14.07.2011, 11:24 Uhr
Jürgen Beverförden, Sprecher ehemaliger Heimkinder in Niedersachsen: Versäumnisse aufarbeiten (Foto: imago) (Quelle: imago)
Ehemalige Heimkinder drängen darauf, auch ungeklärte Todesfälle in Kinderheimen und die hohe Sterblichkeit in Säuglingsheimen der 50er-, 60er- und 70er-Jahre zu untersuchen. "Wir fordern die Ausschüsse auf, mittels einer Anhörung die Versäumnisse des Runden Tisches Heimerziehung aufzuarbeiten", heißt es in einem offenen Brief an die Abgeordneten des Bundestages, berichtet die "Neue Osnabrücker Zeitung".
Jürgen Beverförden, Sprecher ehemaliger Heimkinder in Niedersachsen, kritisiert darin "das Verschweigen von vielen unaufgeklärten Todesfällen in den Heimen". Beverförden beklagt zudem, es gebe eine mangelhafte Auseinandersetzung mit den Problemen in den Säuglingsheimen. "Was oder wer hat viele Heimkinder in den Selbstmord getrieben?“ fragt Beverförden.
Auf etwa 250.000 bis 300.000 schätzt der Sozialwissenschaftler Carlo Burschel die Zahl derjenigen, die bis Mitte der 70er Jahre in Säuglingsheimen der Bundesrepublik untergebracht waren. Burschel ist selbst ein Betroffener und forscht und publiziert seit Jahren zum Thema Säuglingsheime.
Die Bedingungen in diesen Einrichtungen waren nach Angaben Burschels überwiegend sehr schlecht, manchmal sogar tödlich: "Verschiedene Quellen legen die Annahme nahe, dass es Hunderte von vermeidbaren Todesfällen gegeben hat, vor allem durch Pflegedefizite und Ausstattungsmängel. Aus dem Jahr 1962 gibt es den veröffentlichten Hinweis, dass die Sterblichkeit in Säuglingsheimen damals doppelt so hoch war wie bei Familienkindern."
Burschel: "Ich bin davon überzeugt, dass Hunderte von Kleinkindern in den Säuglingsheimen der Wirtschaftswunderzeit ohne Not zu Tode gepflegt wurden, trotz besseren Wissens," sagt der Sozialwissenschaftler. Um deren Andenken gehe es, auch gegen den Widerstand derer, "die mit den Säuglingsheimen dieser Zeit wahre Profit-Center betrieben haben“.
Der Bundestag hatte in der vergangenen Woche grünes Licht für die Entschädigung ehemaliger Heimkinder gegeben, die zwischen 1949 und 1975 Opfer von Unrecht, Demütigungen und Misshandlungen geworden sind. Das Parlament stimmte für einen überfraktionellen Antrag, der sich an den Empfehlungen des Runden Tisches Heimerziehung (RTH) orientiert.
Dieser wiederum hatte sich im vergangenen Jahr auf die Einrichtung einer Stiftung verständigt, die vom Bund, den westdeutschen Bundesländern und den beiden großen christlichen Kirchen mit insgesamt 120 Millionen Euro ausgestattet wird. Das Geld soll an Hunderttausende ehemalige Heimkinder fließen, die bis in die 70-er Jahre hinein geschlagen, schikaniert und zum Teil sexuell missbraucht wurden. Zudem mussten sie oft schwere körperliche Arbeiten leisten, für die sie nur minimal entlohnt wurden.
Das Parlament forderte außerdem, auch ehemalige DDR-Heimkinder auf ähnliche Weise zu unterstützen. Die Jugend- und Familienministerkonferenz hatte jedoch schon im Mai zugesagt, dass die betroffenen Ostdeutschen die gleichen Summen erhalten. Ein Großteil des Geldes soll in die Behandlung von traumatischen Folgeschäden fließen.
Die katholische Kirche hatte unterdessen angekündigt, den Missbrauch Minderjähriger in ihren Einrichtungen seit 1945 wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Erstmals öffnet sie für unabhängige Fachleuten die Archive. Die Bischöfe wollten eine "ehrliche Aufklärung" und "der Wahrheit auf die Spur kommen", versicherte der Trierer Bischof und Missbrauchsbeauftragte Stephan Ackermann. Erste Ergebnisse sollen in gut einem Jahr vorliegen.
Quelle: dapd , dpa , t-online.de
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