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Fall Marwa: Prozess um rassistischen Mord in Dresden beginnt

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"Ein großer Schock"

26.10.2009, 15:25 Uhr | Spiegel Online

Der Angeklagte Alex W. wird zum Prozessauftakt in den Verhandlungssaal im Dresdner Landgericht gebracht (Foto: AP) Der Angeklagte Alex W. wird zum Prozessauftakt in den Verhandlungssaal im Dresdner Landgericht gebracht (Foto: AP)

Fast vier Monate ist es her, dass die Ägypterin Marwa el-Schirbini getötet wurde, niedergemetzelt am 1. Juli im Dresdner Landgericht von einem Deutschrussen mit 16 Stichen. "Für uns ist es ein großer Schock", sagt Tarek al-Schirbini, der Bruder des Opfers: Was, wenn jetzt auch noch ein mildes Urteil gesprochen wird?

An diesem Montag beginnt ausgerechnet am Landgericht Dresden die Hauptverhandlung im Fall el-Schirbini, und schon jetzt sind die Nerven überspannt, in Dresden, in Berlin, in Alexandria. Viele Ägypter nehmen den Fall als Beleg für Rassismus und Islamfeindlichkeit unter Deutschen. Und die fürchten Hass und Gewalt aus der arabischen Welt.

Prozess soll keine Wellen schlagen

Diesmal darf nichts außer Kontrolle geraten, Bundesregierung, Sicherheitsbehörden und das Landgericht wollen um jeden Preis verhindern, dass der Prozess international Wellen schlägt, dass es bei Muslimen weltweit zu wütenden Protesten kommt wie nach den dänischen Mohammed-Karikaturen oder den Thesen Papst Benedikts XVI. über die angebliche Gewaltbereitschaft des Islam.

Alles ging schief

Das Erregungspotenzial ist enorm, bei der Bluttat im Gerichtssaal war schiefgegangen, was nur schiefgehen konnte. Die schwangere Ägypterin verblutete vor den Augen ihres dreijährigen Sohnes, ein Polizeibeamter stürmte erst nach quälend langen Minuten in den Saal und schoss dann aber auf ihren Ehemann, den er wohl für den Täter hielt. Und die Bundesregierung schwieg tagelang, während Demonstranten in Kairo und Alexandria "Nieder mit Deutschland" skandierten.

Wie konnte der Streit auf dem Spielplatz zur Tragödie eskalieren?

Jetzt, bei der dreiwöchigen Verhandlung, wird es um den Täter gehen, um das Motiv des 28-jährigen Deutschrussen Alex W., seinen Rassismus und seine Schuldfähigkeit. Wie konnte ein Streit auf dem Spielplatz, der das Verfahren auslöste, zur Tragödie vor den Augen der Staatsgewalt eskalieren? Haben Gericht und Sicherheitskräfte am Tatort versagt?

"Die Ägypter haben sich die Todesstrafe gewünscht"

Zahlreiche Kamerateams haben sich angesagt, vom ägyptischen Staatsfernsehen über Nile News bis al-Arabija und al-Dschasira. Die Reporter erwarten theatralische Szenen im Gericht. "Die Ägypter haben sich die Todesstrafe gewünscht", sagt al-Dschasira-Korrespondent Aktham Suliman, der Prozess müsse zumindest das Signal vermeiden, der Mord an einer Muslimin sei "nicht so schlimm".

Schwurgericht unter Druck

"Die mediale Aufmerksamkeit, die Aufmerksamkeit im islamischen Raum und die enormen Sicherheitsvorkehrungen sind Gift für dieses Verfahren", sagt Alex W.s Verteidiger Michael Sturm, "es wird sich erweisen, ob sich die Schwurgerichtskammer diesem Druck entziehen kann."

Ägyptischer Anwahl als Vertreter der Nebenklage

Längst hat sich die ägyptische Regierung eingeschaltet. Kairos Botschafter reist mit eigener Delegation zum Prozess, der Präsident der ägyptischen Anwaltskammer sowie ein Staatsanwalt aus Alexandria werden das Verfahren beobachten. Erstmals in einem deutschen Prozess hat das Gericht zudem einen ägyptischen Anwalt als Vertreter der Nebenklage zugelassen, er soll das deutsche Team der Eltern Marwas verstärken.

Fotos der Getöteten kommen verschlossen in die Akte

Es ist ein Prozess, wie es ihn in Deutschland wohl noch nie gegeben hat. Was auch immer für zusätzliche Erregung sorgen könnte, wird nach Möglichkeit vermieden. Fotos der Getöteten vom Tatort oder Obduktionstisch etwa kommen grundsätzlich im verschlossenen Umschlag in die Akte, verfügte die Staatsanwaltschaft, "aus Rücksicht auf ihre Religion".

Witwer erstattet Strafanzeige gegen das Gericht

Selten steht eine deutsche Justizbehörde so unter Beobachtung wie nun das Landgericht Dresden; auch weil es um seine eigene Verantwortung am Tag der Tat geht. Die Gemengelage ist überaus vertrackt: Nur rund 40 Meter Luftlinie vom Tatort entfernt verhandelt die Vorsitzende Richterin nun die Schuld des mutmaßlichen Mörders. Gleichzeitig stehen ihre Kollegen selbst als Beschuldigte dar. Elwi Okaz, der Witwer, geht per Strafanzeige gegen den Gerichtspräsidenten und den Vorsitzenden Richter des damaligen Verfahrens vor - weil diese ihre Sicherheits- und Sorgfaltspflichten verletzt hätten.

