Folge der Erderwärmung sind schmelzende Pole und damit ein Anstieg des Meeresspiegels (Foto: dpa)
Wenige Monate vor dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen zeichnen die führenden Fachwissenschaftler ein düsteres Bild von der Zukunft der Erde. Der britische Ökonom Lord Nicholas Stern sagte bei dem Vorbereitungstreffen auf den Klimagipfel im Dezember, die Experten müssten den Menschen "laut und sehr deutlich erklären, was fünf Grad Erderwärmung bedeuten". Stern nannte selbst als Beispiel, dass "Milliarden Menschen zu Klimaflüchtlingen werden".
Bisher galt eine Erwärmung der Durchschnittstemperaturen um etwa anderthalb bis zwei Grad bis Ende des Jahrhunderts als wahrscheinlich, falls die CO2-Emissionen massiv vermindert werden. Stern war 2006 mit einem nach ihm benannten Klima-Report bekanntgeworden, dessen Vorhersagen über die Kosten des Klimawandels als betont pessimistisch galten. Der frühere Klimaberater der britischen Labour-Regierung sagte, sein Report sei nach heutigem Stand der Wissenschaft "noch viel zu optimistisch" gewesen.
Der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans-Joachim Schellnhuber, sagte vor den 2000 Kongressteilnehmern, bei einer Erderwärmung um fünf Grad werde es in mehreren zentralen Bereichen ein komplettes "Umkippen mit Dominoeffekt" geben. Als Beispiel nannte der Klimaberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel das völlige Verschwinden des Regenwaldes am Amazonas und das Wegschmelzen der grönländischen Gletscher.
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben schon derzeit etwa 150.000 Menschen pro Jahr in Entwicklungsländern aufgrund des Klimawandels, 85 Prozent davon sind Kinder. Die Gründe seien Hunger durch Missernten, Durchfallerkrankungen, Malaria und Überflutungen, teilte die WHO anlässlich des Expertentreffens in Kopenhagen mit.
Nicht mehr als zwei Grad
Dänemarks Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen sprach sich für Entscheidungen beim Klimagipfel im Dezember aus, mit denen eine Begrenzung der Erderwärmung auf nicht mehr als zwei Grad sichergestellt werde. Zu den bei der Kopenhagener UN-Konferenz als mitentscheidend angesehenen Schwellenländern wie Indien, China und Brasilien meinte er: "Sie müssten schon eine Selbstverpflichtung auf 15 bis 30 Prozent weniger Emissionen als bisher eingehen."
"Alle Warnlampen auf Rot"
Trotz der düsteren Prognosen äußerten sich die Experten in Kopenhagen optimistisch, weitreichende Entscheidungen zur Reduzierung von CO2-Emissionen beim UN-Klimagipfel im Dezember erreichen zu können. Schellnhuber sagte: "Die Entscheidungsträger wissen, dass alle Warnlampen auf Rot stehen." Auch Merkel stehe nach seinem Eindruck trotz Finanz- und Wirtschaftskrise zu ihren klimapolitischen Zielen.
"Anschub zum richtigen Zeitpunkt"
Der britische Klimaforscher Terry Barker von der Universität Cambridge meinte, die Wirtschaftskrise sei keine Gefahr für die Klimapolitik, sondern ein "Anschub genau zum richtigen Zeitpunkt". Nationale Investitionsprogramme mit "grünem Profil" wie durch US-Präsident Barack Obama müsse es in allen Ländern geben. Erforderlich sei eine globale Koordinierung solcher Programme. Auch Stern hob positiv hervor, dass die Krise durch staatliche Förderprogramme "gigantische Investitionsmöglichkeiten für eine grüne Infrastruktur" eröffne.