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Fall Marwa: Mord aus fremdenfeindlichen Motiven

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Mord aus fremdenfeindlichen Motiven

26.10.2009, 16:22 Uhr

Der Angeklagte Alex W. wird zum Prozessauftakt in den Verhandlungssaal im Dresdner Landgericht gebracht (Foto: AP) Der Angeklagte Alex W. wird zum Prozessauftakt in den Verhandlungssaal im Dresdner Landgericht gebracht (Foto: AP)

Unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen und großem internationalen Medieninteresse hat vor dem Landgericht Dresden der Prozess um den Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini begonnen. Dem 28-jährigen Russlanddeutschen Alex W. wird vorgeworfen, die 31-jährige Muslimin während eines Gerichtsprozesses aus fremdenfeindlichen Motiven vor den Augen ihres kleines Kindes erstochen und ihren Mann schwer verletzt zu haben.

Ein Befangenheitsantrag gegen die drei Berufsrichter wurde zu Verhandlungsbeginn abgelehnt. Zu dem Mord war es im Juli während einer Gerichtsverhandlung im Landgericht gekommen. Die Ägypterin hatte als Zeugin gegen Alex W. ausgesagt, der sie auf einem Spielplatz unter anderem als "Islamistin" und "Terroristin" beschimpft hatte. El-Sherbini, die am Tatort vor den Augen ihres dreijährigen Sohnes starb, war im dritten Monat schwanger.

Proteste der islamischen Welt

Das Verbrechen sorgte für Entsetzen und löste heftige Proteste in der islamischen Welt aus. Von dem Prozess berichten auch ägyptische Journalisten. Die Verteidigung begründete ihren abgelehnten Befangenheitsantrag damit, dass der Prozess im selben Gebäude stattfindet, in dem das Verbrechen verübt wurde. Es gebe eine nahe liegende persönliche Betroffenheit der Richter.

Russischer Spätaussiedler

Die Anklage lautet auf Mord und versuchten Mord. Die Staatsanwaltschaft sieht sowohl das Mordmerkmal des niedrigen Beweggrunds als auch der Heimtücke gegeben. Dem nicht vorbestraften W. droht eine lebenslange Haftstrafe. Er stammt aus dem russischen Perm und kam 2003 als Spätaussiedler nach Deutschland. Zuletzt lebte er von staatlicher Unterstützung.

Mord aus Hass auf Muslime

Bei der Verlesung der Anklageschrift sagte Oberstaatsanwalt Frank Heinrich, W. habe die 31-Jährige und ihren Ehemann vernichten wollen aus "bloßem Hass auf Nichteuropäer und Muslime". W. handelte sich zu Beginn der Verhandlung bereits ein Ordnungsgeld von 50 Euro wegen Missachtung des Gerichts ein, weil er trotz mehrfacher Aufforderung der Vorsitzenden Richterin Birgit Wiegand nicht bereit war, seine Sonnenbrille abzusetzen. Zudem weigerte er sich, nähere Angaben zu seinen Personalien zu machen.

Ehemann: Mord war Minutensache

Der Angriff auf die getötete Ägypterin Marwa El-Sherbini war nach Aussage ihres Ehemannes Minutensache. Elwy Ali Okaz, der bei der Messerattacke am 1. Juli lebensgefährlich verletzt worden war, schilderte zu Prozessbeginn das Geschehen klar und gefasst in arabischer Sprache.

Schwangere Frau zunächst geschlagen

Das Paar habe zusammen mit dem dreijährigen Sohn gerade den Gerichtssaal verlassen wollen, als es vom Angeklagten Alex W. angegriffen wurde, sagte der 32-Jährige. Zunächst sei seine schwangere Frau geschlagen und geschubst worden. Als er sie verteidigen wollte, sei auch er vom Täter geschlagen worden. Als er bemerkt habe, dass der Angreifer ein Messer hatte, habe er es ihm wegnehmen wollen. In diesem Moment seien "Leute" in den Saal gekommen, es sei ein Schuss gefallen, kurz danach habe er das Bewusstsein verloren.

Beleidigung auf Spielplatz

Elwy Ali Okaz berichtigte in einem Punkt bisherige Angaben der Staatsanwaltschaft. Seine Frau habe Alex W. nicht angezeigt, nachdem dieser sie 2008 auf einem Spielplatz unter anderem als "Islamistin" und "Terroristin" bezeichnet hatte. "Sie selbst hat ihn nicht angezeigt, wir haben von unserer Seite keine Schritte unternommen", sagte er. Offensichtlich wurde von Amts wegen ermittelt, denn die Frau hatte damals die Polizei gerufen.

Ehemann am Max-Planck-Institut

Elwy Ali Okaz hatte im Sommer am Dresdner Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik seine Doktorarbeit geschrieben. Nach allem, was passiert sei, habe er kein gutes Gefühl mehr für eine Zukunft in der Stadt, sagte der Witwer.

Außergewöhnlich Sicherheitsvorkehrungen

Aus Sorge vor Racheakten von Extremisten galten in Dresden ungewöhnlich scharfe Sicherheitsvorkehrungen. Rund 200 Beamte sicherten das Gebäude, in den Verhandlungssaal wurden Panzerglasscheiben eingebaut. Der Angeklagte wurde in einem gepanzerten Fahrzeug und begleitet von Spezialkräften der Polizei in das Gerichtsgebäude gebracht.

Mordopfer: die junge Apothekerin und Mutter Marwa el-Sherbini (Foto: dpa) Mordopfer: die junge Apothekerin und Mutter Marwa el-Sherbini (Foto: dpa)

Mann, Bruder und Eltern klagen

An der Verhandlung nimmt auch El-Sherbinis Mann als Nebenkläger teil, der am frühen Nachmittag als erster Zeuge aussagte. Er und seine Frau hatten eigentlich Ende des Jahres nach Ägypten zurückkehren wollen. Auch der Bruder des Opfers war als Nebenkläger anwesend. Insgesamt acht Nebenklage-Anwälte vertreten Witwer, Bruder und Eltern der Toten.

Sehr große Aufmerksamkeit

Zu dem Prozess reisten mehrere Beobachter an, darunter der Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Axel Köhler. "Wir erwarten ein hartes Urteil", sagte er. Zugleich forderte er die Politik auf, das Thema Islamfeindlichkeit auf die Tagesordnung zu setzen. Auch der ägyptische Botschafter Ramzy Ezzeldin Ramzy verfolgte das Verfahren. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Staatsministerin Maria Böhmer, erklärte: "Millionen Menschen verfolgen den Prozess mit großer Aufmerksamkeit. Umso wichtiger ist es jetzt, auf die Unabhängigkeit der deutschen Justiz zu vertrauen und diese zu respektieren." Im ägyptischen Alexandria demonstrierten Dutzende Unterstützer, Freunde und Verwandte der Ermordeten und forderten Gerechtigkeit für sie.


Quelle: dapd

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