27.10.2009, 08:40 Uhr | Von Katharina Peters, Spiegel Online
Spionage für den Erzfeind: Die Schwester von Fidel Castro arbeitete mit dem US-Geheimdienst CIA zusammen (Fotos: dpa/ap)
Bündnis mit dem Klassenfeind: Juanita Castro bekennt sich zur Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Geheimdienst - der ihren berühmten Bruder ermorden wollte. In einem Buch will die Schwester des kubanischen Revolutionsführers weitere Überraschungen enthüllen.
Harmonie strahlt diese Familie selten aus: Der Clan des kubanischen Revolutionsführers Fidel Castro streitet sich sogar über Landesgrenzen hinaus. Fidels Tochter Alina beschimpft ihn aus Miami gern als "selbstgerechten Tyrannen". Was die jüngere Schwester des "Máximo Líder" nun aber enthüllt, ist besonders pikant: Sie hat jahrelang für den amerikanischen Geheimdienst CIA spioniert.
Skurrile Mordanschläge auf Castro
In einem Interview mit dem spanischsprachigen Fernsehsender "Noticias Univision 23" in Miami bekannte Juanita Castro, von 1961 bis 1964 für die USA spioniert zu haben - dem Erzfeind ihres Bruders. In dieser Zeit überlebte Fidel Castro zahlreiche Mordanschläge der CIA. Um den Revolutionär zu töten, schmiedeten die amerikanischen Agenten bisweilen skurrile Pläne: Mal erwog man hochgiftige Zigarren, mal mit Sprengstoff gefüllte Muscheln. Der ehemalige kubanische Abwehrchef Fabián Escalante behauptet, nicht weniger als 638 Anschläge auf Castro seien verübt worden - zumindest acht gab die CIA bisher zu.
"Ich war ziemlich schockiert"
Der US-Geheimdienst habe sie damals zu einem Gespräch eingeladen: "Ich war ziemlich schockiert, aber ich sagte zu." Die CIA habe mit ihr sprechen wollen, weil sie "mir interessante Dinge zu sagen hatten und mich um interessante Dinge bitten wollten". Die Zusammenarbeit endete erst, als Juanita 1964 nach Miami ins Exil floh und endgültig mit ihrem Bruder Fidel brach. Dieser regierte Kuba seit 1959 fast ein halbes Jahrhundert. Vor drei Jahren musste er das Amt krankheitsbedingt an seinen Bruder Raúl abgeben.
Geschickte Vermarktung der Geheimnisse
Die Enthüllung in dem Fernsehinterview kommt rechtzeitig zur Veröffentlichung von Juanitas Autobiografie "Fidel und Raúl, meine Brüder. Die geheime Geschichte", die sie gemeinsam mit der amerikanischen Journalistin María Antonieta Collins aufgezeichnet hat. Geschickt treibt die Castro die Vermarktung ihres 432 Seiten starken Buches voran, das nun in Spanien, Kolumbien, Mexiko und den USA erscheint. Das begleitende Fernsehinterview wird in acht Fragmenten gesendet, in denen sie nach und nach Details über ihr Leben und das ihrer beiden revolutionären Brüder ausbreitet. Juanita ist die fünftälteste der sieben Castro-Geschwister und heute 76 Jahre alt.
"Historische Bedeutung für die Welt"
Fern liegt die Vermutung nicht, dass die Geheimniskrämerei die Verkäufe steigern könnte. Die Exemplare seien angeblich in verschlossenen Kisten aufbewahrt und mit einem doppelten Siegel versehen worden. Der Nachrichtenchef des Fernsehsenders "Noticias Univision 23", Emilio Marrero, versprach Neuigkeiten, die von "historischer Bedeutung für Miami und die Welt sein werden".
"Raúl war fröhlich und feierte gerne"
Der Schriftsteller Carlos Alberto Montaner, der das Vorwort zum Buch geschrieben hat, orakelt laut "Basler Zeitung": "Neben dem eigentlichen Geheimnis werden auch andere interessante und unbekannte Neuigkeiten ans Licht kommen. Außerdem begründet Juanita, warum Raúl der bessere Mensch ist als Fidel." Darüber hat sie aber schon vor zwei Jahren mit Montaner in einem anderen TV-Sendung geplaudert. Sie habe nur die besten Erinnerungen an Raúl: "Er war fröhlich, feierte gerne und machte Späße. Alle liebten ihn." Fidel hingegen habe einen völlig anderen Charakter: "Fidel ist ernster." Mit ihren Brüdern sprach Juanita das letzte Mal vor mehr als vier Jahrzehnten.
Juanita inspirierte Andy Warhol
Seit ihrer Flucht aus Kuba Mitte der sechziger Jahre marschierte Juanita bei Demonstrationen der Exilkubaner in Miami mit. Einer ihrer Artikel inspirierte Andy Warhol zu der Filmsatire "The Life of Juanita Castro".
"Wir haben dasselbe Blut"
Wie sehr die Enthüllung ihrer CIA-Tätigkeit die Brüder schmerzt, kann nur vermutet werden. In einem Interview mit dem amerikanischen TV-Sender ABC sagte Fidel Castro 1977 über Juanita: "Wir haben dasselbe Blut in unseren Adern, aber wir haben unterschiedliche Auffassungen." Eine Schwester zu haben, "die mich angreift, weil wir Revolutionäre sind, nimmt mir nicht meine Ehre, es kränkt mich nicht einmal".