
18.05.2011, 11:06 Uhr | Von Hendrik Ternieden und Jens Witte
Tepco-Mitarbeiter versuchen im März, die Stromversorgung der havarierten Reaktoren wieder herzustellen. (Foto: dpa) (Quelle: dpa)
Hamburg - Der Notfall tritt ein am 11. März um 14.46 Uhr und 46 Sekunden. Exakt zu dieser Zeit, nur kurz nach dem verheerenden Erdbeben, werden die Reaktoren 1 bis 3 des Atomkraftwerks Fukushima automatisch heruntergefahren. Das belegen laut der japanischen Zeitung "Mainichi" Dokumente, die AKW-Betreiber Tepco kürzlich veröffentlichte.
Die Papiere zeigen auch, wie chaotisch es in den ersten Stunden auf der havarierten Anlage zuging. Wie die Arbeiter verzweifelt versuchten, einen Überblick über die Schäden zu bekommen. Und wie sie ihre ersten Versuche wegen der hohen Radioaktivität abbrechen mussten.
Die Dokumente stützen somit die Vermutung, dass Fukushima I das schwere Erdbeben nicht schadlos überstand - wie es Tepco und die Atom-Aufsicht stets behauptet hatten. Der Tsunami habe das Kühlsystem zerstört und den GAU ausgelöst, hieß es zuvor. Doch laut der neuen Analyse setzte die Kernschmelze in Reaktor 1 schon wenige Stunden nach der Naturkatastrophe ein - ausgelöst durch ein Leck infolge des Erdbebens.
Heute, mehr als zwei Monate später, ist die Lage noch immer nicht unter Kontrolle. Ganz im Gegenteil: Die Situation im Unglücks-AKW scheint noch bedrohlicher als zuvor angenommen. In Reaktor 1 sind die Brennstäbe vermutlich zu einem Uranklumpen verschmolzen, der nun auf dem Boden des Reaktordruckbehälters liegt.
Trotz der neuen Rückschläge will Tepco an seinem Zeitplan zur Krisenbewältigung festhalten. Eine Abschaltung der Reaktoren sei weiterhin innerhalb von sechs bis neun Monaten vorgesehen, sagte Vizepräsident Sakae Muto am Dienstag. Zugleich kündigte der Energiekonzern jedoch an: Um das havarierte AKW unter Kontrolle zu bekommen, müssen die Einsatzkräfte ihre ursprünglichen Pläne korrigieren und zusätzliche Schutzmaßnahmen ergänzen.
Welche Maßnahmen muss Tepco nun ergreifen? Wie ist die Situation in den einzelnen Reaktoren? Und welche Gefahren drohen auf dem Weg zur Stabilisierung des havarierten AKW? Ein Überblick.
Während die Blöcke 5 und 6 seit langem als stabil gelten, bereiten die anderen Reaktoren nach wie vor Sorgen. In Reaktor 1 sind die Brennstäbe schon wenige Stunden nach dem Erdbeben geschmolzen. Das radioaktive Material liegt nun vermutlich auf dem Boden des Reaktordruckbehälters - im schlimmsten Fall könnte es zu einer verheerenden Dampfexplosion kommen. In den Reaktoren 2 und 3 werden ähnliche Kernschmelzen befürchtet, wie Tepco offiziell bestätigte.
Um zu verhindern, dass der schwer beschädigte Reaktorblock 4 einstürzt, wollen die Einsatzkräfte das Gebäude mit Stahlschienen und Beton abstützen. Zudem müssen sie dort das Abklingbecken mit mehr als 1300 alten Brennelementen weiter kühlen - eine Mission, die durch die hohe Radioaktivität behindert wird.
Aufgrund der notdürftigen Kühlung mit Tausenden Tonnen Wasser ist in Reaktor 1 ein neues Problem entstanden: Durch ein Leck gelangte die kontaminierte Kühlflüssigkeit in den Keller und wahrscheinlich teilweise auch ins Grundwasser. Ähnliche Lecks befürchten die Tepco-Techniker in den Reaktoren 2 und 3. Die kontaminierte Flüssigkeit ist das größte Problem der Einsatzkräfte bei der Wiederherstellung des automatischen Kühlsystems.
"Unser Ziel ist es immer noch, die Reaktoren zu kühlen, wir ändern einfach nur die Methoden", sagt Tepco-Vizepräsident Sakae Muto. Der Konzern geht trotz zahlreicher Rückschläge weiter davon aus, die havarierten Reaktoren bis spätestens Januar stabilisiert zu haben.
Wegen der neuen Probleme muss Tepco die Pläne allerdings in einigen Punkten ändern. Ursprünglich sollte die Sicherheitshülle von Reaktor 1 mit Wasser geflutet und dadurch gekühlt werden. Diese Idee wurde mittlerweile wieder verworfen, nachdem Löcher in dem Druckbehälter entdeckt wurden - das radioaktive Wasser würde vermutlich entweichen.
Stattdessen soll nun ein Kreislauf des bereits benutzten Wasser eingerichtet werden. Dabei wird das Kühlwasser recycelt, es wird unter dem Reaktor aufgefangen, dekontaminiert und dann erneut eingepumpt. Mit dem neuen Plan soll vermieden werden, dass durch Lecks noch mehr radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik oder ins Grundwasser austritt.
Darüber hinaus will Tepco auf dem Kraftwerksgelände weiterhin Kunstharz versprühen, um radioaktiven Staub zu binden. Zudem arbeitet das Unternehmen daran, möglichst bald eine Plane über havarierten Reaktoren 1 bis 3 zu spannen, damit keine radioaktiven Stoffe mehr in die Atmosphäre entweichen.
