01.04.2011, 16:08 Uhr
Auch drei Wochen nach dem gewaltigen Erdbeben muss Japan mit der Gefahr eines Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima leben. Etwa 500 Arbeiter von Tepco und Subunternehmen versuchen unterstützt von Feuerwehrleuten und Soldaten, die Situation im Kraftwerk unter Kontrolle zu bekommen. Dass sie in großer Gefahr schweben, ist ihnen bewusst. Die Mutter eines 32 jährigen Arbeiters sagte im Interview mit dem Nachrichtensender "Fox News", die Kollegen hätten darüber ausführlich gesprochen und seien bereit, zu sterben um das Land zu retten.
"Er sagte, sie hätten akzeptiert, dass sie alle wahrscheinlich bald an der Strahlenkrankheit oder später an Krebs sterben würden", erzählte die Mutter nach einem Telefongespräch mit ihrem Sohn. Die Frau möchte anonym bleiben, da das Management den Arbeitern offenbar verboten hat, mit Medien zu sprechen oder ihren Angehörigen Details zu berichten. Damit soll wohl verhindert werden, dass noch mehr Angst verbreitet wird.
In einem Mailwechsel zwischen zwei Tepco-Mitarbeitern, der dem "Wall Street Journal" vorliegt, berichtet ein Arbeiter in Fukushima von katastrophalen Arbeitsbedingungen. "Wir haben seit dem Erdbeben nicht mehr geschlafen oder uns ausgeruht", schreibt der Mann. Die Arbeit am Kraftwerk gehe vor, er hätte nicht einmal Zeit gehabt, sich nach dem Verbleib seiner Familie zu erkundigen. "Der mentale Druck ist enorm", schreibt der Mann, er halte das nicht länger aus.
Die japanische Atomaufsichtsbehörde hat Tepco derweil wegen mangelhaftem Schutzes der Arbeiter vor radioaktiver Strahlung kritisiert. Tepco sei aufgefordert worden, alles zu tun, um die Arbeiter vor der Strahlung zu schützen, sagte Behördensprecher Hidehiko Nishiyama. Zuvor war bekannt geworden, dass das Unternehmen nicht genügend Strahlenmessgeräte zur Verfügung stellt. Arbeiter mussten sich Dosimeter teilen, nachdem viele der Geräte bei dem Erdbeben und dem Tsunami kaputt gegangen waren. Inzwischen habe Tepco aber wieder genügend Messgeräte, sodass jeder Arbeiter mit einem Gerät ausgestattet werden könne, hieß es. Die Gesellschaft habe erklärt, keinem Arbeiter ohne Messgerät den Zutritt zu erlauben.
Auf einem vom Verteidigungsministerium veröffentlichten Video sieht man die Zerstörung von Fukushima I. zum Video
Seit Beginn der Rettungsarbeiten am havarierten Kraftwerk wurden drei Arbeiter verstrahlt. Sie waren bei Kellerarbeiten überraschend auf radioaktiv verseuchtes Wasser gestoßen und nicht ausreichend mit Schutzkleidung ausgestattet. Die Arbeiter wurden mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus eingeliefert, sind aber mitterlweile wieder entlassen worden.
Die Bundesregierung äußerte "große Sorge und große Sympathie für die japanische Regierung und jeden, der dort versucht, in dieser entsetzlichen Situation Schlimmeres zu verhindern". Die Regierung habe "große Bewunderung für Menschen, die da sehr schwierige Arbeit leisten", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte, Deutschland sei "immer bereit, bei konkreten Bitten, soweit wir das können, zu unterstützen und wohlwollend zu prüfen".
Das Atomkraftwerk Fukushima 1 war durch das Beben und den Tsunami stark beschädigt worden, was zur massiven Freisetzung radioaktiver Strahlung führte. Der Umkreis von 20 Kilometern war evakuiert worden, den Anwohnern im Abstand von 20 bis 30 Kilometern wurde geraten, das Gebiet freiwillig zu verlassen. In dem Gebiet werden laut Presseberichten noch etwa tausend Todesopfer vermutet, die beim Tsunami und beim Erdbeben umgekommen sind.
Wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtete, hatten die Behörden zunächst erwogen, die Todesopfer rund um Fukushima 1 zu bergen. Das Vorhaben sei aber wegen der starken Verstrahlung der Leichen verschoben worden, erklärte die Polizei dem Bericht zufolge. Eine Entkontaminierung der Leichen vor Ort hätte ihre Identifizierung zusätzlich erschwert, von verstrahlten Leichen hätte jedoch im Fall ihrer Einäscherung eine Strahlenbelastung ausgehen können.
In anderen Landesteilen haben aber tausende japanische und US-Soldaten mit einer großen Suche nach zahlreichen noch nicht geborgenen Todesopfern begonnen. Der dreitägige Einsatz konzentriere sich auf die nördliche Pazifikküste, teilte die japanische Armee mit. "Wir werden uns auf die Küste, die Flussmündungen und die noch von Meerwasser überschwemmten Gebiete konzentrieren", erklärte ein Vertreter der japanischen Armee. An der großangelegten Suche beteiligen sich 17.000 japanische und 7000 US-Soldaten, wie die Zeitung "Yomiuri Shimbun" berichtete. Außerdem kommen bei der dreitägigen Aktion 120 Flugzeuge und Hubschrauber sowie 65 Schiffe zum Einsatz.
Bislang zählten die Behörden 11.578 Todesopfer der Katastrophe von vor drei Wochen. Ein Beben der Stärke 9,0 hatte den Nordosten Japans am 11. März erschüttert und zerstörerische Flutwellen ausgelöst, die ganze Küstenstädte verwüsteten. Noch immer werden nach amtlichen Angaben 16.451 Menschen vermisst. Es besteht praktisch keine Hoffnung mehr, noch Überlebende zu finden.
Ständig aktuell: Das wetter.info-Video zeigt den möglichen Niederschlag, der Radioaktivität auf das Festland oder ins Meer tragen könnte, rund um Fukushima. zum Video
Quelle: t-online.de , dpa , AFP
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