
12.04.2010, 09:08 Uhr | Von Christoph Seidler
3631 Kilometer hat der Franzose Jean-Louis Etienne bei seiner Arktis-Überquerung zurückgelegt (Foto: dpa)
Allein im Ballon übers Nordpolarmeer: Der Franzose Jean-Louis Etienne hat eine entdeckerische Meisterleistung vollbracht. Und doch verlief das Ende der Expedition ganz anders als erwartet. Denn einstweilen muss sich der Berufsabenteurer allein in einem Wolfsrevier herumschlagen.
Der Traum schien aus, für immer. Als im Januar 2008 ein Sturm den Zeppelin von Jean-Louis Etienne zuerst von den Sicherungsleinen riss und dann mit aller Wucht auf ein südfranzösisches Wohnhaus warf, konnte der Berufsabenteurer nicht damit rechnen, die Arktis noch einmal von oben zu sehen. Zu fundamental war das Millionenprojekt gescheitert, mit dem sich der französische Ölkonzern Total ein grünes Image geben wollte. Irreparable Schäden am Fluggerät machten einen Neuanfang illusorisch. "Es ist zum Heulen", klagte Etienne damals.
Doch der studierte Mediziner gab nicht auf, suchte sich mit dem Versicherungskonzern Generali einen neuen Partner, wechselte das Fluggerät, hob ab - und hatte Erfolg. Am Samstagmorgen landete er nach 3631 Kilometern Luftreise über der Arktis in der sibirischen Steppe. "Er ist allein und wartet nun auf sein Team", bestätigte die Sprecherin des Ballonprojekts, Coralie Jugan, im Gespräch mit "Spiegel Online".
Mit einer Mischung aus einem Heißluft- und einem Gasballon war der 63-Jährige insgesamt 121 Stunden und 30 Minuten im hohen Norden unterwegs. Eine ähnliche Konstruktion, getragen von 2200 Kubikmetern Helium und 500 Kubikmetern Heißluft, hatte auch schon Steve Fossett, Bertrand Piccard und Brian Jones bei ihrer Weltumrundung getragen.
Im Gegensatz zu der gescheiterten Total-Zeppelinmission, bei der mit großem Aufwand die Dicke des arktischen Meereises gemessen werden sollte, hatte Etienne diesmal aus Gewichtsgründen nur ein extrem abgespecktes Wissenschaftsprogramm dabei. Während seiner Reise sammelte er Daten zur Kohlendioxidkonzentration in der Luft und zur Stärke des Erdmagnetfelds.
Eigentlich hatte er nach seinem Start von der norwegischen Insel Spitzbergen in Richtung Alaska reisen wollen. Doch die Witterungsverhältnisse verhinderten das: Etienne quälte sich am Mittwoch mit Schneestürmen herum. Innerhalb kürzester Zeit wurde der Ballon von rasanten Luftströmungen in der Atmosphäre weit nach oben gerissen - und anschließend wieder in die Tiefe geschickt. Bei dieser Achterbahnfahrt hatte der Polarfahrer auch Probleme mit der Stromversorgung. Durch die Wetterkapriolen fiel zwischenzeitlich zu wenig Licht auf die Solarzellen am Ballon.
Immerhin, die Landung verlief nun offenbar sanft: Mit nur zwei Kilometern in der Stunde blies der Wind zum Zeitpunkt des Aufsetzens, rund 280 Kilometer nördlich der russischen Kleinstadt Batagaï. Seit zwei Tagen sei klar gewesen, dass es mit der vorgesehen Landung in Alaska nichts werde, sagt Projektsprecherin Jugan. Nun sei ein Team auf dem Weg zur Landestelle: "Sie werden morgen bei ihm sein."
Im Internet berichtet die Etienne-Mannschaft davon, dass die russischen Behörden das Empfangskommando für den Ballonfahrer im Hunderte Kilometer von der Landestelle entfernten Jakutsk aufgehalten hätten. Der gelandete Abenteurer muss sich also einstweilen mit dem Lesen von Büchern die Zeit vertreiben. Die hat er genauso an Bord wie ausreichend große Nahrungsmittelvorräte und eine Heizung, heißt es. Um sich nötigenfalls gegen Wölfe zu verteidigen, habe Etienne auch ein Messer dabei.
Eine Nacht allein in der jakutischen Steppe dürfte dem charismatischen Ballonfahrer kaum Mühe bereiten. Was hat der erfahrene Abenteurer nicht schon alles erlebt: Im Jahr 1986 schlug er sich im Alleingang auf Skiern zum Nordpol durch, 16 Jahre später verbrachte er einen Winter auf einem Schiff, das im arktischen Eis festgefroren war. Von Juli 1989 bis März 1990 hat er die Antarktis durchquert. Und so weiter.
Mit seinem jetzigen Flug schreibt Etienne nun Entdeckergeschichte - und das, obwohl die Route seines Ballons wegen des Wetters nicht direkt über den Nordpol führte. Und doch dürfte die Mission als erste Arktis-Überquerung im Ballon in die Geschichtsbücher eingehen. Zwar hatte der Brite David Hempleman-Adams im Juni 2000 in seinem Freiballon "Britannic Challenge" von Spitzbergen aus die Nähe des Nordpols erreicht. Er hatte die Arktis aber nicht überquert, sondern war nach 960 Kilometern wieder zu seinem Startpunkt zurückgekehrt. Und der legendäre Nordpol-Überflug von Umberto Nobile, Roald Amundsen und Lincoln Ellsworth im Mai 1926 passierte in einem Luftschiff, nicht in einem Ballon.
Dramatisch war ein Versuch im Jahr 1897 gescheitert, als sich eine Dreiergruppe um den schwedischen Ingenieur Salmon August Andrée mit dem wasserstoffgefüllten Ballon "Örnen" von Spitzbergen auf nach Norden gemacht hatte. Nach drei Tagen in der Luft war der Ballon abgestürzt. Die Abenteurer hatten sich zunächst auf die Insel Kvitøya retten können, starben dort aber nach drei Monaten.
Im Luftschiffmuseum am Rande des Städtchens Longyearbyen auf der Arktisinsel Spitzbergen, unweit des Startplatzes von Jean-Louis Etienne, werden die Geschichten der Expeditionen von Andrée, Amundsen, Nobile und Co. anschaulich erzählt. Nun werden die Ausstellungsmacher wohl ein paar neue Informationstafeln und Schaukästen anbringen müssen. Für den fliegenden Franzosen.
Quelle: Spiegel Online
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