Teil des überarbeiteten Plans sei zudem eine strengere Überwachung der Strahlenbelastung im Grundwasser und in der unmittelbaren Umgebung des Kraftwerks, hieß es bei Tepco.
Um die automatische Kühlung wiederherzustellen, müssen die Ingenieure dringend eine Lösung für Tausende Liter radioaktives Wasser finden, die den Einsatz an den Reaktoren behindern. Auf der Anlage gibt es nicht genügend Tanks, um die kontaminierte Flüssigkeit zu lagern. Ein gigantisches Stahlfloß soll das Problem lösen.
Es ist 136 Meter lang und 46 Meter breit: Auf einem riesigen Stahlfloß ruhen die Hoffnungen der Einsatzkräfte in Fukushima. Das Floß befindet sich derzeit auf dem Weg zum Unglücks-AKW und soll dort in ein bis zwei Wochen eintreffen. Auf einer Werft in Yokohama wurde es für den Einsatz an der Atomruine umgebaut.
Das Floß spielt in den Plänen Tepcos eine zentrale Rolle. Es soll bis zu zehn Millionen Liter kontaminiertes Wasser aufnehmen können. Bisher diente es im Hafen der Stadt Shimizu in der Provinz Shizuoka als schwimmende Insel für Angler.
Das Floß allein wird jedoch nicht reichen, um die radioaktiven Wassermaßmassen aufzunehmen. Arbeiter installieren daher derzeit zusätzliche Tanks für schwach kontaminiertes Wasser. Bis Ende des Monats sollen auf diese Weise zusätzlich Kapazitäten von 28.000 Tonnen entstehen.
Definitiv nicht. Um überhaupt mit Aufräumarbeiten beginnen zu können, muss die Anlage komplett heruntergefahren werden. Selbst wenn sich die Lage bis Ende Januar stabilisiert haben sollte, dürften sich die Aufräumarbeiten noch Jahre hinziehen.
Zum Vergleich: Nach dem Reaktorunglück von Three Mile Island in den USA 1979 dauerte es mehr als fünf Jahre, bis die Techniker den Reaktorkern öffnen konnten. Erst dann sahen sie, wie weit die Kernschmelze fortgeschritten war.
Die gesamten Aufräumarbeiten bei Harrisburg dauerten fast 14 Jahre, mehr als 1000 Menschen waren daran beteiligt. Gekostet hat das einem Bericht der "New York Times" zufolge rund eine Milliarde Dollar. Tepco-Vizepräsident Sakae Muto sagte, es sei noch nicht möglich, die Kosten für die Aufräumarbeiten in Fukushima zu beziffern.
Die Wetterbedingungen in den kommenden Monaten könnten für Tepco zu einem Problem werden. In rund zwei Wochen wird in Fukushima die Taifun-Saison beginnen, es dürfte sehr viel regnen. Der Regen könnte erneut große Mengen Radioaktivität ins Meer spülen. Zudem droht Gefahr durch Blitzeinschläge, die mit der Taifun-Saison einhergehen.
Der AKW-Betreiber befürchtet zudem, dass regelmäßige Nachbeben, Stromausfälle, erhöhte Radioaktivität und die Gefahr von Wasserstoffexplosionen die Stabilisierungsarbeiten an den Reaktoren behindern und verzögern könnten.
Teile des überarbeiteten Krisenplans sehen daher auch vorbeugende Maßnahmen zum Schutz vor Nachbeben vor. Zudem sollen eine erhöhte Alarmbereitschaft bei möglichen weiteren Tsunamis und bessere Bedingungen für Arbeiter auf dem Gelände gewährleistet werden.
Von Hendrik Ternieden und Jens Witte
Lara schrieb:
am 18. Mai 2011 um 20:39:11
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Fukushima
Immer weniger Nachrichten, immer weniger Kommentare knapp zwei Monate nach Fukushima seitens der Medien. So sieht es z.Zt. aus.
Auch in den Foren hier und in Europa insgesamt gibt es noch zu viele Atomkraftbefürworter. Aber wenn die ganze Welt nur noch von der Atomlobby regiert wird, brauchen wir uns ja über nichts mehr zu wundern. Nach mir oder nach uns die Sintflut. Leute wacht auf bevor es zu spät ist!
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richardson schrieb:
am 18. Mai 2011 um 16:40:20
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AKW
Die Expertenkommission die bei uns die AKW getestet hat,hat über alles geredet,nur den größten Risikofaktor haben sie
scheinbar nicht
erwähnt.Das größte Risiko bei allen AKW`s ist der Mensch.
Die Kernkraftwerke werden sich innerhalb der nächsten Jahre von selbst abschalten,weil sie im Radoaktiven Müll ersticken.
Wenn Isar 1 wieder hochgefahren wird,sollte der Staat den Gewinn zu 100% abschöpfen.Wir Bürger haben diese Anlage mit unseren Steuern bezahlt,also gehören die Gewinne uns.
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Jan 2 schrieb:
am 18. Mai 2011 um 12:10:33
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Tepco ist überall
Wenn ich mir anschaue wie die Firma Tepco mit der Tragödie umgeht und deren Folgen,brauche ich nur hierzu Lande ansehen
wie eine FA.Vattenfall schon nur mit Störfällen und schwereren Störfällen umgeht in Sachen Meldepflicht.Dann bin ich mir sicher dass man in Sachen Voksverarschen Tepco noch toppen könnte,wenn es zum Knall kommt.Und was den Ernstfall und Schadens bekämpfung betrifft,da siehts bei uns noch düsterer aus.Das ist mehr ein Vacuum der Unfähigkeit,als klar geregelt
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