Ausschreitungen drohen

Der Bundesregierung gilt die Dresdner Tat deshalb schon seit mehreren Wochen als ausgemachter Krisenfall, nach einer Analyse des Auswärtigen Amts könnten Ausschreitungen vor deutschen Botschaften drohen. Eine Taskforce müht sich nun, den Aufschrei in der arabischen Presse so gut es eben geht zu verhindern.

Rund 20 ägyptische Journalisten sind dabei

"Aktionen zur Versachlichung der Berichterstattung" nennen die Berliner Diplomaten ihre ungewöhnliche Betreuung der arabischen Medien. Rund 20 Journalisten allein aus Ägypten haben sich um eine Akkreditierung bemüht; alle sollen in den Gerichtssaal dürfen, um jeden Eindruck von Zensur zu vermeiden.

Araber bekommen deutsches Recht erklärt

Die Reporter bekommen ein Rundum-Presseprogramm, wie es das sonst selten gibt. Schon vor der Abreise lieferte das Amt über die Botschaft in Kairo ein Dossier zum deutschen Strafrecht, darin wird in arabischen Beiträgen haarklein der Ablauf des Prozesses erklärt. Ein ganzes Kapitel beschäftigt sich mit der für arabische Reporter schwer zu verstehenden Frage, warum es in Deutschland keine Todesstrafe gibt.

"Möglichst neutrale Berichterstattung"

Auch in Dresden sollen die Berichterstatter vom Auswärtigen Amt betreut werden, damit sie den Prozess in keinem Fall missverstehen. Ziel sei es, sagt ein Diplomat, eine "möglichst neutrale Berichterstattung" zu ermöglichen.

Psyche und Biografie des Angeklagten im Mittelpunkt

Keine einfache Mission, spätestens wenn die Verteidigung des Angeklagten die Schuldfähigkeit ihres Mandanten anzweifeln sollte. Und es wird maßgeblich um die Psyche und Biografie des Spätaussiedlers aus dem russischen Perm gehen in diesem Verfahren. Ein vorläufiges psychiatrisches Gutachten sieht allerdings keine Anhaltspunkte für eine Schuldunfähigkeit.

Alex W. war schüchtern und häufig depressiv

Alex W., ein Außenseiter und Hartz-IV-Empfänger, der erst 2003 nach Dresden kam, führte laut Gerichtsakten eine Art Einsiedlerleben: Selten sei er vor die Tür gegangen, er habe sich von Fertiggerichten ernährt und sei häufig depressiv gewesen. Statt beim Arzt Hilfe zu suchen, habe er als "Ersatztherapie" Alkohol getrunken, bis zu zwei Flaschen Wein oder elf Flaschen Bier am Tag. Die Ermittler fanden Gewaltspiele auf seinem Computer. W. selbst spricht demnach von seinen drei Süchten: "Rauchen, Trinken und Spielen". Er sei schüchtern und habe noch keine längere Beziehung gehabt.

Wie ein Roboter gehandelt

Dagegen Marwa el-Schirbini, eine glückliche, gebildete Frau aus guter Familie, studierte Pharmazeutin, ihr Mann promovierte am Dresdner Max-Planck-Institut. Hass habe er empfunden, so Alex W. laut Gerichtsakten, als er die Frau am 1. Juli mit "triumphierendem Blick" zum Ausgang des Gerichtssaals gehen sah. Wie ein Roboter habe er gehandelt.

Mordaufruf im Internet

Eine Bluttat wie diese soll es im Landgericht nicht noch einmal geben. Doch laut Landeskriminalamt Sachsen gibt es "eine Bedrohungssituation" für den Angeklagten und andere Verfahrensbeteiligte. Drohbotschaften aus dem Internet haben das LKA alarmiert. Bereits im Sommer tauchte die einstündige Audiobotschaft eines Scheich Ihab Adli Abu al-Madschd auf, in der dieser in Deutschland lebenden Muslimen nahelegt, den Mörder von Marwa zu töten, und ihnen dafür Gottes Lohn in Aussicht stellt.

Behörden erwogen Umzug

Als Vorsorge gegen Störungen oder gar Gewaltakte erwogen die Behörden zwischenzeitlich sogar, die Verhandlung in den Hochsicherheitsgerichtssaal von Stuttgart-Stammheim zu verlagern. Die Idee wurde verworfen.

Beteiligte und Zuschauer durch Panzerglas getrennt

Ersatzweise ließen sie das Landgericht Dresden zur Festung ausbauen und richteten eine "Soko Marwa" ein. 200 Polizisten werden das Gebäude bewachen. Spezialeinsatzkräfte, Reiter- und Hundestaffeln sowie Scharfschützen sichern das mit Gitterzäunen weiträumig abgeriegelte Areal, Zufahrtsstraßen werden gesperrt, alle anderen Verfahren in andere Gebäude verlegt. Im Verhandlungssaal werden die Verfahrensbeteiligten durch Panzerglas von den Zuschauern getrennt. Den Schutz, den Marwa el-Schirbini nicht hatte, ihr mutmaßlicher Mörder wird ihn bekommen.


Quelle: Spiegel Online

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