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Forscher erklären Jahrhundert-Orkane zum Normalfall

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Forscher erklären Jahrhundert-Orkane zum Normalfall

04.11.2011, 20:45 Uhr | Von Axel Bojanowski

Wälder abgemäht: "Kyrill" zerlegte 60 Millionen Bäume (Quelle: dapd)

Wälder abgemäht: "Kyrill" zerlegte 60 Millionen Bäume (Quelle: dapd)

Orkan "Kyrill" galt als Ausnahme: 2007 verursachte er in Deutschland acht Milliarden Euro Schaden. Einer neuen Studie zufolge muss in kurzen Abständen mit ähnlichen Stürmen gerechnet werden. Das schlimmste Sturm-Szenario aber bleibt unberechenbar.

Er hinterließ ein Trümmerfeld: Mit Böen von bis zu 200 Kilometern pro Stunde zerlegte im Januar 2007 der Orkan "Kyrill" 60 Millionen Bäume, riss Dächer ab und zerstörte Brücken und Strommasten. 46 Menschen starben. Es entstanden Schäden von acht Milliarden Euro, davon waren 4,5 Milliarden versichert.

Nach dem Desaster war von einem Jahrhundertsturm die Rede. Doch diese Bezeichnung erweist sich nun als unzutreffend: Alle 15 bis 21 Jahre muss einer neuen Studie zufolge mit einem Sturm von der Zerstörungskraft "Kyrills" gerechnet werden. Und selbst weitaus heftigere Orkane als "Kyrill" treten demnach erstaunlich häufig auf.

Dieser Herbst verläuft bislang ausgesprochen ruhig, und auch für die nächste Woche sagen Meteorologen keine heftigen Winde voraus. Doch der erste Herbststurm wird heraufziehen. Die stärksten Orkane kommen in milden Wintern. In schneereichen Zeiten entsteht meist hoher Luftdruck über Europa, der Westwinde blockiert.

Gefährlich wird es hingegen, wenn über dem Nordatlantik ein Tiefdruckgebiet festsitzt, das kalte Polarluft Richtung Europa fächert. Ein kräftiges Azorenhoch im Süden verstärkt das Luftdruck-Gefälle - daraufhin beschleunigen die Westwinde.

Rhythmus der Stürme

Anhand von Versicherungsdaten und Wetterstatistik haben deutsche Forscher um Markus Donat, der an der University of New South Wales in Australien arbeitet, den Rhythmus der heftigsten Orkane der vergangenen Jahrzehnte in Deutschland ermittelt. Die Forscher haben die 34 stärksten Stürme von 1997 bis 2007 und deren Schäden mit Stürmen der vergangenen 60 Jahren verglichen. Daraus ermittelten sie, wie häufig sich die Wetterlagen mit entsprechenden Schäden wiederholen.

Der Klimawandel bleibt in der Studie außen vor; bislang zeigt die Statistik keine Zunahme von Stürmen in Nordeuropa, und Prognosen gelten als unsicher. Allein die nun ausgewertete Statistik aber zeigt, dass selbst der zerstörerischste Sturm seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen im Jahre 1901 demnach kein Jahrhundertereignis ist: Orkane wie "Capella", der Anfang Januar 1976 vor allem in Norddeutschland Milliardenschäden anrichtete, wiederholten sich im Durchschnitt alle 29 bis 45 Jahre, berichten Donat und seine Kollegen nun im Fachmagazin "Natural Hazards and Earth System Sciences".

"Capella" galt eigentlich als Ausnahmeerscheinung: Vom Atlantik kommend erreichte er mit einer Ausdehnung größer als das Mittelmeer am 2. Januar 1976 Deutschland. Der Orkan mähte ganze Wälder nieder, deckte noch in Österreich Kirchen ab, Baukräne fielen um wie Spielzeug. 82 Menschen starben.

Der schlimmste Fall

"Capella" erreichte zwar keine Rekorde bei den Windstärken, wenngleich seine Böen von mehr als 140 Kilometern pro Stunde schwere Schäden verursachten. Eine andere Konstellation machte den Orkan aber zum unvergleichlichen Desaster: Am stärksten blies er ausgerechnet bei auflaufendem Meerwasser, so dass die Nordseeküste und Hamburg eine schwere Sturmflut erlebten. Alleine im Hamburger Hafen vernichtete der Orkan Werte von 500 Millionen Mark.

Eine ähnlich unglückliche Wetterkonstellation scheint der neuen Studie zufolge gar nicht so selten. Würde das Wetter sich streng an Statistik halten, wäre ein "Capella"-Nachfolger wieder fällig. Doch die Jahreswerte für den Rhythmus der Stürme in der Studie sind Durchschnittswerte - zwei ähnliche Ereignisse binnen kurzer Zeit sind möglich, aber auch längere Fristen als der Durchschnitt.

Auch mit einer Wiederkehr von "Lothar"-Stürmen muss jederzeit gerechnet werden. "Lothar" zog Weihnachten 1999 über Frankreich und Süddeutschland, er verursachte europaweit den zweithöchsten Sturmschaden für Versicherungen.

Doch den schlimmsten Fall konnte die neue Studie nicht berücksichtigen - weil er noch nicht eingetreten ist: Ein ähnlicher Sturm wie "Lothar" mit leicht veränderter Flugbahn wäre laut "Münchener Rückversicherung" (MR) ein Höchstschadensfall. Eine Sturmfront von Hamburg bis Frankfurt, die durchs Rhein-Ruhrgebiet zöge, würde die Volkswirtschaft rund 80 Milliarden Euro kosten. Es wäre der MR zufolge die teuerste Sturmkatastrophe - doch wie häufig mit ihr zu rechnen ist, konnte auch die neue Studie nicht klären.


Quelle: Spiegel Online

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