung wird ausgeschlachtet
"Kaviar hinterm Zaun, Kosten fürs Volk" titelte beispielsweise zuletzt die NPD-Zeitschrift "Deutsche Stimme" - ganz offenbar mit dem Ziel, möglichen Ärger in der Bevölkerung über die Kosten des Weltwirtschaftsgipfels für sich zu auszuschlachten. Denn seit Wochen weist die NPD bei jeder Gelegenheit darauf hin, dass das G-8-Treffen ausgerechnet in Deutschlands ärmsten Bundesland stattfinde. Das Beharren der "System-Kamarilla auf der Durchführung des Gipfels" werde die Möglichkeiten Mecklenburg-Vorpommerns bei weitem übersteigen, prognostizieren die rechtsextremen Gipfel-Gegner.
Rechtsextreme Autonome
ProtestszeneVom Christen bis zum Anarchisten
Suche nach MilitantenPolizei kontrolliert Briefe
Teilerfolg für G8-Gegner
Interview zum G8-Gipfel
G8-Sicherheitswahn?
"Außer Kontrolle geratene Linke"
Für das Bundesinnenministerium ist die Anti-Gipfel-Strategie der Rechten offenkundig: Die Organisatoren der Proteste präsentierten sich in erster Linie als Gegner der vermeintlich negativen Auswirkungen von Globalisierung auf das deutsche Volk, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Frage der Linksfraktion zu den geplanten rechtsextremen G-8-Protesten. Vor allem die NPD geriere sich im Vorfeld des Gipfels als "Vertreter der sozial benachteiligten und ordnungsliebenden Deutschen" - indem sie die Gipfel-Kosten "im Angesicht von Hartz IV" anprangere oder aber das Bild von "vandalierenden, außer Kontrolle geratenen Linken" zeichne.
"Verdecktes Einsickern" in linke Szene
Freilich scheinen durchaus nicht alle Rechtsextremen auf größtmögliche Distanz zu den G-8-Demonstranten aus dem linken Spektrum bedacht zu sein. Laut Bundesinnenministerium diskutieren Neonazis in Internetforen darüber, sich statt an dem NPD-Aufmarsch in Schwerin an Aktionen der linken Globalisierungskritiker zu beteiligen. Dabei würden sowohl ein "verdecktes Einsickern" in Veranstaltungen der Linken als auch beiderseitige Absprachen thematisiert. Unter der Parole "G-8 2007 rocken" arbeiteten zudem Rechtsextremisten aus dem Umfeld der gewaltbereiten und neonazistischen "Freien Kameradschaften" im Internet an Strategien, wie sie den Gipfel zerschlagen oder wenigstens behindern könnten.
NPD-Mitglieder sind wohl auch dabei
Nach entsprechenden Medienberichten räumte selbst die NPD in Mecklenburg-Vorpommern ein, es sei "selbstverständlich" nicht ausgeschlossen, "dass sich vereinzelt auch Nationalisten an den Protesten gegen den G-8-Gipfel in Rostock beteiligen werden". Allerdings werde die NPD am 2. Juni "zusammen mit vielen parteiungebundenen Kameraden in Schwerin demonstrieren und sich nicht geschlossen an den Protesten in und um Rostock beteiligen".
Demonstrationen
G8-ProtestWie viele kommen?
Foto-Serie Der Club der Mächtigen
Hintergrund Was ist Globalisierung?
Attac hofft auf Hilfe der Polizei
Bei den Organisatoren der Rostocker G-8-Proteste lösen derweil die angeblichen Kooperationspläne der Neonazis heftiges Kopfschütteln aus. "Neonazis und Rechtsextreme haben bei uns nichts verloren", sagt die Sprecherin des globalisierungskritischen Netzwerks Attac, Frauke Distelrath. "Das haben wir wiederholt gesagt und das werden wir auch weiter ganz deutlich sagen." Sollten dennoch rechtsextreme Störer bei den Rostocker Protesten auftauchen, würden sie aus der Demonstration entfernt. "In diesem Fall gehen wir davon aus, dass die Polizei uns entsprechend unterstützt."
"Gerede Bestandteil ihrer Strategie"
Distelrath hält es im übrigen für durchaus denkbar, dass die Neonazis allein schon die öffentlichen Mutmaßungen über ihre angeblichen Unterwanderungspläne als Erfolg verbuchen. "Das entsprechende Gerede könnte Bestandteil ihrer Strategie sein, auf den G-8-Zug aufzuspringen." Und dass sich tatsächlich am 2. Juni in Rostock Rechtsextreme unter die linken Demonstranten mischen werden, hält die Attac-Sprecherin für mehr als unwahrscheinlich. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Neonazis da hintrauen."
Quelle: t-online.de
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