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Forscher führen Untergang auf schwache Nieten zurück

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Forscher führen Untergang auf schwache Nieten zurück

15.04.2008, 20:16 Uhr | Spiegel Online

Das Wrack der "Titanic" liegt in knapp 4000 Metern Tiefe (Quelle: dpa) Das Wrack der "Titanic" liegt in knapp 4000 Metern Tiefe (Quelle: dpa)Historiker hegen schon länger den Verdacht, dass minderwertige Nieten den Untergang der "Titanic" zumindest mitverursacht haben könnten. Als entsprechende Hinweise vor zehn Jahren auftauchten, hat der Hersteller der "Titanic" - Harland & Wolff in Belfast - die Vorwürfe zurückgewiesen. Jetzt aber haben zwei Wissenschaftler neue Beweise in den Archiven der Werft gefunden, wie die "New York Times" berichtet. Als die "Titanic" mit dem Eisberg kollidierte, verloren demnach zahlreiche Nieten ihre Köpfe und ließen große Mengen Meerwasser eindringen. Die Werft nannte die neuen Erkenntnisse zutiefst fehlerhaft.

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Drei Millionen Niete pro Schiff

Die Forscher werfen der Werft vor, mit fehlerhaftem Material und zu großen Ambitionen zum Untergang des Schiffs beigetragen zu haben - denn Harland & Wolff hat vor knapp 100 Jahren versucht, die drei größten Schiffe der Welt gleichzeitig zu bauen: die "Titanic", die "Olympic" und die "Britannic". Jeder der Ozeanriesen benötigte rund drei Millionen Nieten, schreiben Jennifer Hooper McCarty und Timothy Foecke in ihrem neuen Buch, doch zur Bauzeit der "Titanic" hätten die Lieferengpässe einen Höhepunkt erreicht. Der Vorstand von Harland & Wolff sei "in Krisenstimmung" gewesen, sagte McCarty. Ein halbes Jahr lang - von Ende 1911 bis zur Jungfernfahrt der "Titanic" im April 1912 - sei über Probleme mit den Nieten und Personalengpässe diskutiert worden.

An der Qualität gespart?

Neben der Suche in den Archiven haben die Forscher auch 48 Nieten untersucht, die aus dem Wrack der "Titanic" geborgen wurden, sowie moderne Computersimulationen ausgewertet. Sie haben auch Metall von der "Titanic" mit dem von anderen Schiffen aus derselben Zeit verglichen. Den Forschern zufolge haben die Probleme begonnen, als die Werft wegen ihrer ehrgeizigen Baupläne gezwungen war, sich auch von kleineren Schmieden beliefern zu lassen. Zudem habe Harland & Wolff für die Nieten der "Titanic" ni'm hereur Eisen der Sorte "No. 3" bestellt, nicht solches der überlegenen Qualität "No. 4". Doch genau dieses Eisen hätten Schiffsbauer der damaligen Zeit für wichtige Bauteile wie Anker, Ketten und Nieten üblicherweise benutzt.

Hohe Konzentrationen von Asche

Bei vielen der von der "Titanic" geborgenen Nieten haben die Forscher nach eigenen Angaben hohe Konzentrationen von Asche gefunden. Der glasige Rückstand entsteht bei der Verhüttung und kann Nieten brüchig machen. "Ein Teil des Materials, das die Werft gekauft hat, hatte nicht die für Nieten notwendige Qualität", sagte Foecke, der bei der US-Bundesbehörde National Institute of Standards and Technology arbeitet.

Extrem anspruchsvolle Herstellung

Die Archive weisen den Wissenschaftlern zufolge auch darauf hin, dass Harland & Wolff nicht genügend erfahrene Nieter beschäftigte. Während ihrer Nachforschungen haben Foecke und McCarty - beide ausgebildete Metallurgen - herausgefunden, dass die manuelle Herstellung guter Nieten extrem anspruchsvoll ist. Mittelmäßige Arbeit könnte Qualitätsprobleme verschleiern. Harland & Wolff habe Nieten noch per Hand hämmern lassen - anders als etwa die Konkurrenz von Cunard, die bereits Jahre zuvor auf Stahlnieten umgestiegen sei. Diese seien stabiler und maschinell zu montieren gewesen.

Erster Verdacht schon 1996

Bei der "Titanic" seien zwar auch Stahlnieten verwendet worden, aber nur an der Rumpfmitte, wo die größten Belastungen erwartet wurden. Am Bug, wo der Eisberg das Schiff traf, sowie am Heck seien allerdings Eisennieten zum Einsatz gekommen, schreiben die beiden Forscher in ihrem Buch "What Really Sank the Titanic" ("Was die Titanic wirklich sinken ließ"). 1996 fanden Forscher bei einer Expedition zum "Titanic"-Wrack kein großes Loch, sondern nur sechs schmale Spalten im Bug der "Titanic" - es waren die Stellen, an denen die Platten auseinandergebrochen waren. Damals hatten Experten den Verdacht geäußert, zu schwache Nieten könnten daran Schuld gewesen sein.

"Mit dem Material war alles in Ordnung"

Die Erkenntnisse von Foecke und McCarty scheinen das zu bestätigen. Der Schaden am Rumpf "endet nahe an der Stelle, wo die Eisen- in Stahlnieten übergehen", sagte Foecke. Bessere Nieten, argumentieren die Wissenschaftler, hätten die "Titanic" möglicherweise länger über Wasser halten und damit Hunderte Leben retten können. Rund 1500 Menschen kamen bei dem Untergang ums Leben. Die Werft weist das zurück. "Mit dem Material war alles in Ordnung", sagte Joris Minne, ein Sprecher von Harland & Wolff. Das "Titanic"-Schwesterschiff "Olympic" habe ohne Zwischenfälle 24 Jahre lang die Meere befahren, ehe sie außer Dienst gestellt wurde. Die "Britannic" sank 1916, nachdem sie auf eine Mine gelaufen war.

"Faszinierende Erkenntnis"

David Livingstone, ein ehemaliger Angestellter von Harland & Wolff, bezeichnete das Buch als "Gerede". Die Asche in den Nieten sei bestenfalls ein Indiz. Kein einziger Beweis bringe den Bruch des Rumpfs mit fehlerhaften Nieten in Verbindung. Der Marinehistoriker Tim Trower, der Bücher für die Titanic Historical Society rezensiert, nannte die neuen Erkenntnisse dagegen "faszinierend". "Das erklärt, warum der Vorfall so dramatisch schlecht verlief."

Quelle: mbe


Spiegel Online  

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